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Künstler Mickey Edtinger im Sonntags-Talk: "Tätowieren ist mehr als nur Zeichnen auf der Haut"

Tätowierer Mickey Edtinger im Gespräch mit SALZBURG24-Redakteurin Michaela Berger. SALZBURG24
Tätowierer Mickey Edtinger im Gespräch mit SALZBURG24-Redakteurin Michaela Berger.

Tattoos werden immer gesellschaftsfähiger: Laut einer IMAS-Umfrage aus dem Vorjahr hat rund ein Viertel der Österreicher ein "Peckerl". Einer von ihnen ist auch der Salzburger Mickey Edtinger. Seit mittlerweile acht Jahren hält er selbst leidenschaftlich die Nadel in der Hand – und das, obwohl der heute 45-Jährige nur per Zufall zum Tattoo-Artist wurde. Im Sonntags-Talk spricht er über seine Anfänge und verrät, wie man einen wirklich guten Tätowierer erkennt.

SALZBURG24: Du bist seit acht Jahren im Geschäft und hast mittlerweile zwei Studios, eines in Eugendorf und eines in Freilassing. Wie wird man eigentlich Tätowierer? Gibt es eine Ausbildung oder sticht man einfach drauf los?

MICKEY EDTINGER: Ich selber bin über Umwege zum Tätowieren gekommen. Meine Leidenschaft galt schon immer der Kunst. Doch nach der Schule wollte ich Geld verdienen und so habe ich in der Gastronomie angefangen. Ich habe mir durch die Branche die Welt angeschaut und bin so schließlich in Kalifornien gelandet. Um die 30 herum wurde ich immer unzufriedener mit meinem Job.

Da wurde es offenbar Zeit, meiner wahren Bestimmung nachzugehen. Ich habe ein Kunststudium absolviert und mich der Ölmalerei gewidmet. Vom Tätowieren war da noch keine Spur. Erst einer meiner Kunden hat mir dann diesen folgenreichen Deal vorgeschlagen. Er war Tätowierer und wollte das Malen von mir lernen, im Gegenzug würde er mir sein Handwerk näher bringen. Ganz am Anfang war ich von der Idee überhaupt nicht begeistert. Ich hatte zwar schon selbst ein paar kleinere Tattoos, aber konnte mir das selbst überhaupt nicht vorstellen.

Heute hat das Tätowieren die Ölmalerei nahezu abgelöst. Nach einem Tag im Studio ist meine Kreativität einfach ausgeschöpft. Und leider fehlt oft auch die Zeit. Dennoch hat es das "Öl" in meinen Studionamen "Öl & Tinte" geschafft. Wir starten außerdem am 9. Dezember mit Vernissagen in Freilassing. Ich will das alles unter einen Hut bringen, sozusagen die Künste vereinen: Die hohe Kunst des Malens und Zeichnens sowie Tätowieren und T-Shirt-Design.

Ist künstlerische Begabung für dich eine Voraussetzung um tätowieren zu können?

Absolut! Wir haben viele Bewerbungen auch von Leuten, die nicht wirklich zeichnen können. Da kann ich immer gleich absagen. Das wird einfach nichts.

Was muss ich tun, um Tätowierer zu werden?

Wie gesagt, der erste Blick geht natürlich auf die Zeichenmappe. Bei manchen erkennt man das Talent aber auch an einem einfachen Pinselstrich oder an einer Bleistiftlinie. Je nachdem wie das Gerät gehalten oder geführt wird, besonders wenn es noch keine künstlerische Erfahrung vorhanden ist. Dann folgt die Ausbildung. Bis vor einigen Jahren war der Beruf des Tätowierers noch ein freies Gewerbe, heute ist er den Gesundheits- und Wellnessberufen zugeordnet.

Was macht deiner Meinung nach einen guten Tätowierer aus?

Wichtig ist, dass er mit den Kunden umgehen kann und auch auf Menschen eingehen kann. Die Chemie zwischen Tätowierer und Kunden muss stimmen. Dann kommen natürlich der technische Aspekt und die Umsetzungskraft. Auch große Geduld sollte man für diesen Job mitbringen.

Ich habe schon Leute erlebt, die waren bei wirklich guten und auch in der Szene sehr bekannten Tätowierern, und das Motiv war wirklich 1A gestochen. Dennoch waren sie unglücklich. Einfach weil der Tätowierer sie nicht verstanden hatte, was sie genau wollten und nicht ihren Wunsch, sondern seine eigene Vorstellung umgesetzt hat. Tätowieren ist mehr, als nur Zeichnen auf der Haut.

Ich bin schwer gegen die überhebliche Einstellung mancher Tätowierer à la "Wir sind die Könige und du kannst froh sein, dass du überhaupt zu uns kommen darfst." Diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei. Ich will als Tätowierer nicht hinter verschlossenen Türen arbeiten. Im Studio in Freilassing, das in einer Bar integriert ist, wird hinter einer Glasscheibe tätowiert. So kann jeder zuschauen und sich ein Bild davon machen.

Woran erkenne ich als potenzieller Kunde einen schlechten Tätowierer?

Ich glaube, beim Beratungsgespräch zeigt sich das schon. Das sollte jeder Kunde unbedingt machen. Wenn einem vor dem Stechen kein Gesprächstermin angeboten wird, sollte man schon wieder aus der Tür draußen sein.

Wenn man sich dann noch vorgefertigte Motive aus einer Mappe aussucht und diese 1:1 gestochen werden sollen, spricht das auch nicht gerade für den Tätowierer. Unser Geschäft ist immer noch eine Dienstleistung und da ist es als Künstler unsere Pflicht, auf die Wünsche und Vorstellungen des Kunden einzugehen. Von der Hygiene brauchen wir gar nicht erst zu sprechen. Das ist sowieso klar!

Hast du schon mal ein richtig schlechtes Tattoo gestochen, es dir aber nicht anmerken lassen?

Über so etwas spricht man nicht – natürlich nicht (lacht). Wenn einem Tätowierer ein Fehler unterläuft, darf man sich das einfach nicht anmerken lassen, sonst wird der Kunde panisch.

Ein guter Künstler hat außerdem immer einen Plan B. Da muss man spontan kreativ werden und innerhalb kürzester Zeit eine neue Idee entwickeln. So viel Spielraum sollte man bei jeder Kreation haben. Es kann ja auch immer passieren, dass ein Kunde zuckt und so eine Linie daneben geht. Auch das muss man gekonnt kaschieren können. Aber Fehler passieren. Tätowieren ist immer noch ein Handwerk und kein maschineller Druck.

Mickey Edtinger in Aktion./Privat Salzburg24
Mickey Edtinger in Aktion./Privat

Gibt es Tattoos, die du ablehnen würdest?

Auch das kommt immer wieder vor. Ablehnen würde ich auf jeden Fall, wenn es politisch inkorrekte oder gar rassistische Motive sind. Einmal habe ich zum Beispiel bei einem 16-Jährigen den Schriftzug "ACAB" abgelehnt. Da war auch der Vater bei mir im Studio und wollte für seinen Sohn unterschreiben, dass ich ihm das tätowiere. Er wusste nur nicht, was das überhaupt bedeutet – eben "All Cops Are Bastards".

Hast du selbst Tattoos, die du bereust?

Nein, jetzt nicht mehr (schmunzelt). Ich hatte ein paar, aber die habe ich mittlerweile alle covern lassen. 

Was fasziniert dich generell an Tattoos?

Dass man sich damit ausdrücken kann. Da geht man einen Schritt, trifft eine Entscheidung, die für immer ist. Tätowierte Menschen sind meist sehr entschlossene Leute, die ihren Weg gehen, egal was kommt.

Müssen Tattoos immer eine Bedeutung haben?

Nein, gar nicht! Wir haben Kunden, wo jeder Strich etwas bedeuten muss, aber auch ganz im Gegenteil gibt es Leute, die einfach eine Körperverzierung darin sehen.

Gibt es zur Zeit Motive, die besonders beliebt sind oder anders gefragt, was kommt nach "Arschgeweih" und Unendlichkeitszeichen?

Aktuell sind Mandala-Motive und Dot-Work (keine durchgezogenen Linien, sondern kleine Punkte, Anm.) sehr gefragt. Bei Männern stehen Maori-Tattoos gerade ganz oben auf der Liste.

Sticht man das als Tätowierer noch gern?

Das kommt auf den Tag drauf an und auch auf die Person. Wenn’s zu jemandem gut passt, dann natürlich sehr gern. Aber es ist dann eher Arbeit als eine künstlerische Herausforderung.

Hast du in so einem Fall das gleiche Motiv schon doppelt gestochen?

Nein, das komplett gleiche nicht. Ein paar Änderungen müssen schon sein. Man sollte auf Google nicht seine eigene Tätowierung finden können. Das ist ein absolutes No-Go. Das bin ich meinen Kunden einfach schuldig.

Gibt es bestimmte Motive, die besonders in Salzburg gefragt sind?

Die Silhouette vom Gaisberg, Nockstein oder Untersberg haben wir schon ein paar Mal gestochen. Besonders beliebt ist auch die Festung oder das Salzburg-Wappen.

Die Heimat auf den Fingerknöcheln verewigt./SALZBURG24 Salzburg24
Die Heimat auf den Fingerknöcheln verewigt./SALZBURG24

Du selbst hast ja S-A-L-Z-B-U-R-G auf den Fingerknöcheln stehen. Wie ist es dazu gekommen?

Das habe ich mir erst stechen lassen, als ich von den USA wieder zurück nach Salzburg gezogen bin. Nach meiner Rückkehr bin ich mehr Patriot als ich es zuvor war. Ich musste offenbar erst weggehen, um meine Heimat schätzen und lieben zu lernen.

Gibt es einen Ort in Salzburg, der dich künstlerisch besonders inspiriert?

Als ich wieder nach Salzburg gekommen bin, war es auf jeden Fall die historische Altstadt. Wenn man sich bewusst Zeit nimmt und durch die Gassen schlendert, gibt es so viele kleine Details – etwa an den Fassaden der Häuser – zu entdecken. Kalifornien hat, was die Architektur betrifft, einfach nichts zu bieten.

Lieber Mickey, wir sagen vielen Dank für das nette Gespräch!

 

Zum Abschluss haben wir noch ein paar Spontan-Fragen parat.

Frühaufsteher oder Langschläfer? Frühaufsteher

Chaotisch oder durchgeplant? Ein bisschen in der Mitte, aber eher auf der geplanten Seite.

Schwarz-grau oder knallbunt? Eher schwarz-grau.

Die außergewöhnlichste Stelle, an der du je ein Tattoo gestochen hast?
Ich habe einmal einen "Winnie the Pooh" über den ganzen Bauch gemacht. Der war ca. 25 Zentimeter groß und der Bauchnabel von Winnie war auch der Bauchnabel des Herrn.

Kaffee oder Tee? Kaffee

Hund oder Katze? Katze

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 16.07.2019 um 05:56 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/flachgau/kuenstler-mickey-edtinger-im-sonntags-talk-taetowieren-ist-mehr-als-nur-zeichnen-auf-der-haut-56969881

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