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Sonntags-Talk

Salzburger Jad Turjman: "Integration ist eine Illusion"

Jad Turjman, Mattsee SALZBURG24/Schuchter
Wir haben den 29-jährigen Jad Turjman zum Sonntags-Talk in Mattsee getroffen.

Jad Turjman – Syrer, anerkannter Flüchtling, leidenschaftlicher Fußballer, Hobbykoch und nun auch Autor. Der 29-Jährige lebt seit vier Jahren in Salzburg und hat die Geschichte seiner Flucht in ein Buch verpackt – auf Deutsch. Im Sonntags-Talk sprechen wir mit Jad unter anderem darüber, wie das Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen funktionieren kann.

Mattsee

"Wenn der Jasmin auswandert" (12.02.2019, Residenzverlag) hat Jad Turjman sein Debütwerk genannt, Karim El-Gawhary schrieb das Vorwort dazu. Am 7. Februar hat er es in Wien zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Seither tingelt er quer durch Österreich, um seine Geschichte zu erzählen. Mit dem Erlös will Jad Kindern in Syrien Psychotherapien ermöglichen, die dabei helfen sollen, die traumatischen Erlebnisse des Krieges aufzuarbeiten.

Zum Interview treffen wir Jad in einem Bäckerei-Café in seiner neuen Heimatgemeinde Mattsee im Flachgau. Er bestellt sich ein Soda Zitron, wirkt zurückhaltend und gleichzeitig selbstbewusst. Er scheint für jede Frage bereit.

SALZBURG24: Jad, du schreibst und sprichst hervorragend Deutsch. Woher kommt das?

JAD TURJMAN: Zufrieden bin ich noch nicht, ich lerne weiter. Die deutsche Sprache ist wie ein Fass ohne Boden. Man kann so viel lernen und ist nie fertig. Sprachen sind meine Hobbies. Ich kann Französisch und Englisch, und wenn man schon eine Fremdsprache studiert oder gelernt hat, dann fällt es einem leichter, neue Sprachen zu lernen.

Worum geht es in deinem Buch?

Das Buch ist im Wesentlichen meine Fluchtgeschichte. Ich habe versucht, einerseits das politische Geschehen in Syrien aufzuschreiben und andererseits beschreibe ich den Alltag, wie die Menschen dort leben. Mir geht es darum, dass man hier vielleicht ein Verständnis dafür bekommt, dass manche Menschen anders sind und anders handeln.

Jad Turjman, Landesrätin Andrea Klambauer Land Salzburg/Christine Schrattenecker
Jad Turjman mit Landesrätin Andrea Klambauer (NEOS) bei der Präsentation seines Buches "Wenn der Jasmin auswandert".

Warum wolltest du deine Fluchtgeschichte aufschreiben?

Ich habe vor drei Jahren eine Ausbildung im Bereich Trauma-Therapie gemacht. Dabei ging es darum, unangenehme Erinnerungen aufzuschreiben. Und dadurch, dass ich früher in Damaskus englische Literatur studiert und auf Arabisch schon kleine Gedichte oder Novellen geschrieben habe, habe ich das auf meine eigene Art getan. Als ich die Texte dann ein paar Monate später wieder gelesen habe, klang es wie ein Buch. Ich wurde dann auch von anderen ermutigt weiterzuschreiben und das als Buch zu veröffentlichen.

Warum bist du geflüchtet?

Ich habe den Einberufungsbefehl bekommen und sollte zum Militär gehen. Das wollte ich nicht. Denn das hätte bedeutet, ich müsste Menschen umbringen. Und ich kann nicht mal ein Huhn schlachten, dafür bin ich nicht geeignet. Deswegen wollte ich gehen.

Eigentlich wollte ich im Libanon bleiben, doch da war die Situation nicht besser – Perspektivlosigkeit, Rassismus, alles Mögliche. Deswegen bin ich in die Türkei weitergereist, wo sich mehrere Syrer auf den Weg nach Europa gemacht haben. Ich wollte in einem Land leben, in dem jeder Mensch so respektiert wird, wie er ist.

War Österreich gleich dein erstes Ziel?

Nicht ganz. Österreich hat für mich zu dem Zeitpunkt eine untergeordnete Rolle gespielt, das Land war mir nicht so bekannt. Ich wollte nach Schweden oder Deutschland, dort hatte ich Freunde. Doch am Weg nach Dortmund wurde ich im Zug in Österreich von der Polizei aufgegriffen. Das war dann das Ende der Reise. Aber ich bereue nicht, dass ich erwischt wurde. Ich glaube, das war eine großartige Fügung des Schicksals.

Was bedeutet Heimat für dich?

Mit dieser Frage habe ich mich nie wirklich beschäftigt. Denn ich bin der Meinung, dass es nicht DIE Heimat gibt. Der Mensch ist in einem Entwicklungsprozess. Die Interessen eines Menschen ändern sich mit der Zeit und dementsprechend wird sich für ihn auch die Bedeutung von Heimat ändern. Heimat ist meiner Meinung nach eine Frage der Wahrnehmung. Es hat viel mit Gefühlen zu tun, und in meinem Fall, wo man sich akzeptiert fühlt.

Fühlst du dich in Österreich akzeptiert?

An einem Tag ja, am anderen Tag nein. Das hängt davon ab, welchen Menschen man begegnet. Ich versuche jedoch ganz bewusst die positiven Erfahrungen wahrzunehmen und die negativen auszublenden. Wenn man das Negative zu sehr in sich hineinlässt, hat das schlechte Folgen. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich manchmal noch introvertierter wurde und ich meine Außenwelt gemieden habe. Und ich bin nicht in der Lage und es ist auch nicht meine Aufgabe, alle Menschen, die Flüchtlingen gegenüber negativ eingestellt sind, aufzuklären.

Hast du Erfahrungen mit Rassismus in Österreich gemacht?

Es ist immer die Frage, was ist Rassismus überhaupt? Rassismus hat viele Gesichter. Eines davon ist der Nationalstolz. Wenn man stolz ist, weil man zum Beispiel Syrer oder Österreicher ist, dann bedeutet das, man fühlt sich besser, als andere. Und wenn man sich besser als andere fühlt, dann würdigt man das Gegenüber automatisch herab. Und das ist eine Bewegung, die hier in Österreich deutlich zu spüren ist.

Du sprichst die österreichische türkis-blaue Bundesregierung an.

Ja. Das, was jetzt in Österreich passiert, ist keine Politik. Ich frage mich, ob den Politikern bewusst ist, dass sie über Menschen reden und entscheiden. Zum Beispiel, wenn es jetzt um das Thema Sicherungshaft für Asylwerber geht: Kriminelle hatten bislang immer mit den gleichen Konsequenzen zu rechnen, nämlich, dass sie weggesperrt werden. Warum sollte jetzt unterschieden werden zwischen kriminellen Einheimischen und kriminellen Ausländern? Das verstehe ich nicht. Wenn ein Asylwerber straffällig wird, muss man ihn bestrafen, wie alle anderen auch.

Die Stimmung, die durch die Politik gemacht wird, ist sehr ungesund. Es gibt Probleme und dafür brauchen wir Lösungen, aber keine Stimmungsmache, Hetze oder Gewalt.

Wäre beispielsweise Integration eine Lösung?

Echte Integration gibt es nicht, das ist eine Illusion. Aber was es gibt, ist das Zusammenleben. Und das funktioniert nur, wenn sich beide Köpfe öffnen, mit positiver Haltung begegnen und entgegenkommen, auch was die religiösen Ansichten betrifft. Es ist ganz normal, dass es zu Konflikten zwischen Einheimischen und Zugezogenen kommt. Es geht darum, wie wir mit diesen Konflikten umgehen.

Ich finde, man muss einsehen, dass es keine ideale Beziehung gibt. Weder zwischen Geschwistern, noch Paaren oder Kulturen. Es gibt immer Diversitäten, Unterschiede, Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten. Das Problem liegt meiner Meinung daran, dass Medien das Negative hervorheben und dadurch die Wahrnehmung der Gesellschaft beeinflussen. Dem Medienkonsumenten wird suggeriert, dass es Probleme gibt, die nicht bewältigt werden können. Nur das ist nicht die Realität.

Das Land hat mit DIALOG 2019 ein neues Integrations-Projekt gestartet, bei dem es auch darum geht, dass Einheimische ihre Ängste und Sorgen gegenüber Ausländern und Flüchtlingen kommunizieren können. Kannst du die Ängste und Sorgen eigentlich nachvollziehen?

Ja, die sind auch berechtigt. Wenn berichtet wird, dass es irgendwo einen Anschlag gibt, dann habe ich selbst Angst. Denn ich bin ja vor diesen Menschen geflohen. Und es ist Aufgabe der Politik Dialogräume anzubieten, das finde ich gut. Und bei diesem Projekt geht es um einen Dialog. Das ist etwas anderes als eine Diskussion. Bei einem Dialog spricht man auf Augenhöhe miteinander, ohne Absicht den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen. Ich bin für jeden Dialog offen und bereit.

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DIALOG 2019 - Der Salzbruger Weg der Integration. Im Bild von links: Wolfgang Schick, Landesrätin Andrea Klammbauer, Melih Öner, Tina Widmann, Franz Neumayer, Jad Turjman und Stefan Wally,

Was sagst du zu Menschen, die Flüchtlingen mit Vorurteilen begegnen?

Ich würde sage, vergiss, was, dir Dramatisches erzählt wird und was du im Fernseher siehst, sondern versuche – wenigstens einen Tag lang – eine neue Erfahrung zu machen und sprich direkt mit den Menschen, die zum Beispiel wie ich aus Syrien kommen. Egal, ob sich deine Meinung ändert oder nicht – du hast die Erfahrung selbst gemacht und nur darum geht es.

Damit sage ich viele Dank für das Interview, Jad.

Natürlich. Sehr gerne.

Jad Turjman ist 1998 in Damaskus geboren, studierte englischsprachige Literatur und war in der Stadtverwaltung in Damaskus tätig. Seit 2015 lebt Turjman in Salzburg und arbeitet bei Akzente Salzburg. Seine nächste Buchpräsentation ist am 30. März in der Buchhandlung Stierle (Kaigasse 1) in Salzburg. Alle weiteren Termine findet ihr HIER.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 23.10.2019 um 05:20 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/flachgau/sonntags-talk-salzburger-fluechtling-und-autor-jad-turjman-integration-ist-eine-illusion-67599589

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