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Verein Erdling: Die Rebellen am Gemüsefeld

Am Feld ist gemeinsames Garteln angesagt. Verein Erdling
Am Feld ist gemeinsames Garteln angesagt.

Seit April 2015 pflanzen die Erdlinge in der Stadt Salzburg und in Oberndorf (Flachgau) nachhaltig Gemüse an. Eine Crowdfunding-Kampagne soll jetzt nicht nur dabei helfen, die eigenen Anlagen auszubauen, sondern auch eine Botschaft in die Welt tragen. Hier lest ihr, wie ihr Teil davon werden könnt und was das mit Slowdating und Regenwurm-Patenschaften zu tun hat.

Das Feld des Vereins Erdling liegt idyllisch eingebettet im Salzburger Stadtteil Aigen. Umgeben von Bauernhöfen und den Villen des wohlhabenden Stadtteils wachsen hier, leicht erhöht über der Mozartstadt, Zucchini, Zwiebel, Kohlrabi, Tomaten und Co. Normale Gemüsebauern sind hier aber nicht am Werk. Die Erdlinge, wie sie sich die Mitglieder der gemeinschaftlichen Landwirtschaft selbst bezeichnen, wollen etwas verändern.

Den Erdlingen geht es um mehr als Lebensmittel

„In Österreich jammert man sehr gern“, sagt Vorstandsmitglied Christian Steinbichler. Es herrsche eine Einstellung vor, dass vieles schlecht laufe, man aber eh nichts verändern könne, sagt der Unternehmer bei einem Pressegespräch am Mittwoch. Die Erdlinge stehen genau für das Gegenteil. Für die Vereinsmitglieder heißt das, nicht einfach Lebensmittel produzieren zu wollen. Man will das mit einer Nachhaltigkeit tun, die über die Bio-Idee hinaus geht. Dazu braucht es das entsprechende Know-how.

So wird man "gut im Beet"

Für die Expertise in der Erdling-Anbauphilosophie ist Michael Limmer zuständig. „Der Boden teilt den Pflanzen mit, wie es ihm geht“, sagt der Landwirt. Deswegen sei es wichtig, dass Bearbeitung, Düngung und pflanzenbauliche Maßnahmen wie die Fruchtfolge so angelegt sind, dass sich die fruchtbare Erde aufbaut. Der Boden wird bei den Erdlingen daher nur wenige Zentimeter tief mechanisch bearbeitet. Dazu wird der Untergrund mit Mulch bedeckt, der Bodentiere und Organismen mit Nährstoffen versorgt und die Humusschicht, also den fruchtbaren Boden, anwachsen lässt. Das Erdreich gibt das an die Pflanzen weiter, eine zusätzliche Düngung ist nicht mehr notwendig.

Die Erdlinge Christian Steichbichler, Antonia Osberger und Michael Limmer./S24/Gann Salzburg24
Die Erdlinge Christian Steichbichler, Antonia Osberger und Michael Limmer./S24/Gann

Landwirt Limmer ist überzeugt, dass es so das Beste für Boden und Pflanzen ist. „Der beste Dünger ist jener, der beim Regenwurm hinten raus kommt“, erklärt er. Selbstredend, dass der Verein keine Chemikalien einsetzt, organische Abfälle landen auf dem Kompost oder bei den vereinseigenen Hasen. In der herkömmlichen Landwirtschaft sei diese Herangehensweise aber kaum zu finden, kritisiert der Spezialist für Bodenprozesse. Auch die Bio-Landwirtschaft sei dahingehend „noch nicht am Ende der Weisheit angelangt“, so Limmer. Erdling zu sein, das heißt auch, gegen die herkömmliche Lebensmittelproduktion zu rebellieren.

Was man tun muss, um ein Erdling zu werden

„Es braucht das Engagement der Mitglieder, sonst läuft das nicht“, erklärt Geschäftsleiterin Antonia Osberger. Und 63 Euro Mitgliedsbeitrag. Von der Entscheidung, was angebaut wird, bis zum Abernten, tragen die Erdlinge alle Arbeits- und Entscheidungsschritte gemeinsam mit, danach wird die Ernte aufgeteilt. Zwischen März und Oktober fallen etwa zwölf Stunden monatliche Arbeitszeit für die 70 Mitglieder auf den insgesamt etwa 16.000 Quadratmetern Acker in Aigen und Oberndorf an, jede und jeder muss ran. Es geht dabei aber nicht nur darum, notwendige Arbeit zu verrichten. Durch das Mitwirken an der Nahrungsmittelproduktion soll ein Bewusstsein geschaffen werden, welche Auswirkungen auf Böden und auf das geerntete Gemüse je nach Art der Herstellungsbedingungen sind und welche Alternativen man ausprobieren kann.

Für Leute, die diese Zeit nicht aufbringen können oder wollen ist aber eine Lösung in Sicht. Die Mitglieder diskutieren gerade einen höheren Mitgliedsbeitrag, der vom Mithelfen befreit. Dem muss aber der Erdrat, die monatliche Mitgliederversammlung, zustimmen.

Crowdfunding via Slowdating und Regenwurm-Patenschaft

Auch kooperativer Gemüseanbau geht nicht ganz ohne Investitionen. Man will weitere Folientunnel anschaffen, um mehr klimatisch sensibles Gemüse wie Tomaten und Paprika anpflanzen zu können. Die Felder in Oberndorf brauchen dazu dringend Drainagen und Sickergruben, um nach Regenfällen nicht unterzugehen. Daher starteten die Erdlinge ein Crowdfunding. Vom ehrgeizigen Ziel von 12.300 Euro ist bisher knapp ein Zehntel erreicht. Auch Nichtmitglieder können freilich mitmachen und erdige Goodies erwerben. Für Singles gibt es ein Slowdating beim gemeinsamen Gärtnern um 19 Euro. Eine Regenwurm-Patenschaft ist für 49 Euro drin, eine Luxusmitgliedschaft inklusive gratis Gemüse schlägt 685 Euro zu Buche. All das für eine bessere Zukunft unseres Gemüses. Wer will da nicht Erdling werden?

Aufgerufen am 15.02.2019 um 11:48 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/flachgau/verein-erdling-die-rebellen-am-gemuesefeld-56423329

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