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Stern, Doppelpunkt, Binnen-I

Gendern: Wenn Sprache die Gemüter erhitzt

Werden Frauen mitgenannt, werden sie auch mitgedacht

symb_gendern SALZBURG24/GRUBER
Viele Kritiker behaupten, die rhetorische Gleichbehandlung von Mann und Frau würde unsere Sprache verschandeln. (SYMBOLBILD)

Ein Doppelpunkt, ein Sternchen oder ein „i“ in der Mitte des Wortes: Kleine Zeichen der Gleichbehandlung, die oft die Gemüter erhitzen. Gendern würde die Sprache verschandeln und trage ohnehin nicht zur Gleichberechtigung bei, sind sich viele sicher. Aber stimmt das? Darüber haben wir mit zwei Salzburger Professorinnen gesprochen.

Politiker, Sportler, Journalisten – wenn von ihnen die Rede ist, haben viele unwillkürlich das Bild eines Mannes im Kopf. Anders verhält es sich, wenn von Politiker*innen, Sportler:innen oder JournalistInnen die Rede ist. Denn „wird weiblich mitgenannt, wird es auch eher mitgedacht“, wie uns Nadine Zwiener-Collins erklärt. Sie forscht an der Universität Salzburg zu den Themen Politik und Geschlecht sowie Diversität und Gleichberechtigung.

Wird die Sprache verschandelt?

Es gibt unzählige Arten, Sprache geschlechtergerecht zu gestalten. Viele sträuben sich aber gegen jede davon. Das häufigste Argument: Gendern würde die Lesbarkeit verschlechtern. „Das wird sehr häufig kritisiert. Aber eigentlich wurde das in unzähligen Untersuchungen widerlegt“, wie Zoe Lefkofridi, Professorin für Diversität und Gleichberechtigung an der Universität Salzburg, betont.

Verständnis leidet nicht unter Gendern

Unzählige Studien würden zeigen, dass der Lesefluss unter der Gender-Gerechtigkeit nur minimal leidet. Dazu wurden Versuchsgruppen gebildet, einer wurde ein Beispieltext ungegendert vorgelegt und den anderen jeweils mit einer anderen Art des Genderns. „Am Ende wurden die Gruppen zu Lesbarkeit und Verständnis des Textes befragt. Tatsächlich ist es so, dass die verschiedenen Formen der geschlechtergerechten Schreibweise unterschiedlich gut lesbar sind, aber insgesamt ist das Verständnis nicht merklich beeinträchtigt“, erklärt Zwiener-Collins.

 

Frauen im gedanklichen Hintergrund

Die positiven Auswirkungen würden außerdem klar zu Buche schlagen. „Bei Stellenanzeigen wird das sehr deutlich. Wenn eine Stellenanzeige im generischen Maskulinum formuliert wird, also nur in der männlichen Form, bewerben sich tendenziell viel weniger Frauen für diese Stelle“, so Zwiener-Collins. Nicht nur, dass sich Frauen benachteiligt oder nicht angesprochen fühlen, auch würden sie in einem beruflichen Kontext gedanklich in den Hintergrund rücken.

"Werden Frauen repräsentiert, werden auch ihre Leistungen anerkannt"

Das Nicht-Nennen von Frauen hat auch in einem Bereich, der uns alle betrifft, erhebliche Konsequenzen: In der Politik. „Hört man überwiegend von Politikern, stellen sich sowohl Männer als auch Frauen männliche Politiker vor. Das hat letztendlich starken Einfluss darauf, wer in der Politik als kompetent eingeschätzt wird“, erklärt Lefkofridi. Zudem werden Frauen nach wie vor, sowohl von Männern als auch Frauen selbst, als weniger geeignet angesehen. Sprache könne dies ändern. „Wenn Frauen in der Sprache repräsentiert sind, werden auch ihre Leistungen, Werke, Beiträge und somit im Endeffekt auch ihr Wert anerkannt“, betont die Professorin.

 

Täglich grüßt die Gender-Debatte

Warum sträuben sich dennoch bei vielen die Haare, wenn von Gendern die Rede ist? Geht es wirklich nur um Lesbarkeit und Erhaltung der Sprache? Zwiener-Collins ist sich da nicht so sicher: „Würde es wirklich um die Qualität des Lesens gehen, wäre diese Debatte bestimmt wesentlich sachlicher.“ Vielmehr habe sie den Eindruck, dass ein genereller Unwille herrsche, Sprache zu verändern oder anzupassen. „Veränderungen stoßen bei vielen Menschen auf Ablehnung. Und im Sinne von Gleichberechtigung und Inklusion wollen sich viele nicht vorschreiben lassen, wie sie zu sprechen haben.“ Dabei betreffe die Gender-Debatte lediglich berufliche oder öffentliche Kommunikation. Wie privat gesprochen wird, bleibe ohnehin jedem selbst überlassen.

Alles eine Sache der Gewohnheit

Dass sprachliche Veränderungen die Gemüter erhitzen, hätten auch Rechtschreibreformen stets bewiesen. „Der Aufschrei war groß, aber heutzutage schreibt jede und jeder wie selbstverständlich nach diesen Regeln“, erklärt die Forscherin. Letztendlich sei es schlichtweg eine Gewohnheitssache. Und eine kleine Umgewöhnung ist doch ein geringes Opfer zugunsten von Gleichberechtigung und Respekt.

(Quelle: SALZBURG24)

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