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Betretungsverbote häufen sich

Gewalt gegen Kinder in Salzburg 2021 gestiegen

Krisenmonat Dezember noch nicht erfasst

Einen erneuten Anstieg an häuslicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und Vernachlässigung brachte das zweite Jahr der Corona-Krise mit sich, so die Kinder- und Jugendhilfe Salzburg. Es sei zu deutlich häufigeren Meldungen von Gewalt gekommen, außerdem seien um 55 Prozent mehr Betretungsverbote ausgesprochen worden als im Vorjahr.

Der bereits 2020 (668 Fälle) im Vergleich zu 2019 (480 Fälle) deutliche Anstieg an Gefährdungsabklärungen habe 2021 eine weitere Steigerung erfahren, teilt die Stadt Salzburg in einer Aussendung mit. 774 Mal seien Meldungen von Institutionen und Privatpersonen zu Verdachtsfällen von Vernachlässigung, Gewalt und sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen heuer schon erfolgt (Stand November 2021).

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Immer mehr Meldungen über häusliche Gewalt

„Das ist eine nochmalige Steigerung um 27% auf das Jahr 2020 und um erschreckende 76% im Vergleich zu 2019. Und das, obwohl der Krisenmonat Dezember hier noch nicht einmal erfasst ist. Im Schnitt haben wir heuer 15 Meldungen pro Woche, das sind zwei pro Tag. Gefährdungsabklärungen stehen für die Kollegen also buchstäblich auf der Tagesordnung“, so Adelheid Moser, die Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt.

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Im Vergleich zu 2020 (184 Fälle) habe sich auch die Zahl der Wegweisungen und Betretungsverbote 2021 (bis Ende November bereits 285 Fälle) deutlich erhöht. Das entspricht einer Steigerung um 55%.

Große Zahl an Fällen Herausforderung

Für die Sozialarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe würden diese Zahlen eine enorme Herausforderung. Nur durch intensive Zusammenarbeit mit den Familien, den Kooperationspartner und Gewaltschutzeinrichtungen wie dem Gewaltschutz- und Kinderschutzzentrum sowie den Gerichten könne diese große Zahl an Abklärungen derzeit noch bewältigt werden.

Taskforce „Schutzschirm Salzburg“

„Wir haben intern bereits im Sommer darauf reagiert und unter dem Projektnamen „Schutzschirm Salzburg“ eine Taskforce ins Leben gerufen, die das Ziel hat die eigenen Abläufe innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe zu verbessern und eine intensivere Vernetzungsarbeit mit den verschiedenen Institutionen voranzutreiben. Denn in der Krise müssen wir alle zur Verfügung stehenden Kräfte bündeln und die Zusammenarbeit optimieren“, so Abteilungsvorstand Patrick Pfeifenberger. „Mein besonderer Dank geht hier an die ressortverantwortliche Stadträtin und die gesamte Stadtpolitik, die uns in der Krise immer unterstützt haben. Es war in der Bewältigung der Krise Gold wert, dass die Stadt Salzburg als einzige Bezirksverwaltungsbehörde keine ihrer Jugendamt-Sozialarbeiter ins Contact Tracing abkommandieren musste. Es ist schwer vorstellbar, wie wir den Anstieg mit vermindertem Team hätten bewältigen können“, so Pfeifenberger.

Jugendstudie in Auftrag von Stadt

Bereits im März 2021 gab die Jugendstudie der Stadt Salzburg, die sich mit den Auswirkungen von Corona auf die Jugend beschäftigte, Hinweise auf genau jene Defizite, die aktuell Anlass zur Besorgnis geben.

„Wir haben damals nicht nur mit der Intensivierung unserer Initiative „Mensch mach’s möglich“: #gewaltfreiestadtsalzburg reagiert. Es war auch klar, dass es mehr Ressourcen brauchen wird. Diese konnten wir dankenswerter Weise auch im heurigen Budget verankern“, so Stadträtin Anja Hagenauer (SPÖ). Die Kinder und Jugendhilfe wird im kommenden Jahr durch drei zusätzliche Sozialarbeitern verstärkt werden.

„Koste es, was es wolle“

Angesichts der aktuellen Zahlen zum Jahresende und einer noch immer ungewissen Zukunft in Bezug auf die Entwicklung der Pandemie ist das für Hagenauer aber nicht genug: „‘Koste es, was es wolle‘ war das große Motto der Politik, wenn es um die Rettung der Wirtschaft und des Tourismus ging. ‚Koste es, was es wolle‘ muss jetzt endlich auch für den Sozialbereich, allen voran für unsere Kinder, gelten. Hier vermisse ich schmerzlich denselben Nachdruck der Entscheidungsträger“, so die Stadträtin.

Hagenauer fordert mehr Fokus auf Nachsorge

Hagenauer konkretisiert: „Gerade in der Nachsorge müssen wir viel mehr tun. Nicht nur bei denen die bereits in der Kinder- und Jugendhilfe angedockt sind, sondern bei allen Kindern. Alle Experten bestätigen uns, dass es hoch an der Zeit ist den psychischen Belastungen unserer Kinder und Jugendlichen mit psychotherapeutischen Hilfsangeboten zu begegnen. Hier müssen wir landesweit in die Gänge kommen und schnellstens Angebote schaffen, wenn wir unsere Kinder nicht mit den Folgen der Krise allein zurücklassen wollen. Hier zu schlafen, wäre sowohl für die Kinder als auch für die Gesellschaft verheerend. Denn Kinder und Jugendliche jetzt im Stich zu lassen, bedeutet in 15 Jahren Erwachsene mit Burnout und Depression behandeln zu müssen. Mit allen gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Folgen“, so Hagenauer weiter.

Stadträtin will „Fahrplan“ bis 2024

Ich fordere daher einen Fahrplan für die nächsten drei Jahre, wie wir der „vergessenen Corona Generation“ bis 2024 wieder auf die Beine helfen können. Hier muss es schnell zu einer Zusammenarbeit von Bund und Ländern auf der einen Seite und den Expert:innen von ÖGK und Kinder – und Jugendhilfe auf der anderen Seite kommen. Gemeinsam soll so ein Drei-Jahresplan für die psychische Gesundheit unserer Kinder erarbeitet werden.“

Jugendzentren auch im Lockdown erreichbar

Obwohl die Jugendzentren – mit Ausnahme des ersten Lockdowns – durchgehend erreichbar waren, blieben durch das Wegfallen außerfamiliärer Strukturen wie der Schule vor allem die Probleme von Jugendlichen aus äußerst schwierigen Familienverhältnissen länger unbemerkt als sonst. Eine steigende Anzahl an Jugendlichen waren dadurch aus den meisten Betreuungskontexten, die in der Vergangenheit Halt gaben, herausgefallen und so weder für ihre Eltern noch für die Kinder- und Jugendhilfe „greifbar“. „Besonders erschreckend war dabei der Umstand, dass es sich bei diesen Jugendlichen zu 75% um Mädchen handelte, bei denen wir davon ausgehen müssen, dass sie latent von sexuellem Missbrauch und Gewalt bedroht sind“, so Adelheid Moser.

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Zwar war im Oktober 2021 mit über 20 Jugendlichen in dieser Thematik ein minimaler Rückgang zu beobachten, der jedoch - im Vergleich mit den Vorjahren 2019 und 2020 (je ca. 5-7 Jugendliche) – nach wie vor als kritisch einzustufen ist.

Re-Integration in den Schulalltag schwierig

Genauso konnten im Herbst des Jahres einige Kinder und Jugendliche nach der langen Homeschooling-Phase bis zum Sommer 2021 nur mit großen Schwierigkeiten oder auch gar nicht mehr in den Schulalltag zurückkehren. Dadurch erfolgte auch bei den Familien, die von der Kinder- und Jugendhilfe Unterstützung bekommen, aber grundsätzlich selbst gut organisiert sind, eine zusätzliche spürbare Destabilisierung. „Die Kinder und Jugendlichen gingen nicht mehr zur Schule, verbrachten enorm viel Zeit in der Computerwelt, wo sie den Peers nur noch virtuell begegneten. Manche Kinder und Jugendliche wurden spielsüchtig und mussten psychiatrisch abgeklärt werden“, beschreibt Moser die Situation.

(Quelle: SALZBURG24)

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