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Sexueller Missbrauch: "Nur 40 Prozent Verurteilungen"

Leiter des Salzburger Kinderschutzzentrums im Sonntags-Talk

Gewalt APA/HELMUT FOHRINGER
Gewalt gegen Kinder ist auch in Salzburg weiterhin alltäglich (Symbolbild).

In Niederösterreich filmte eine Mutter ihre Tochter für Kinderpornos, in Frankreich wurde ein Bub von der eigenen Familie erschlagen: Gewalt gegen Kinder ist weiterhin allgegenwärtig. In Salzburg sind jährlich mehr als 1.000 Kinder davon betroffen. Doch wie kommt es dazu und wie kann man Kinder davor schützen? Das erklären die Leiter des Kinderschutzzentrums Salzburg im Sonntags-Talk.

Das Kinderschutzzentrum Salzburg wurde vor 30 Jahren als erst zweites in ganz Österreich gegründet. Seither hat sich in Sachen Kinderschutz einiges getan, doch alleine in Salzburg geht man pro Jahr von etwa 600 Missbrauchsopfern aus. Mehr als 1.000 Kinder erleben pro Jahr wohl Gewalt. Dabei kommen 90 Prozent der Täter aus dem familiären Umfeld.

Jene, die sich Hilfe suchen, finden sie bei den Betreuern des Kinderschutzzentrums. Im Jahr 2017 wurden hier 432 Minderjährige betreut. Geschäftsführer Peter Trattner und Sabrina Galler, die als Psychologin die fachliche Leitung inne hat, geben Einblick in die Dynamiken von Gewalt gegen Kinder.

50048287_392584968154172_3275152097821065216_n.jpg SALZBURG24/Winkler
Sabrina Galler und Peter Trattner versuchen, Kindern nach Gewalterfahrungen zu helfen.

SALZBURG24: Wie kommt es überhaupt zu Gewalt gegen Kinder?

SABRINA GALLER: Es gibt unterschiedliche Ursachen für Gewalt. Eltern geben etwa selbst immer öfter an, dass sie in Überforderungs- und Krisensituationen zu Gewalt greifen und Konflikte damit lösen. Psychische Gewalt ist auch ein riesengroßes Thema, dabei ist die „Wohlstandsvernachlässigung“ eine Ursache. Das heißt, den Kindern wird alles an Prestige geboten, aber die emotionale Komponente fehlt. Bei sexualisierter Gewalt gibt es Faktoren, die diese wahrscheinlicher machen. Dazu zählen Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Familien, die sehr isoliert leben, oder auch solche, wo alles sehr offen ist und die Grenzen gering sind.

 

Gibt es eine Art von Gewalt, die aktuell häufiger auftritt?

GALLER: Grundsätzlich können wir sagen, Gewalt gegen Kinder hat es immer schon gegeben. Bei körperlicher Gewalt sehen wir eine Veränderung. Schwere körperliche Gewalt wird abgelehnt, leichte körperliche Gewalt wird zum Teil noch toleriert. Bei psychischer Gewalt ist das Problem, dass sie sehr diffus, den Eltern bewusst oft nicht bewusst ist: Das sind Drohungen, Erpressungen, das Runtermachen der Kinder. Bei sexualisierter Gewalt wissen wir auch, dass es das immer schon gegeben hat. Ich glaube aber nicht, dass es mehr oder weniger geworden ist, sondern, dass die Allgemeinheit sensibler geworden ist für das Thema.

PETER TRATTNER: Wir glauben, dass in Summe die Gewalt gegen Kinder vielleicht sogar weniger wird, aber viel mehr Fälle ans Tageslicht kommen. Jahrzehntelang ist alles unter den Teppich gekehrt worden, wenn sich jemand anvertraut hat, ist ihm nicht geglaubt worden und es gab eine massive Täter-Opfer-Umkehr. Das ist heute anders, auch die Zivilcourage hat sich verändert.

Die Kinder sind in der Folge traumatisiert. Wie zeigt sich das?

GALLER: Kinder haben Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen oder Aggressionen. Viele zeigen auch psychosomatische Beschwerden. Die Symptome sind ein Versuch der Kinder, mit dem Erlebten umzugehen. Sie haben eine gewisse Funktion, sind aber in Summe schädlich für das Kind.

Wie gehen Sie damit um, dass die Täter oft Menschen sind, die den Kindern sehr nahestehen?

GALLER: Wir wissen, dass Gewalt gegen Kinder im nahen Bezugsystem passiert. Die Familie, der Ort, der eigentlich Schutz bieten sollte, wird zur Gefahr und zur Bedrohung. Da arbeiten wir mit der Kinder- und Jugendhilfe zusammen, wenn es Schutzmaßnahmen von außen braucht. Es gibt durchaus Eltern, die sich melden und sagen: Ich schlage mein Kind, bitte helfen Sie mir. Das ist natürlich eine ganz andere Ausgangslage, als bei Eltern, die das bagatellisieren. Gerade bei sexuellem Missbrauch gibt es einen massiven Geheimhaltungsdruck.

Wer meldet Gewalt gegen Kinder bei ihnen?

GALLER: Grundsätzlich gibt es viele Eltern, die sich an uns wenden, oftmals wegen den Verhaltensauffälligkeiten. Da ist noch nicht klar, was die Ursache dafür ist. Viele Fachpersonen schicken Familien zu uns, die Polizei oder Kliniken sowie die Kinder- und Jugendhilfe. Jugendliche melden sich selbst bei uns, bei Kindern ist es schwieriger.

TRATTNER: Da kommt es durchaus vor, dass eine 16-Jährige anruft und sagt: Ich bin zwischen acht und zehn von meinem Opa massiv missbraucht worden, jetzt ist er gestorben und jetzt möchte ich zu euch kommen.

Welche Betreuung kann den Kindern nach so einer Erfahrung helfen?

GALLER: Wichtig ist, das Kind im hier und jetzt zu unterstützen. Wesentlich sind die Beziehung und das Vertrauen, die das Kind zu uns bekommen sollte. Viele schämen sich wahnsinnig für das, was sie erlebt haben. Also auch das Gefühl, dass sie sich nicht zu schämen brauchen – das sind wesentliche Erfahrungen, die sie machen müssen, damit es anschließend sinnvoll ist, das Erlebte aufzuarbeiten.

TRATTNER: Eine Stabilisierung schaffen wir in 100 Prozent der Fälle. Inwiefern man das Erlebte aber wirklich aufarbeiten kann, diese Frage können wir nicht beantworten. In manchen Fällen gelingt es auch nicht, weil es zu spät ist oder zu massiv.

Frau Galler, Sie haben vorhin erwähnt, dass sich Jugendliche selbstständig melden. Kann man auch jüngere Kinder dafür sensibilisieren, dass hier etwas passiert, das nicht richtig ist?

GALLER: Prävention ist schon ab drei bis vier Jahren möglich, damit Kinder wissen, was darf ein Erwachsener, was darf er nicht, wo sind Berührungen in Ordnung, was kann ich tun, wenn mich jemand berührt, wo ich es nicht mag, was sind schlechte Geheimnisse? Das sind wichtige Botschaften, die die Kinder nicht zu leichten Opfern machen. Gerade bei sexuellem Missbrauch suchen sich die Täter schwache Kinder mit wenig Selbstbewusstsein aus. Umso stärker wir die Kinder dahingehend erziehen, dass sie auch zu Erwachsenen nein sagen dürfen, umso besser.

Machen wir weiterhinFortschritte im Kampf gegen Gewalt?

TRATTNER: Ich glaube, dass wir jedes Jahr Fortschritte machen, aber es sind kleine Schritte.

GALLER: Grundsätzlich können wir schon von einer Gewalttradition sprechen, aber die Kinderschutzbewegung ist nach 30 Jahren noch jung. Lange Zeit war ein Kind weniger wert, als die Nutztiere am Hof. Ein Kind war Besitz der Eltern und hatte keine Rechte. Österreich hat erst 2011 acht Artikel der Kinderrechte in die Verfassung übernommen, das Gewaltverbot in der Erziehung gibt es seit 1989.

TRATTNER: Ein Problem kommt hier dazu. Die hohe Migration bringt Kulturen mit sich, in denen Gewalt einen ganz anderen Stellenwert hat. Da gibt es noch mehr zu tun als bei uns, die diese Entwicklung schon seit ein paar Jahrzehnten mitmachen.

Muss noch mehr zum Schutz der Kinder auf gesetzlicher Ebene getan werden?

TRATTNER: Noch strengere Strafen bringen nichts. Bei sexuellem Missbrauch ist die Höchststrafe 15 Jahre. Wenn man den Rahmen ausschöpfen würde und sich die Richter und Gutachter mehr trauen würden, wären wir schon glücklich.

GALLER: Das würde eher noch den Geheimhaltungsdruck auf die Kinder erhöhen, weil die Täter auch selbst mehr Druck haben.

TRATTNER: Aber eines muss sich ändern: Die Verurteilungsrate. Wir machen Prozessbegleitungen und haben eine Verurteilungsrate von 40 Prozent. 60 Prozent werden entweder freigesprochen, es gibt eine Diversion oder das Verfahren wird eingestellt. Gerade bei Sexualdelikten gegen Kinder ist die Wahrscheinlichkeit, verurteilt zu werden, eine sehr überschaubare. Das würde die Täter aber wirklich abschrecken.

GALLER: Es gibt sehr unterschiedliche Gutachter. Es ist auch schwierig, die sehen das Kind ein- biszweimal. Das Kind ist traumatisiert, es schämt sich und beiden zwei Terminen kommt das vielleicht nicht so raus, damit das Gutachten zu einer Verurteilung führen kann. Oft sind auch die Personen beim Gericht nicht vom Fach. Und allein Fragen wie: Warum bist du dort wieder hingegangen, geben dem Kind das Gefühl, selbst schuld zu sein. Hier sieht man die Umkehr der Verantwortung: Nicht das Kind hat etwas falsch gemacht, sondern der Erwachsene.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

In Fällen von Gewalt gegen Kinder und Gewalt in der Familie finden Betroffene in Salzburg bei folgenden Einrichtungen Hilfe:

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Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

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