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Bayern: Ein Traditionsland im Umbruch

Bayern hat sich in den letzten Jahren verändert. APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Bayern hat sich in den letzten Jahren verändert.

Traditionsbewusst und modern, gemütlich und emsig, global vernetzt und naturverbunden: Die Bayern sind Weltmeister in der Quadratur des Kreises. Das größte deutsche Bundesland pflegt seine Klischees, vergisst dabei aber nicht auf die Zukunft.

Mit 94 Millionen Übernachtungen das beliebteste Reiseziel Deutschlands, ist es zugleich die Wirtschaftslokomotive des größten EU-Staates. Mit 70.500 Quadratkilometern ist Bayern etwas kleiner als Österreich (83.871 Quadratkilometer), hat aber deutlich mehr Einwohner. 12,98 Millionen Menschen leben nach den aktuellsten Daten vom vergangenen Juni in Bayern, verglichen mit 8,8 Millionen in Österreich. Die Landeshauptstadt München ist mit 1,5 Millionen Einwohnern nach Berlin und Hamburg die drittgrößte deutsche Stadt.

Vom Agrarland zum Industriestandort

Wirtschaftlich hat Bayern in den vergangenen Jahrzehnten eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie Österreich. Vom rückständigen Agrarland wurde es zu einem führenden Dienstleistungs- und Industriestandort mit großen Namen wie Siemens oder BMW. Die Arbeitslosenrate lag im Mai bei 2,7 Prozent, womit Bayern aktuell sogar die traditionellen Vollbeschäftigungskaiser im benachbarten Baden-Württemberg überflügelt.

Wenig überraschend ist Bayern der größte "Nettozahler" in Deutschland. Im Jahr 2016 überwies es 5,82 Milliarden Euro an weniger entwickelte Bundesländer, was mehr als die Hälfte des gesamten Zahlungsvolumens entspricht. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 594 Milliarden Euro wäre Bayern noch vor Saudi-Arabien auf Platz 19 der größten Wirtschaftsmächte der Welt.

Gesellschaft veränderte sich massiv

Freilich hat sich die gesellschaftliche Struktur Bayerns durch den Wirtschaftsboom massiv verändert. Ein Viertel der Wohnbevölkerung hat Migrationshintergrund, dazu kommen zahlreiche "Zuagroaste" aus anderen Teilen Deutschlands. Nur noch die Hälfte der Bewohner spricht Bairisch, das seit 2009 auf der UNESCO-Liste der gefährdeten Sprachen steht. "In München wird das Bairische spätestens 2040 ausgestorben sein", sagte der Dialektforscher Karl-Heinz Göttert jüngst der "Süddeutschen Zeitung". Wie in Österreich steht man auch in Bayern im Kampf für "tschüssfreie Zonen" offenbar auf verlorenem Posten.

Ähnlich sieht es mit der katholischen Kirche aus, der sich mittlerweile nur noch gut die Hälfte der Bayern zugehörig fühlen. Auch das Patriarchat ist auf dem Rückzug: 42 Prozent der bayerischen Väter konsumieren Elternzeit, deutlich mehr als im deutschen Durchschnitt.

Traditionelle Köstlichkeiten werden geschätzt

Doch je weniger die traditionellen Bier- und Blasmusik-Klischees der Realität entsprechen, umso stärker werden sie gepflegt. Auch wenn die Landwirtschaft mittlerweile nur noch einen verschwindenden Beitrag zur Wertschöpfung leistet, sind die Bauern als Hüter des schönen Landes und Hersteller der traditionellen Köstlichkeiten - von Blauschimmelkäse bis Weißwurst - auch eine politische Macht. So rühmt sich Bayern, im Jahr 1970 als erstes Land der Welt ein Umweltministerium eingeführt zu haben.

CSU: Kampf für bayrische Interessen

Damals wie heute wurde dieses Ministerium von der Christlich-Sozialen Union (CSU) besetzt. Seit 1957 regiert sie das Bundesland, die meiste Zeit mit absoluter Mehrheit. Ihr politischer Jungbrunnen ist der Kampf für bayerische Interessen auf der Bundesebene. Aktuell erfolgt dieser mit einer Vehemenz, der sogar zum Zerfall der Regierungskoalition in Berlin führen könnte. Das Spiel mit hohem Einsatz verwundert nicht, geht es doch bei der Landtagswahl im Oktober nicht nur um die absolute Mehrheit der CSU, sondern auch um ihre inhaltliche Existenzberechtigung. Erstmals steht diesmal das vom legendären Langzeit-Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ausgegebene Dogma, wonach es rechts von der CSU keine Partei geben dürfe, ernsthaft infrage. Umfragen sagen der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland" (AfD) einen Sensationserfolg voraus. Tritt dieser ein, würde er wohl auch den politischen Sonderweg Bayerns schlagartig zu einem hohlen Klischee machen.

(APA)

(Quelle: S24)

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