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Ötzis Spuren im Salzburger Land

Zahlreiche Funde sprechen für eine Verbindung über die Alpen hinweg. Internationales Büro f. Geoarchäologie/Binsteiner
Zahlreiche Funde sprechen für eine Verbindung über die Alpen hinweg.

Nach der Wende im „Fall Ötzi", die den Mörder des Gletschermannes im Salzkammergut beheimatete, liefern neue Funde nun Hinweise dafür, dass Ötzi selbst einmal die Alpen überschritt und Salzburg besuchte, berichtet Alexander Binsteiner vom Büro für Geoarchäologie.

Funde italienischer Feuersteine aus der Nähe von Verona bringen neues Licht in die Lebensumstände Ötzis. Besonders im Salzkammergut, aber auch auf dem Rainberg in der Stadt Salzburg oder am Mitterberg im Pongau sprechen zahlreiche Relikte für eine Verbindung zwischen Händlern aus Oberitalien und Pfahlbauern der Mondsee-Kultur. Dass das Zusammentreffen der beiden Kulturen bereits vor 5.000 Jahren in der Jungsteinzeit stattfand, macht die Rekonstruktion der Umstände besonders heikel.

Waffen von Ötzi aus Südtirol

Mehr als 20 Jahre ist es jetzt her, seitdem die Gletschermumie vom Tisenjoch, besser bekannt unter dem Namen Ötzi, am Alpenhauptkamm direkt an der Grenze zwischen Österreich und Italien entdeckt worden ist. Ein Projekt der ersten Stunde in der Eismann-Forschung war die Herkunftsbestimmung der Feuersteingeräte, die der Ötzi bei sich trug, als er starb. Man versprach sich davon wertvolle Hinweise zum Lebensraum des Eismannes. Die Spur führte sehr schnell in die Monti Lessini, die Lessinischen Berge, in der Provinz Verona. Dort finden sich noch heute große Vorkommen von Feuersteinen, die von der Steinzeit bis in die Neuzeit abgebaut und weiterverarbeitet wurden.

Eben solche Geräte aus dem charakteristischen Feuerstein tauchten auch in jungsteinzeitlichen Funden des Nördlichen Alpenvorlandes auf. Eine erste Überprüfung bestätigte sofort, dass offenbar Gerätschaften der oberitalischen Steinzeitkulturen über den Alpenhauptkamm nach Norden transportiert worden waren. An dieser ersten Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.

Handelszentrum im Salzkammergut?

Aktuell zeigt jetzt das Verbreitungsbild neue Fundstellen am Bodensee, in Ober- und Niederbayern über den Chiemgau und das Salzburger Land bis an den Mond- und Attersee und sogar weiter an die Donau und ins Mühlviertel. In diesen Steinzeitsiedlungen traten regelhaft neben den Feuersteinen aus Italien auch Importe aus den berühmten, bayerischen Hornsteinminen von Arnhofen und Baiersdorf auf. Arnhofen war durch die gesamte Jungsteinzeit eines der größten Steinzeitbergwerke Europas. Am größten wird die Funddichte im Salzkammergut. Lag hier vor über 5.000 Jahren das Handelszentrum der Mondsee-Kultur?

Italienische Waffen in der Stadt Salzburg

Auf dem Rainberg in der Landeshauptstadt Salzburg fanden sich zusammen mit Keramik der Mondsee-Kultur verschiedene Klingenkratzer aus Lessinischem Feuerstein und neben Sichelblättern und Pfeilspitzen aus Baiersdorfer Hornsteinen auch ein Dolch aus Plattenhornstein der Oberalmer Kalke des Salzkammergutes. Besonders aber in den Pfahlbausiedlungen des Mond- und Attersees liegen moderne Materialaufnahmen vor. Zudem ist vor Kurzem in den alten Sammlungen von Seewalchen eine gestielte Pfeilspitze erkannt worden, die zweifellos aus der Remedello-Kultur stammte, die in der Zeit der Mondsee-Kultur in Oberitalien bestand und der auch der Ötzi angehörte. Besonders eine solche Pfeilspitze spielte bei einer früheren Rekonstruktion des Mordfalles Ötzi eine wichtige Rolle.

Was bedeuten die Funde nun für Ötzi?

Das Zusammentreffen von Feuersteingeräten aus den unterschiedlichen Rohstoffen bekannter Bergwerke in einer urgeschichtlichen Siedlung bedeutet letztendlich, dass es zu Begegnungen von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen in einer Region gekommen sein muss. Daran lässt das aktuelle Verbreitungsbild kaum Zweifel zu.

Nur auf der Süd-Nord-Route unterwegs

Die Jurahornsteine aus Baiersdorf und Arnhofen waren durch alle Phasen der Jungsteinzeit in Bayern flächendeckend verbreitet. Allerdings beschränkt sich deren Auftreten auf Steinzeitsiedlungen nördlich des Alpenhauptkammes. Bislang ist kein Fall bekannt geworden, wo vor allem die sehr charakteristischen Steine südlich der Alpen aufgetreten wären. Das Erscheinen der Feuersteine der Monti Lessini nördlich des Alpenrandes zeigt, dass die Bewegungsrichtung der Menschen in der Ötzi-Ära eindeutig von Süd nach Nord verlief.

Waren Händler aus Oberitalien unterwegs, um ihre Waren im Norden abzusetzen? Wurden dabei auch qualitätsvolle Feuersteinprodukte eingetauscht? Oder waren es doch Kupferprospektoren auf der Suche nach neuen Lagerstätten in den Alpen, die am Mitterberg im Pongau fündig wurden und dort auf die Pfahlbauer der Mondsee-Kultur stießen? Das wäre die friedliche Variante, das vorhandene Bild zu interpretieren. Es könnte aber auch Gewalt im Spiel gewesen sein.

Auch Ötzi könnte über die Alpen gegangen sein

In jedem Fall aber sind Studien dieser Art ein neuer Weg, zumindest ansatzweise in das Wissen und den Horizont der Menschen der Jungsteinzeit vorzudringen. Denn eines ist klar, die Zeitgenossen des Ötzi in den Siedlungen Südtirols oder des Trentino wussten über die Zivilisationen jenseits der Alpen Bescheid; entweder direkt, wenn sie selbst den beschwerlichen Weg über die Berge schon einmal auf sich genommen hatten oder durch die Erzählungen der Berggeher. Eines steht allerdings heute zweifelsfrei fest, egal, wie man das Bild interpretieren möchte, die Zeitgenossen des Mannes vom Tisenjoch, wahrscheinlich auch Ötzi selbst, gingen regelmäßig über die Alpenpässe nach Norden und trafen dort auch auf die Siedler der Mondsee-Kultur.

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(Quelle: S24)

Aufgerufen am 25.02.2020 um 06:45 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/grenznah/oetzis-spuren-im-salzburger-land-44687932

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