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Grundeinkommen

"Eine Chance, Arbeit neu zu denken"

Salzburger Experte über Auswirkungen

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Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Arbeitswelt wohl verändern. (SYMBOLBILD)

1.200 Euro bedingungsloses Grundeinkommen: Das wird in einem aktuellen Volksbegehren gefordert. Welche Vorteile hätte das, welche Nachteile? Und wie könnte es den Faktor Arbeit verändern? Diese Fragen hat Helmut Gaisbauer, Leiter des „Internationalen Zentrums für soziale und ethische Fragen“ in der Landeshauptstadt im Gespräch mit SALZBURG24 beantwortet.

Gleich zu Beginn stellt Gaisbauer klar: Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen für die gesamte Gesellschaft funktionieren kann oder nicht, könne niemand mit Bestimmtheit sagen. „Das ist wissenschaftlich nicht zu beantworten. Allerdings zeigt sich, dass es im kleinen Rahmen durchaus positive Effekte haben kann“, erklärt er gegenüber S24.

Grundeinkommen: Wirkung im Kleinen

Als Beispiel nennt er ein Projekt aus der Gemeinde Heidenreichstein im Waldviertel (NÖ). Von April 2017 bis Oktober 2018 erhielten dort 44 langzeitarbeitslose Frauen und Männer ein bedingungsloses Grundeinkommen. 15 davon fanden wieder Arbeit, weitere sechs gingen in Pension. Gaisbauer: „Die Leute hatten nicht mehr ihren üblichen Status, sondern mehr Freiheit, die sie auch in ein vermehrtes soziales Engagement investierten.“

Was versteht man unter Arbeit?

Diese Freiheit führen auch Befürworter der Geldleistung an: Man könne unabhängig von der eigenen finanziellen Situation entscheiden. Kritiker fürchten, dass es nicht finanzierbar ist und die Menschen dann nicht mehr arbeiten wollen. Hier müsse man sich die Frage stellen, was man überhaupt unter Arbeit verstehe, sagt Gaisbauer. Ist das nur die Lohn- und Erwerbsarbeit oder auch jene Leistung, die sinnvoll für die Gesellschaft ist? „Es wäre eine Chance, Arbeit neu zu denken“, findet der Politikwissenschaftler.

Unbezahlte Tätigkeiten plötzlich bezahlt

Klar sei, dass mit einem Grundeinkommen bisherige unbezahlte Arbeit – etwa Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit – bezahlt werden würde. Zudem würde man Menschen von dem Zwang befreien, ungeliebte Jobs nur wegen des Geldes machen zu müssen. Daraus würde sich der Druck auf die Arbeitgeber erhöhen, attraktive Arbeitsplätze zu bieten, erklärt Gaisbauer. „Und man müsste sich Gedanken darüber machen, für wie viel Geld man bereit ist, bestimmte Arbeiten zu machen.“

Welche Auswirkungen das auf die gesamtwirtschaftliche Lage in Österreich hätte, sei nicht abschätzbar.

 

Soziale Probleme: Lösung für Armut?

Der Initiator des Volksbegehrens, Peter Hofer, meint: In einer Zeit, in der "immer mehr Menschen [...] in unwürdige soziale und wirtschaftliche Abhängigkeiten getrieben werden, hätte so jeder Mensch ein Einkommen.“

Tatsächlich könnte das Grundeinkommen bestimmte Probleme lösen. Jene, wo Geld die Ursache ist. Etwa Kinderarmut – die Großteils Elternarmut ist – oder Armut trotz Erwerbsarbeit. Andere soziale Fragen wären damit aber nicht aus der Welt, Gaisbauer nennt Diskriminierung oder auch Gesundheitsversorgung. Außerdem müsse man sich auch die Frage stellen, ob die geforderten 1.200 Euro überhaupt reichen: „Die Bedarfe sind sehr unterschiedlich, je nachdem, wo man wohnt, ob es ein funktionierendes Gemeinwesen gibt und wie die familiären Strukturen aussehen.“

Fatal wäre, laut Gaisbauer, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen, dafür aber den Sozialstaat zu streichen. Das könnte auch den freien Bildungszugang oder Investitionen in die Infrastruktur betreffen. „Nach dem Motto: Jetzt haben wir ein Grundeinkommen und jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“

Bedingungen für bedingungsloses Gehalt

Spannend sei zudem, wer zur Gruppe jener gehört, die das Grundeinkommen erhalten: „Wo zieht man die Grenze? Es zeigt sich die Problematik, dass es unrealistisch ist, wenn man die ganze Welt mitdenkt.“ Im aktuellen Volksbegehren ist die Voraussetzung die österreichische Staatsbürgerschaft – die erste Bedingung für das bedingungslose Grundeinkommen. Gaisbauer: „Das ist ein Kompromiss, den man machen muss.“

Das Volksbegehren kann seit Montag unterzeichnet werden, das will der Initiator erreichen ????

Gepostet von SALZBURG24 am Mittwoch, 20. November 2019
(Quelle: SALZBURG24)

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