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Psychotherapeut klärt auf

Was macht Heimunterricht mit Psyche der Kinder?

Corona als Faktor für steigende Schulabmeldungen in Salzburg

Symb_Schule Symb_Lernen Symb_Distance Learning Symb_Heimunterricht APA/ERWIN SCHERIAU
Wer sich entscheidet, Kinder lieber daheim zu unterrichten, sollte einige psychologische Faktoren berücksichtigen. (SYMBOLBILD)

Schule und Corona: Das Thema lässt derzeit die Wogen bei vielen Salzburgerinnen und Salzburgern hochgehen. Lockdowns, Home-Schooling, Unsicherheit und Co strapazieren häufig die Nerven von Eltern, Schülern und Lehrern. Als Konsequenz haben sich die Schulabmeldungen fast vervierfacht. Aber was macht Heimunterricht mit der Psyche der Kinder?

Eine Schulpflicht gilt in Österreich nicht, sondern lediglich eine Unterrichtspflicht. 406 Kinder wurden mit Stand vom 20. September in ganz Salzburg aus den Bildungseinrichtungen genommen (wir haben berichtet).

 

Sorge um Gesundheit der Kinder

Als einen möglichen Grund hierfür ortet Bildungslandesrätin Daniela Gutschi (ÖVP) die Corona-Krise. Die regelmäßigen Tests sowie die Gesundheit der Kinder würden den betroffenen Eltern Sorgen bereiten. Aber tun sie ihren Kids damit auch wirklich einen Gefallen?

Lars Larsen, der in seiner Straßwalchener (Flachgau) Praxis u.a. als Kinder- und Jugendpsychotherapeut tätig ist, kann diese Frage im SALZBURG24-Interview nicht pauschal beantworten. Es sei jedenfalls wichtig, über die Hintergründe einer solchen Entscheidung zu reflektieren. „Die Frage ist immer: Welches Bedürfnis steht dahinter? Ist es das der Kinder, dass sie Zuhause bleiben möchten oder das der Eltern nach Sicherheit oder individuellerer Betreuung der Kinder?"

Gegenposition zu Corona-Regeln?

Möglicherweise könnte es ein Stück „Gegenbewegung“ der Eltern sein, so Larsen. Viele Erwachsene würden sich nämlich womöglich die zahlreichen neuen Corona-Regeln und Maßnahmen, die uns alle einschränken, nicht gefallen lassen und in eine Gegenposition gehen. Sie würden so versuchen, wieder mehr Selbstwirksamkeit zu erreichen, meint der Experte. Das bedeutet, dass man die Dinge, die man noch entscheiden kann, auch selbst entscheidet.

 

Schule wichtig für soziale und emotionale Entwicklung

„Was man aber nicht vergessen darf – und das bezieht sich jetzt rein auf die Kinder – ist, dass sie in der Schule nicht nur die reine Wissensvermittlung bekommen. Sondern es geht viel auch um andere Entwicklungsaufgaben, die aus psychologischer Sicht sehr wichtig sind.“ Dazu zähle etwa der Umgang mit Gleichaltrigen, die emotionale und die soziale Entwicklung: „Wie gehe ich in einer Gruppe um? Wie kann ich mich in einer Gruppe durchsetzen? Wo kann ich in einer Gruppe mitarbeiten, wo muss ich vielleicht zurückstecken?“ Diese Dinge würden in den Pausen, aber auch während des Unterrichts passieren. Auch der Umgang mit Erfolg und Misserfolg und die Frage, wie man sich mit Gleichaltrigen vergleicht, seien Dinge, die von den Eltern, die zuhause unterrichten, nicht kompensiert werden können, gibt der Therapeut zu bedenken.

Dass Unterricht daheim bei manchen Kindern auf den reinen Wissensaspekt bezogen funktionieren kann, glaubt Larsen zwar schon: „Da denke ich mir, werden diese Kinder vielleicht fachlich oder auch wenn die Eltern es didaktisch gut machen, das sicher auch gut schaffen.“ Dennoch merkt er kritisch an: „Die Frage ist, woher bekommen sie dann als Kompensation diese anderen Dinge?“

 

Weil das Kindergehirn grundsätzlich relativ anpassungsfähig sei, würden manche mit der Corona-Situation recht gut umgehen können. Einige Entwicklungsfenster seien jedoch nur für eine gewisse Zeit offen, wie etwa die Sprachentwicklung. „Man kann eine Muttersprache gut bis zum sechsten Lebensjahr erlernen, danach braucht man relativ viel Aufwand.“ Das gelte eben auch für soziale und emotionale Dinge. Wie sich der Heimunterricht tatsächlich auf die Kinder auswirkt, wird sich also wohl erst in einigen Jahren zeigen.

(Quelle: SALZBURG24)

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