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Psychotherapeut im Gespräch

„Die Impffrage ist fast eine neue Religion“

Gesellschaftliche Spaltung zeichnet sich seit Jahren ab

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Psychotherapeut Friedrich Faltner sieht eine Auseinanderentwicklung unserer Gesellschaft. (ARCHIVBILD)

Konflikte stehen für viele seit Beginn der Pandemie an der Tagesordnung, auch in der Familie oder im Freundeskreis. Die hitzigen Gespräche führen oft dazu, dass es zu Brüchen mit Andersgesinnten kommt. Wir haben mit einem Salzburger Psychotherapeuten darüber gesprochen, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist und warum sich an der Pandemie die Geister so scheiden.

Kaum ein Thema hat uns so im Griff wie die Corona-Pandemie. Seit nunmehr eineinhalb Jahren beschäftigt uns dieses Virus sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Manche sprechen sogar von einer Spaltung. Für Psychotherapeut Friedrich Faltner wird dieses Wort deutlich überstrapaziert, wie er im S24-Gespräch gleich zu Anfang anmerkt. „Ich würde eher sagen, wir entwickeln uns auseinander, aber das ist kein pandemiebedingtes Phänomen, sondern zeichnet sich schon seit Jahren ab“, erklärt er. Die Pandemie sei dafür nicht die Ursache, sondern nur ein Beschleuniger.

Impfung führt zu Grundsatzfragen

Es sei erschreckend, zu welch hitzigen Diskussionen und Grundsatzfragen etwa das Thema Impfungen führt, sagt Faltner. „Die Impffrage ist fast zu einer neuen Art der Religion geworden, über die voller Inbrunst debattiert wird. Es schwingt auch häufig eine fast missionarische Absicht der Belehrung in diesen Diskussionen mit.“ Und das sei für menschliche Beziehungen jeder Art alles andere als förderlich, erklärt der Psychotherapeut.

Zeit der Aufregung

Die Impfdebatte erweckt den Eindruck, es gäbe kein Mittelfeld der Meinungen mehr, nur ein Dafür oder ein Dagegen. Laut Faltner leben wir in einer Zeit der Aufregung. Knackige Überschriften, polarisierende Aussagen und zugespitzte Botschaften, all das prasselt täglich auf uns ein. „Man muss sagen, es liegt in der menschlichen Natur, solchen Dingen mehr Beachtung zu schenken als einer gemäßigten und fundierten Aussage. Das kann man auch im Gehirn beobachten, Angst oder Ärger wirken als Reaktion viel stärker als Zustimmung.“

Pandemie bedroht Sicherheitsgefühl 

Gerade zu Beginn der Pandemie war Angst bei vielen ein vorherrschendes Gefühl. „Wir erleben in Österreich und generell in der westlichen Welt seit etwa 30 Jahren einen stabilen und steigenden Wohlstand, der durch Themen wie die Klimakrise und auch die Pandemie erschüttert wird. Dadurch wird diese Stabilität, die die Menschen brauchen, hinterfragt und erscheint gefährdet“, so Faltner. Diese scheinbar bedrohte Sicherheit führe bei vielen neben Angst auch zu Wut und Frustration.

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(SYMBOLBILD)

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Eigenes Vorankommen im Fokus

Zudem sei seit Jahren eine zunehmende Individualisierung zu beobachten, das eigene Vorankommen stehe für viele klar im Vordergrund. Zwar werde auf das eigene Umfeld, wie Familie und Freunde, weiterhin geachtet, aber auf die Allgemeinheit werde weniger Rücksicht genommen, betont der Psychotherapeut. „Das merkt man auch daran, dass politische Parteien weniger Zulauf haben und Religion eine weniger große Rolle spielt als früher.“ Diese Dinge würden die Verbundenheit einer Gesellschaft stärken, erklärt Faltner.

Gesellschaftliche Isolation trotz Internets

Die zunehmende Individualisierung führe außerdem zu einer gewissen Isolation. „In den sozialen Medien kann man sich mit jedem vernetzen, aber die meisten suchen Kontakt zu Menschen, die ähnliche Ansichten und Werte haben. So bleibt jeder in seiner eigenen Bubble und man bekommt den Anschein, es gäbe keine gegensätzlichen Meinungen oder zumindest in sehr eingeschränkter Form“, gibt Faltner zu bedenken. Dadurch sinke auch das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen für das große Ganze.

 

Familiäre Spaltung wegen Corona

Diese Auseinanderentwicklung beobachtet der Psychotherapeut auch bei seiner Arbeit sehr häufig, wie er sagt. „Egal in welcher sozialen Schicht und unabhängig vom Bildungsgrad führen Debatten über die Pandemie oder die Klimakrise dazu, dass die Meinungen im eigenen Umfeld sehr stark auseinandergehen.“ Er würde oft erleben, wie sich Eltern gegen die Corona-Maßnahmen oder die Impfung stellen und die Kinder sich entweder gegen die Eltern wenden oder sich fügen, und in der Schule dann Ausgrenzung erfahren.

Solidarität in der Krise

In der Pandemie wurde immer wieder an die Solidarität der Menschen appelliert und gesagt, man müsse zusammenhalten und am selben Strang ziehen, das hält Faltner aber mittlerweile nicht mehr für möglich. „Mit jedem Zugeständnis an die andere Meinung wird eine Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrgenommen. Die eigene Verantwortung der Allgemeinheit gegenüber gerät bei vielen in Vergessenheit.“

Sachlichen Austausch verlernt?

Das größte Problem unserer Zeit ist für den Psychotherapeuten, dass ein sachlicher Austausch verlernt scheint. „Es ist wichtig für eine Gesellschaft, dass Menschen unterschiedlicher Meinungen dennoch miteinander reden können. Dazu muss man sich sachlich und mit einer akzeptierenden Grundhaltung begegnen.“ Das sei aber schon länger zu beobachten, sagt Faltner. Die Corona-Krise sei lediglich die Spitze des Eisberges.

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(Quelle: SALZBURG24)

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