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Salzburger Forscher dabei

Studie zeigt großes Insektensterben

Bedingt durch intensive Landwirtschaft

Insekten, Bienen, SB APA/dpa/Frank Rumpenhorst
Insekten finden immer weniger Lebensraum. (SYMBOLBILD)

Die Intensivierung der Landwirtschaft bringt immer mehr Insekten in arge Bedrängnis. Eine nun im Fachblatt "Nature" vorgestellte standardisierte Erhebung in drei Regionen Deutschlands liefert erstmals belastbare Zahlen zu dem alarmierenden Trend. Auf Wiesen in agrarisch stark genutzten Gebieten fanden die Wissenschafter, unter ihnen ein Salzburger, nur noch ein Drittel der Insekten-Biomasse des Jahres 2008, berichten sie.

Unter der Leitung von Sebastian Seibold vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der Technischen Universität München (TUM) haben Forscher zwischen 2008 und 2017 auf rund 300 Flächen in den deutschen Bundesländern Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg insgesamt mehr als eine Million Insekten gesammelt. Bei dem "unglaublich großen Datensatz" handle es sich um den ersten seiner Art, der auch standardisiert erhoben wurde, sagte der an der Studie beteiligte Forscher Jan Christian Habel von der Arbeitsgruppe Zoologische Evolutionsbiologie der Universität Salzburg zur APA.

Ein Drittel weniger Insektenarten

Dabei wurde klar, dass viele der 2.700 untersuchten Arten Rückgänge verzeichneten. Auf Wald und Wiese betrug der Artenschwund demnach über die rund zehn Jahre Beobachtungszeit je etwa ein Drittel. Während der Biomasserückgang bei Insekten im Wald rund 40 Prozent betrug, lag das Minus im Grünland sogar bei rund zwei Drittel. Während auf Grünflächen im Ackerland vor allem Arten litten, die keinen großen Aktionsradius haben, waren es im Wald mobilere Arten, die Rückgänge verzeichneten. Es sei aber noch nicht geklärt, inwiefern das daran liegt, dass letztere mehr mit der dünger- und spritzmittelintensiven Landwirtschaft in Kontakt kommen.

"Das ist erschreckend"

Dass derartige Rückgänge über nur ein Jahrzehnt hinweg festgestellt werden können, "haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen", so Wolfgang Weisser von der TUM in einer Aussendung der Uni. Erstaunlich sei auch, dass dieser Effekt zu beobachten ist, obwohl sich an der landwirtschaftlichen Praxis in den untersuchten Gebieten kaum etwas verändert habe, sagte Habel: "Trotzdem haben wir die negativen Effekte auf diesen Flächen. Das sollte uns sehr nachdenklich stimmen, weil es ein Indiz dafür ist, dass wir hier ein landschaftsübergreifendes Phänomen haben."

Nicht genug Rückzugsraum für Insekten

Das heißt wiederum auch, dass einzelne kleine und isolierte Naturschutzgebiete nur wenig Entlastung bringen. Solche Restflächen inmitten großer durch Spritzmitteleinsatz und durch Gleichmachen der Landschaft in ihrer Biodiversität devastierter Gebiete bieten offenbar nicht genug Rückzug, so der Wissenschafter, der das nachweisbare Durchschlagen der negativen Effekte auch auf Naturschutzgebiete hervorhebt. "Wenn ringsherum sozusagen Wüste ist, können sich die Populationen auch in Top-Lebensräumen über 20 oder 30 Jahre nicht halten", so Habel. Kommen diese nämlich dort unter Druck, kann von außen auch kein Nachzug mehr kommen, weil die Landschaft in einer "richtig schlechten Verfassung ist". Das sei auch ein Phänomen, das in österreichischen Naturschutzgebieten zu beobachten ist.

Auch in Österreich Lebensräume verloren

In manchen Regionen Europas wurde punkto Insekten vielleicht schon ein ökologischer Kipppunkt erreicht. In Österreich sei das Bild in intensivlandwirtschaftlich genutzten Gebieten recht ähnlich, es gebe aber hierzulande doch deutlich mehr Öko-Landwirtschaft als in Deutschland – wenn auch mit laut Habel "teilweise sehr moderaten Vorgaben". Ein Vorteil für Österreich sei einfach, dass durch die Alpen die agrarische Intensivnutzung vielerorts nicht möglich ist. Trotzdem gehen in höheren Lagen aufgrund der Aufgabe der Bewirtschaftung von Almen auch Lebensräume verloren.

Bei all den schlechten Nachrichten müsse man im Auge behalten, dass sich natürliche Systeme in der Regel auch gut erholen können. Es brauche aber eine großräumige Aufwertung von Landschaften und nicht die Konzentration und Verinselung von Rest-Artenvielfalt in kleinen, geschützten Gebieten. Es brauche also eine umweltverträglichere Landwirtschaft, etwa durch das Etablieren von Grünstreifen zwischen Feldern sowie gezielterem und dosierterem Einsatz von Spritz- und Düngemitteln.

(Quelle: APA)

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