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Sportmuffel & Couchpotatoes

"Kinder müssen wieder lernen, dass Schwitzen normal ist"

Warum Erwachsene zu viel reglementieren

Holger Förster SALZBURG24/Schuchter
Dr. Holger Förster in seiner Ordination in der Innsbrucker Bundesstraße in Salzburg. 

Sportmuffel, Couchpotatoes, Bewegungsverweigerer – der Anteil jener Kinder und Jugendlichen, die sich zu wenig bewegen, wird immer größer und liegt aktuell bei rund 50 Prozent. Doch was sind die Gründe dafür, wann findet diese Prägung statt und was können Eltern tun? Wir haben einen absoluten Experten auf diesem Gebiet zum Interview gebeten.

Salzburg

Von den ASVÖ-Familiensporttagen, über die „Tomrorrow‘s Leader“ und dem Tag des Sports am Samstag auf dem Salzburger Residenzplatz gerade im Herbst steht die Bewegung bei Kindern im Mittelpunkt zahlreicher Veranstaltungen und Projekte. „Kinder müssen sich bewegen“. Darüber sind sich heute alle Experten einig.

Aber welche Sportart passt zu meinem Kind, wie kann ich es motivieren und gibt es auch zu viel Bewegung? Dr. Holger Förster ist Sportarzt und Facharzt für Kinderheilkunde in Salzburg. Mit ihm wollen wir die wichtigsten Fragen klären.

SALZBURG24: Wie wichtig ist es für Kinder, dass sie sich bewegen?

DR. HOLGER FÖRSTER: Das Kleinkindalter ist das Hauptalter für Koordination. Das bedeutet, sämtliche sportlichen Aktivitäten, die man im weiteren Leben macht, müssen in diesem Alter vorbereitet werden. Ein Erwachsener kann zwar Tennis lernen, wenn er als Kind aber nie etwas mit Bällen zu tun gehabt hat, dann wird er den Ball auch nur schwer übers Netz bekommen – vor allem aber wird er keine Freude daran haben.

Welche Bewegungsabläufe oder Sportarten eignen sich für kleine Kinder?

In der Zeit ist es wichtig, dass die Kinder viele unterschiedliche sportliche Aktivitäten durchführen. Das fängt etwa an mit Laufen lernen, springen, klettern oder verschiedensten Ballspielen. Bei den Sportarten sollten jene gewählt werden, die den Körper als Gesamtheit fördern. Das sind beispielsweise Turnen, rhythmische Sportgymnastik, Klettern aber auch Judo oder Karate.

PDF: Bewegungsempfehlungen Österreich.pdf

Gibt es ein Richtmaß, wie viel und wie lange sich Kinder im Idealfall bewegen sollten?

Ja, es gibt eine WHO-Empfehlung. Eine Stunde Aktivität am Tag, bei der die Kinder ins Atmen und ins Schwitzen kommen. Es reicht nicht, wenn das Kind einfach nur draußen ist oder baden geht – es ist wichtig, dass es ordentlich Schnaufen muss und so lernt, dass das nichts Schlimmes, sondern ganz normal ist. Früher sind die Kinder im Wald herumgetobt, auf den Steinen herumgeklettert und haben mit Steinen geschmissen. Und beigebracht haben sie sich das alles gegenseitig. Das ist heute nicht mehr so leicht möglich – erstens aus Angst, dass was passiert und zweitens, weil dieser Freiraum für die Kinder nicht mehr da ist. Gerade in der Stadt ist das ein Problem. Heute müssen die Eltern ihre Kinder an einen bestimmten Ort fahren, wo sie sich dann bewegen können.

Wie kann man Kinder zur Bewegung animieren?

Die Kinder haben von Natur aus Spaß an der Bewegung. Jedes Kind freut sich, wenn es aufstehen kann und die ersten Schritte macht. Die Freude am eigenen Körper ist da, sie wird in weiterer Folge nur ein bisschen kaputt gemacht, weil die Erwachsenen als Zielvorstellung haben, das Kind soll ruhig sein. Denn in unseren Köpfen ist nur ein ruhiges Kind ein braves Kind.

Wann passiert dieser Bruch?

Ich denke, das passiert schon ganz früh, im Alter von zwei bis drei Jahren. Die Kinder sind in dem Alter besonders aktiv, wollen sich bewegen und ausleben. Oft werden sie genau dann von der Erwachsenenwelt reglementiert – und damit sie ruhig sind, vor den Fernseher gesetzt. Später heißt es dann zu den Kindern: „Warum machst du nichts, tu was!“

Das heißt, in Sachen Bewegung geht die Verantwortung der Eltern über das Kindesalter hinaus?

Ja, das Verhalten der Eltern in dieser Phase beeinflusst das ganze Leben. Denn, was hier passiert, ist eine Stoffwechselprägung. Wenn es Kinder gewohnt sind, sich zu bewegen und Freude daran haben, dann verstehen sie auch, dass das Schwitzen und schwerer Schnaufen ganz normal ist. Das ist eine Unterstützung für das gesamte Leben und trägt dazu bei, dass der Mensch gesünder ist und weniger an den klassischen Zivilisationskrankheiten erkrankt. Atherosklerose, Diabetes II, Leberstoffwechselstörungen, das alles haben wir ja nicht nur bei den Erwachsenen, sondern schon bei Kindern und Jugendlichen.

Man weiß ja zum Beispiel auch, dass die Zahl der übergewichtigen Kinder massiv zunimmt.

Ja, auch Übergewicht und Körperzusammensetzung werden im frühen Kindesalter vorgegeben. Ein Teil ist genetisch veranlagt, der zweite Teil ist das geprägte Verhalten, das die Kinder haben. Es geht immer um die Frage, wie viel Energie führe ich zu, wie viel verbrauche ich. Und wenn das in einer Richtung nicht stimmt, dann kippt die Balance. Denn wenn ich schwerer bin, will ich mich auch nicht mehr bewegen, weil es anstrengend ist. Ich überlege, soll ich den Lift oder die Stiege nehmen und man sucht den einfacheren Weg. Ein Kind, das bewegungsorientiert aufgewachsen ist, freut sich, dass es die Stiege hinauflaufen kann, ohne darüber nachzudenken.

symb_Übergewicht, symb_Adipositas, APA/dpa/Peter Steffen
(SYMBOLBILD)

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Kann es auch zu viel Bewegung geben?

Auch das kann es geben. Das geht aber meistens nicht vom Kind aus, sondern ist von den Erwachsenen geprägt. Wir erkennen immer wieder bei den Sportuntersuchungen, dass die Eltern im Zaum gehalten werden müssen. Da werden auch oft eigene, nicht erreichte Leistungen auf das Kind projiziert. Das geht hauptsächlich von den Vätern oder von den Trainern aus, die eine Chance für sich selbst oder den Verein erkennen, wenn ein Kind Talent hat. Die Kinder selbst haben natürlich auch ihren Ehrgeiz, aber der hat bei Kindern auch seine Grenzen. Wenn ein Kind zu viel Sport betreibt, leidet es in der Regel an Überlastungsschäden oder organischen Problemen. Außer bei Herz und Lunge, da passiert eigentlich kaum etwas.

Doch in der Relation gesehen, ist das bei sehr wenigen Kindern der Fall – vielleicht bei fünf Prozent. Die weit größere Gruppe ist jene, die sich viel zu wenig bewegt und das sind gut über 50 Prozent.

Vielen Dank für das Interview.

(Quelle: SALZBURG24)

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