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Sonntags-Talk

„Krisen gehören zum Leben dazu“

Der Leiter der Krisenintervention Salzburg im Interview

Josef Demitsch Krisenintervention Salzburg SALZBURG24/Posani
Josef Demitsch sieht in Krisen auch etwas Positives.

Der Tod der Oma, eine schwere Erkrankung oder die Trennung vom Partner: Schicksalsschläge gehören zum Leben dazu – den einen oder anderen stürzen sie aber in eine Krise. Hilfe bekommen Betroffene bei der Krisenintervention Salzburg. Deren Leiter, Josef Demitsch, spricht im Sonntags-Talk darüber, wie Angehörige helfen können, erklärt mit welchen Problemen er am häufigsten konfrontiert ist – und das Positive an Krisen.

Seit 2001 gibt es die Krisenintervention Salzburg, von Beginn an gehört Josef Demitsch dazu. Demitsch ist seit 2004 Leiter, unter ihm arbeiten an den Standorten Salzburg Stadt, St. Johann (Pongau) und Zell am See (Pinzgau) sechs weitere Mitarbeiter in der Ambulanten Krisenintervention, dazu kommen zwölf Mitarbeiter für die Hotline.

SALZBURG24: Herr Demitsch, wann können sich Menschen an Sie und die Krisenintervention in Salzburg wenden?

JOSEF DEMITSCH: Wir haben kaum Ausschließungsgründe für Menschen, die zu uns kommen. Es gibt nur zwei Akutsituationen, in denen wir sagen müssen, dass es keinen Sinn macht. Das ist zum einen wenn eine akute Alkoholisierung oder ein Drogenrausch vorliegt und zum anderen wenn der Klient eine offensichtliche Gewaltbereitschaft zeigt. Alles andere bestimmen die Menschen selbst. Wir benötigen im Vorfeld keine Zuweisung von irgendeiner Institution. Jeder, der für sich externe Hilfe in Anspruch nehmen will, weil die eigenen Ressourcen nicht reichen, kann sich an uns wenden.

Der Altersschnitt unserer Klienten liegt im Bundesland Salzburg bei 39,3 Jahren. Da stehen die Menschen mitten im Leben: Da gibt es häufig bereits eine längere Beziehung, Kinder, man ist in die Arbeitswelt integriert und hat dazu vielleicht noch ein Haus. In diesem Alter kommt also alles zusammen – daher passiert hier auch am meisten.

Welches Ziel wird bei der Krisenintervention verfolgt?

Der wesentliche Aspekt der Krisenintervention ist es, im Rahmen einer raschen Problemanalyse die eigentliche Ursache des Problems zu finden und dann den Klienten an andere psychosoziale oder medizinische Einrichtungen weiterzuvermitteln.

Eine Krise kann von der Intensität und dem zeitlichem Ausmaß die Ressourcen eines Menschen überfordern, sodass dieser Hilfe in Anspruch nehmen muss.

Was sind die häufigsten Vorfälle, mit denen Sie konfrontiert sind?

Häufig haben wir mit so genannten Life-Event-Situationen zu tun. Das sind Ereignisse, die im Rahmen des Lebens auftreten. Dabei kann es sich um eine akute Erkrankung, einen Todesfall, einen Verkehrsunfall, aber auch den so genannte „Pensionsschock“ handeln.

Statistisch gesehen haben wir am häufigsten mit Partnerschafts- und Familienkonflikten zu tun. Wobei diese sich im Rahmen der Problemanalyse oft als sekundäre Problematik herausstellt. Unsere Aufgabe ist es, die primäre zu finden.

Können Sie das konkretisieren?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es gab einmal einen Fall, bei dem ein Ehepaar bei mir war. Das Paar war Ende dreißig, sie hatten zusammen ein Haus und zwei Kinder. Das Problem bestand darin, dass der Mann aus Sicht seiner Frau zunehmend unzugänglicher und reizbarer wurde und er sich immer mehr zurückzog. Der Frau wurde das zu viel und sie brachte ihn zur Krisenintervention.

Nach einiger Zeit öffnete sich der Mann und erklärte, dass er sich in seinem Job unterfordert fühlte. Er hat sich aber nie getraut, etwas zu sagen, weil er sich seiner Familie gegenüber in der Pflicht sah, für sie finanziell zu sorgen. In diesem Fall war das eigentliche Problem also das mangelnde Selbstwertgefühl des Mannes.

Für eine nachhaltige Krisenbearbeitung muss man an diesem Problem ansetzen. Im Rahmen der Krisenintervention kann Psychotherapie aber nicht angeboten werden. Unser Beitrag besteht dann darin, den Klienten an einen entsprechenden Therapeuten weiterzuempfehlen.

Wann sehen Sie Ihre Arbeit als beendet an?

Wir wollen keine therapeutische Beziehung zu den Betroffenen eingehen. Wir versuchen, die eigentlichen Problemursachen möglichst rasch zu analysieren, die Bearbeitung der Ursachen übernehmen dann andere. Im Schnitt ist ein Klient insgesamt drei, vier Stunden bei uns. Das ganze unentgeltlich.

Wenn jemand dort angekommen ist, wo er hingehen soll, dann hören wir auf. Daher gibt es nach der Weitervermittlung des Klienten einen Termin, bei dem wir besprechen, ob die Situation für ihn passt.

Sie sind durch Ihre Arbeit sehr viel mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Wie lässt sich am besten mit solch einschneidenden Erlebnissen umgehen?

Gerade bei Schicksalsschlägen sind wir Menschen von Natur aus mit einem bestimmten Wissen ausgestattet, wie wir mit solchen Ereignissen umgehen sollen. Sonst hätten wir Menschen als Art nicht überlebt.

In den allermeisten Fällen kommen wir selbst mit Schicksalsschlägen zurecht. Wie man damit am besten umgeht, ist für jeden individuell zu beantworten. Es gibt keinen Plan, den man abarbeiten kann, um sich danach wieder besser zu fühlen. Jeder Mensch ist seiner eigenen Lebensgeschichte ein Stück weit ausgeliefert. Es gibt Basics, an die man sich halten kann. Genug essen und schlafen ist wichtig, man kann sich etwas Gutes tun.

Wie verarbeiten Sie selbst die Probleme Ihrer Klienten?

Es ist eine Voraussetzung für diese Arbeit, eine professionelle Distanz zu wahren. Das ist ein Stück weit die Kunst: Auf der einen Seite benötigt man alle Empathie, die man hat, auf der anderen Seite soll man so weit auf Distanz bleiben, um die Rolle des Helfenden einhalten zu können.

Bei uns ist eine Supervision bei einem Supervisor, also ein regelmäßiges Gespräch mit einem Psychotherapeuten, Pflicht. Geht mir ein Fall emotional besonders nahe, weiß ich, dass ich eine halbe Stunde vor dem Gespräch benötige, um mich mental auf meine Rolle vorzubereiten. Außerdem pflege ich dann das Ritual, dass ich mir vor dem Heimgehen die Hände wasche, um quasi die Arbeit nicht mit nachhause zu nehmen. Immer gelingt mir das nicht.

Stimmen Sie dem Spruch „Die Zeit heilt alle Wunden“ zu?

Natürlich steckt in diesem Spruch ein Stückchen Wahrheit. Mit der Zeit lernen wir mit einem Schicksalsschlag besser umzugehen.

Es gibt aber auch Schicksalsschläge, die wir nur scheinbar verarbeitet haben und Jahre später in Form einer psychischen Erkrankung, wie einer Posttraumatischen Belastungsstörung, zurückkommen.

Wie lange kann ein Schicksalsschlag nachwirken?

Auch hier lässt sich keine Kategorisierung vornehmen. Das ist das Spannende, aber auch die Herausforderung an dem Job: Jedes Problem ist individuell. Wir können nicht in den Kopf der Menschen schauen oder den seelischen Blutdruck messen. Wir sind auf ihr Wort und unser Bauchgefühl angewiesen.

Wie können Angehörige Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, am besten helfen?

Ich rate Angehörigen in diesem Fall, möglichst authentisch zu sein. Zeigen Sie dem Menschen, dass Ihnen seine Situation nahegeht und Sie ihm helfen wollen. Bieten Sie ihm Ihre Unterstützung an. 

Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie sein Problem würdigen und tun Sie es nicht als Lappalie ab. Falsch wäre zu sagen: ‚Das habe ich auch schon erlebt, das geht vorbei.‘ Damit werten Sie das Problem ab.

Wichtig ist auch, dass Sie sich nicht selbst überfordern. Sie sollten von vornherein wissen, dass Ihre eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Ansonsten laufen Sie Gefahr, dieses Problem für sich selbst zu übernehmen – dann sind Sie selbst nicht mehr in der Lage zu helfen. Eine maßgebliche Unterstützung kann auch die Suche nach weiterführenden Hilfsmaßnahmen sein.

Können Menschen nach einem Schicksalsschlag auch gestärkt durchs Leben gehen?

Krisen gehören zum Leben dazu. Es gibt manche, bei denen man Unterstützung benötigt. Aber Krisen bieten auch immer ein Stück weit eine Entwicklungschance.

Das ist das Ziel, das wir uns setzen. Wir versuchen, die Situation so zu bearbeiten, damit der Betroffene in einem Jahr zurückschauen und sagen kann: ‚Das war zwar eine heftige Zeit, aber wenn das nicht passiert wäre, wäre ich heute nicht dort, wo ich jetzt bin – und ich bin froh, dass ich dort bin.‘ Es geht also um die positive Integration einer Problematik, die zunächst sehr belastet und wehtut, aber am Ende einen Entwicklungsschritt mit sich ziehen kann.

Zum Abschluss: Was lieben Sie an Ihrem Job?

Ich empfinde es als Privileg, Menschen die Möglichkeit eines Gespräches anbieten zu können. In diesem erfahre ich häufig eine großartige Offenheit, obwohl sich die Betroffenen in einer Krisen- oder Notsituation befinden.

Die Arbeit ist zudem sehr sinnstiftend. Ich kann Menschen unmittelbar helfen, damit es ihnen besser geht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Betroffene können sich unter folgender 24-Stunden-Krisenhotline melden:

  • Salzburg Stadt: 0662 / 43 33 51
  • St. Johann: 06412 / 200 33
  • Zell am See: 06542 / 72 600

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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