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Interview

Wie sich unser soziales Miteinander verändert

Salzburger Forscherin über Solidarität in der Corona-Krise

Was die aktuelle Zeit aus soziologischer Sicht bedeutet, darüber haben wir mit Kyoko Shinozaki von der Universität Salzburg gesprochen. Im SALZBURG24-Interview schildert die Soziologin, welche Rolle die Solidarität derzeit spielt, wie sich möglicherweise Verantwortlichkeiten innerhalb einer Familie ändern und wie sie selbst hautnah mit persönlichen Anfeindungen umgehen musste.

Kyoko Shinozaki ist seit zweieinhalb Jahren Professorin an der Abteilung Soziologie und Kulturwissenschaft der Universität Salzburg mit den inhaltlichen Schwerpunkten Sozialer Wandel und Mobilitäten. 

SALZBURG24: Frau Shinozaki, wie erleben Sie die aktuelle Zeit? 

KYOKO SHINOZAKI: Ich denke, dass die Situation für uns alle überwältigend ist. In der Uni mussten wir in möglichst kurzer Zeit von der Präsenz- in die Online-Lehre wechseln. Wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen arbeite ich derzeit auch im Home Office und begleite mit meinen Ehemann unseren Sohn, der noch in die Schule geht.  

Was konnten Sie in den letzten Wochen beobachten? 

Da fange ich mit der persönlichen Ebene an. Anfang März bin ich mit dem Zug nach Wien gefahren. Damals gab es die ersten bestätigten Fälle in Österreich, aber noch keine Ausgangsbeschränkungen. Der Schaffner wollte mein Ticket nicht anfassen und hat sich so weit von mir weggestellt, dass er noch die Fahrkarte stempeln konnte – offenbar wegen meines asiatischen Aussehens. Das Ticket der anschließend mit österreichischem Dialekt sprechenden Fahrgäste hat der Schaffner dann anstandslos in die Hand genommen. Als nächstes war eine italienisch sprechende Reisegruppe dran und deren Ticket hat er – so wie bei mir – nicht angerührt. Ich habe das als neue Art der rassifizierenden Klassifizierung empfunden. Das hat mich sehr getroffen und beschäftigt, weil ich solche Berührungsängste zuvor nicht kannte.  

Können Sie sich diese Reaktion erklären? 

Das ist eine grundlegende Veränderung in der Wahrnehmung, möglicherweise aus persönlicher Angst.  

Mussten Sie weitere solcher Erfahrungen machen? 

Ja, leider eine weitere in der Stadt Salzburg. Mitte März bin ich in einen fast leeren Obus eingestiegen und ein Fahrgast redete mich an, dass ich Abstand nehmen solle. Ich habe mich sehr angegriffen gefühlt und frage mich, was diese Ablehnung wohl künftig für Einzelpersonen, soziale Gruppen oder Organisationen bedeutet. Das sind banale Beobachtungen, die wir in meinem Soziologie-Kurs im nächsten Schritt zum Untersuchungsgegenstand gemacht haben. 

Und was sind Ihre Beobachtungen aus soziologischer Sicht? 

Aufgrund der geltenden Ausgangsbeschränkungen sind wir alle dazu angehalten, daheim zu bleiben. Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich die Betreuungsverantwortungen innerhalb einer Familie verteilen. Also wer geht einkaufen, wer kocht, wer erledigt die Hausarbeiten und wer kümmert sich um die Älteren und die Schulaufgaben der Kinder? Zwar kenne ich aus meinem privaten Umfeld Männer und Väter, die sich in der Corona-Situation um ihre Kinder kümmern. Aber ich befürchte gleichzeitig auch, dass hier möglicherweise wieder soziale Ungleichheiten im Privathaushalt entstehen, indem die Hauptlast von den Frauen geschultert wird. Hinzu kommen Faktoren wie Leben auf engem Raum sowie eingeschränkte Privatsphäre und möglicherweise Verlust der Erwerbstätigkeit. Das ist aber nur hypothetisch.

Können Sie das überprüfen? 

Zwar nicht repräsentativ, aber wir können uns einen Überblick über die Situation in Salzburg verschaffen. Erfreulicherweise habe ich einige Master-Studierende, die sich mit den Herausforderungen des Coronas soziologisch beschäftigen wollen. Sie erstellen derzeit einen Fragebogen darüber, ob und wie sich die Verantwortlichkeiten aufgrund der aktuellen Situation innerhalb einer Familie verschieben.  

Die Menschen scheinen zusammenzurücken. Herrscht aktuell eine besondere Form der Solidarität? 

Solidarität steht für geteilte Werte – es gibt die lokale und die kosmopolitische: Beispiele für die lokale Solidarität sind die vielen Freiwilligen in Österreich, die etwa Menschen aus Risikogruppen beim Einkaufen helfen oder die rund 3.500 Zivildiener, die ihren außerordentlichen Dienst leisten. Kosmopolitische Solidarität hingegen beschränkt sich nicht auf eine kleine Gruppe in einem Ort, sondern kann auch grenzübergreifend sein. Beispiele hierfür sind die Online-Petitionen für ein neutrales Semester an den Hochschulen oder die Aufnahme von Flüchtlingskindern aus den griechischen Camps. 

Kann diese verstärkte Solidarität auch nach der Corona-Krise Bestand haben? 

Das würde ich mir sehr wünschen, aber momentan ist noch sehr spekulativ, zumal die Zeit bzw. der Prozess noch längst nicht abgeschlossen ist. Sozialer Wandel zeichnet sich nur durch grundlegenden und nachhaltigen Veränderungen aus. Ich denke schon, dass sich das Bewusstsein verändern kann und lokale Solidarität neue Formen annehmen kann. Nur ein Gedankenspiel: In Zukunft könnte es auch weibliche Zivildienerinnen geben, dann könnten künftig gesamtgesellschaftlich noch mehr Menschen mithelfen und die Solidargemeinschaft stärken. Es könnte sich auch ein europäischer Zusammenschluss bzw. eine Reserve an Ärzten, Pflegern und Experten bilden, um in künftigen Krisen besser vorbereitet zu sein und grenzüberschreitend auszuhelfen. 

Viele Firmen bieten nun gezwungenermaßen Lieferdienste an, die Menschen fragen vermehrt lokale Produkte nach. Damit geht die Frage der Nachhaltigkeit einher. Es wird interessant zu beobachten sein, ob das in der Zeit nach der Corona-Krise auch so weitergeht.  

Vielen Dank für das Gespräch. 

(Quelle: SALZBURG24)

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