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300 bekannte Symptome

Warum wir das Mysterium Long Covid nicht wegdiskutieren können

S24-Besuch im Reha Zentrum Salzburg

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Long Covid kann jede und jeden treffen. (SYMBOLBILD)

Long Covid kann jede und jeden treffen – unabhängig von Alter, Geschlecht und Impfstatus. Bei bis heute 300 bekannten Symptomen ist das Post-Covid-Syndrom schwer greifbar. Betroffene sprechen häufig von Erschöpfung und verminderter Leistungsfähigkeit. Was aber weiß man tatsächlich über die Langzeitfolgen, und was nicht? Der Ärztliche Leiter des Reha Zentrums Salzburg (RZS) klärt auf.

Wer eine Corona-Erkrankung durchlitten hat, wird sich wohl spätestens dann gedanklich mit Long Covid auseinandersetzen. Wird etwas zurückbleiben? Wie lange wird es dauern, bis ich wieder der/die Alte bin und wann kann ich endlich wieder durchschlafen? Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen, Gliederschmerzen, Erschöpfung oder Atembeschwerden sind nur einige wenige Langzeitfolgen der Infektion, von denen Patient:innen berichten. Denn bislang sind rund 300 Symptome für ein Post-Covid-Syndrom bekannt. „Alleine das sagt ja schon, dass man eigentlich noch nicht genau weiß, was es ist“, so Primar Josef Niebauer bei unserem Besuch im Reha Zentrum Salzburg im Landeskrankenhaus.

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Primar Josef Niebauer leitet das Reha Zentrum Salzburg.

100 Long-Covid-Patient:innen in Reha Zentrum behandelt

Dort wurden seit Herbst 2020 rund 100 Menschen mit Long Covid behandelt. „Für uns in der Medizin ist das lange Nachhängen einer Infektionskrankheit per se nichts Neues. Wir sehen das zum Beispiel beim Epstein-Barr-Virus. Die meisten sind ohne Symptome, einige leicht symptomatisch und bei ein paar dauert es eine lange Zeit, bis sie wieder aus dem Tief heraus kommen. Der Grund, warum Long Covid so in die Schlagzeilen kommt, ist, weil eine so große Anzahl symptomatisch an Covid erkrankt, so dass dann plötzlich so viele Langzeitsymptome haben“, schildert Niebauer. Aktuell gehen die Experten von rund zehn Prozent aller an Covid-19-Erkrankten aus, die unter den Langzeitfolgen leiden. Aber auch diese Zahlen sind nur Schätzungen, da sich Studien je nach Datenbasis und Methodik zum Teil stark unterscheiden. In einem Umbrella Review von 23 Übersichts- und 102 Originalarbeiten etwa variierte der Anteil von Long Covid in Studien mit Erwachsenen ohne Hospitalisierung zwischen 7,5 und 41 Prozent. Bei Erwachsenen, die wegen Corona im Krankenhaus behandelt werden mussten, wurde bei 37,6 Prozent über gesundheitliche Langzeitfolgen berichtet. Darüber hinaus gibt es erste Hinweise darauf, dass sich die Häufigkeit von gesundheitlichen Langzeitfolgen je nach Virusvariante unterscheiden könnte, berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland.

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Wer bekommt Long Covid?

Klar ist, die Zahl der Long-Covid-Patient:innen in Österreich ist schon bei zehn Prozent und bis heute 4,7 Millionen Corona-Fällen in Österreich eine beträchtliche. Unklar hingegen ist weiterhin die Frage, wer Long Covid bekommt. Betroffen können alle sein – egal ob Erwachsene, Jugendliche oder Kinder, Menschen mit Vorerkrankungen, mit milden, moderaten oder schweren Krankheitsverläufen. „Natürlich gibt es Risikofaktoren, die bekannt sind. So sind – wie bei fast allen Erkrankungen – übergewichtige, unsportliche, multimorbide und ältere Menschen eher gefährdet“, erklärt Niebauer. Man könne außerdem auch nicht sagen, dass nur Ungeimpfte oder nur Geimpfte an Long Covid erkranken, auch wenn es sehr wohl einen Zusammenhang mit der Impfung geben dürfte: „Patient:innen, die unter einem schweren Krankheitsverlauf leiden, haben natürlich schon eher die langen Symptome und unter jenen, die an einem schwerem Krankheitsverlauf leiden, sind besonders viele Nicht-Geimpfte“, fasst der ärztliche Leiter des Reha-Zentrum im S24-Gespräch zusammen. Alleine deswegen sei die Impfung prinzipiell schützend und zu empfehlen.

Während die Symptome einer aktiven Corona-Erkrankung mit Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen und Husten eindeutig sind, sind jene 300, die im Langzeitverlauf genannt werden, sehr unspezifisch. „Nehmen Sie zum Beispiel Haarausfall, Schlaflosigkeit oder Müdigkeit, das könnte auch auf andere Krankheitsbilder deuten. Wenn ich merke, dass ich auch zwei, drei Wochen nach einer Corona-Infektion noch immer nicht die Stiege hinaufkomme und die Kopfschmerzen noch immer da sind, dann muss ich das auch abklären lassen“, erklärt der Mediziner.

 
 

Long Covid drückt auf die Psyche

Eben diese unspezifischen Symptome können auch die Psyche eines Menschen stark belasten. Ist eine Krankheit greifbar und gibt es eine klare Diagnose, sei es für die Patient:innen in der Regel einfacher damit umzugehen. Bei den am Post-Covid-Syndrom-Erkrankten wird jedoch trotz umfangreicher Untersuchungen nichts Konkretes gefunden. „Genau die haben es besonders schwer, weil ihre Krankheit nicht ernst genommen wird. Beweise können sie nicht auf den Tisch legen – außer dass sie sagen müssen, dass sie sich schon wieder hinlegen könnten. Und von denen haben wir etliche hier.“

„Symptome nicht wegdiskutieren“

Im Reha Zentrum Salzburg nehme man das Befinden der Patient:innen sehr ernst. „Wenn der Patient sagt, dass er erschöpft ist, dann diskutieren wir das nicht weg“, so Niebauer. Mit Übungseinheiten am Ergometer, an Kraftgeräten und Übungen mit dem eigenen Körpergewicht verbessert sich langsam aber doch die körperliche Leistungsfähigkeit und die Zuversicht. Auch durch Gespräche mit einer Psychologin hilft man so den Leidenden, wieder zu mehr Selbstvertrauen zu finden.

Long Covid bleibt bis zu 18 Monate lang – und länger

Doch das braucht Zeit, viel Zeit. „Wir haben aktuell Patienten, die bereits seit eineinhalb Jahren leiden. Es ist ungewiss, wie lange es dauern wird, bis diese Leute wieder das Niveau von vorher erreichen werden. Allerdings gehe ich sehr davon aus, dass man bei etlichen sehen wird, dass sie dann tatsächlich wieder die Alten sein werden“, gibt der Mediziner Hoffnung.

Kraft, Ausdauer, Entspannung und Ernährung

Einer spezifischen Therapie kann man auch im Reha Zentrum nicht folgen, da die Symptome unterschiedlich sind. Sie ist individuell und so wird alles kombiniert, bei dem man weiß, dass es dem Mensch gut tut: Ausdauer, Kraft, Physiotherapie, Entspannung und Ernährung. „Das, was nicht mehr geht, üben wir hier“, so Niebauer. Die Reha, die berufsbegleitend absolviert wird, habe zum Ziel, dass die Patient:innen das Gelernte auch zu Hause im Alltag umsetzen und mit den Übungen weitermachen. Die Kosten werden vom Sozialversicherungsträger zu Gänze übernommen.

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Training am Ergometer im Reha Zentrum Salzburg

Long Covid bleibt Thema

Long Covid werde uns noch eine ganze Weile beschäftigen, ist sich der Mediziner sicher. Wie lange genau, das könne man im Moment noch nicht sagen. „Natürlich hoffen wir alle, dass das Virus über die Zeit schwächer wird und es irgendwann einfach keine Rolle mehr spielt. Aber wenn jemand die Antwort hätte, würden wir jetzt nicht hier sitzen und darüber reden.“

Dementsprechend ist Long Covid auch in der Politik Thema. So kündigte Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) Anfang Juni eine eigene Konferenz ausschließlich zu Long Covid an. "Die Forschungslage dazu ist ständig im Weiterentwickeln, aber sehr dürftig.". Zudem soll ein speziell entwickeltes Web-Tool Hausärzt:innen bei der Diagnose unter die Arme greifen. Im Vordergrund steht dabei die systematische Abklärung mehrdeutiger Symptome. Man wolle einerseits eine Überdiagnostik vermeiden, und gleichzeitig auch eine Unterdiagnostik hintanhalten, heißt es.

 

"Jeder weiß, wie es ist, nicht gesund zu sein"

Abgesehen von der Medizin, wissen die Menschen eigentlich noch zu wenig oder schon zu viel über Long Covid? „Jeder weiß, wie es sich anfühlt, nicht gesund zu sein und wenn ich Wochen nach einer Erkrankung merke, ich bin immer noch nicht fit, dann lass ich das nachsehen. Das hätte man vor Covid auch machen sollen, jetzt macht man es halt mit Covid. Ich denke, das ist vernünftig und mehr braucht man dazu auch gar nicht sagen.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Dr. Josef Niebauer, MBA ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation – ÖGPR-Vorsitzender der Sektion Sportkardiologie, European Association of Preventive Cardiology der European Society of Cardiology, Primar des Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für digitale Gesundheit und Prävention und Ärztlicher Leiter des Rehazentrum Salzburg (RZS).

Weitere Infos zu Long Covid

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 24.09.2022 um 09:01 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/long-covid-und-warum-wir-es-nicht-wegdiskutieren-koennen-125376769

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