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Unwetter in Salzburg

"Es schmeckt immer noch nach Schlamm"

Lokalaugenschein in Muhr

Heftige Unwetter hielten im November dieses Jahres Salzburgs Süden in Atem. Besonders getroffen hat es die Lungauer Gemeinde Muhr, die für einige Tage von der Außenwelt abgeschnitten war. Die Lungauerin Monika Kandler erzählte uns beim Lokalaugenschein wie es ist, wenn Muren Schlamm und Geröll bis ins Eigenheim treiben.

Muhr

Die Landesstraße auf der wir fahren schlängelt sich von St. Michael kommend in Richtung Muhr. Über uns strahlend blauer Himmel, dennoch gibt es in der Ortschaft im Tal zu dieser Jahreszeit auch vormittags kein direktes Sonnenlicht. Die Kälte hält sich sichtbar stimmungsvoll in Bodennähe, dann erreichen wir die Ortseinfahrt nach Muhr und sehen die Spuren der vergangenen Unwetter: An mehreren Stellen gingen Muren ab und rissen jede Menge Material mit sich. Bagger arbeiten immer noch die Schäden auf.

Zwei Muren rauschen in Siedlungsgebiet

Die Familie Kandler empfängt uns herzlich in ihrem Haus. Auf den ersten Blick sind – abgesehen von den unmittelbar daneben niedergegangenen Muren – kaum Schäden erkennbar. Doch ein Trockengerät samt Ventilator im Eingangsbereich deutet auf die Erlebnisse der vergangenen Wochen hin. Bei Kaffee und Kuchen erzählt uns Hausbesitzerin Monika Kandler dann, wie sie die Unwetter in Muhr erlebte: Zwei voneinander unabhängige Muren gingen in kurzen Abständen links und rechts des Hauses nieder. Wie durch ein Wunder kam dabei niemand zu Schaden.

Gepostet von Petra Krznar am Sonntag, 17. November 2019

Wasser erreicht Haus der Kandlers

Doch der Reihe nach. Am Wochenende rund um den 10. November machten sich in Salzburgs Süden heftige Unwetter breit. "Wir sind in Ruhe dagesessen und haben mit dem Enkel Memory gespielt. Es hat eben stark geregnet, das ist an sich ja nichts Neues", erzählt uns Monika Kandler. Die Familie bekam dabei gar nicht mit, dass sich das Wasser im Straßengraben bereits in Richtung Haus ausbreitete. "Der Bürgermeister ist an unserem Haus vorbeigefahren und hat uns das mitgeteilt", so die 57-Jährige. Die Familie hat daraufhin die Autos umgestellt und konnte sie so retten – vorerst.

"Lauft! Lauft! Lauft!"

Gegen 14.30 Uhr ging es dann los. Zu diesem Zeitpunkt war aufgrund der Wassermassen bereits die Feuerwehr bei den Kandlers im Einsatz, die Familie hielt sich deshalb draußen auf. Plötzlich schrie Monika Kandler: "Lauft! Lauft! Lauft!" – im Hang oberhalb des Hauses setzte sich eine Mure in Bewegung. "Die Bäume sind geflogen, ich habe nur noch schnell mein Sohn geschnappt und bin gelaufen", schildert Tochter Eva. Auch die hochschwangere Tochter Tanja wurde kurzerhand über die Schlammmassen getragen und in Sicherheit gebracht.

Flucht ins Haus der Schwester

Die Familie schnappte sich nur noch das Nötigste und machte sich auf den Weg zum Haus von Monika Kandlers Schwester, das etwa zwei Kilometer entfernt liegt. "Wir sind bei ihr untergekommen. Das Haus liegt nicht so exponiert, von dem her ist es dort sicher", sagt die 57-Jährige. Als es dann finster wurde, wurde es unheimlich. "Man hört die Muren sehr deutlich. Ein Poltern und Brechen, sieht aber nichts." Per Telefon erkundigten sie sich, ob das Haus überhaupt noch steht. "Das Schlimmste ist die Ungewissheit", sagt die Lungauerin.

Bild der Verwüstung in Muhr

Am nächsten Tag verschafften sie sich selbst ein Bild vor Ort. "Von oben und hinter dem Haus, überall kam der Schlamm her. Außen stand er bis zu den Fenstern. Wir dachten, dass es drinnen auch so aussieht", beschreibt Monika Kandler die Situation. Doch dem war nicht so. In der Küche stand der Schlamm einige Zentimeter hoch, aber das sei laut der 57-Jährigen nicht so tragisch. "Im Sommer hatten wir eine neue Haustüre einbauen lassen, und die hat gehalten", zeigt sich Kandler erleichtert.

Schlamm in Garage und Keller

Der Schlamm setzte Keller und Garage zu. Das Garagentor wurde eingedrückt, so gelangte der Schlamm in den Innenraum. Dabei hat es Sammlerautos der Familie erwischt. Sechs Fahrzeuge wurden insgesamt zerstört. Zwei Tage nach den verheerenden Muren hatten die Kandlers dann wieder Zugang zum eigenen Haus, davor war dies aufgrund der Schlammmassen nicht möglich. "Die ganzen Häuser entlang des Hanges wurden evakuiert." Zu diesem Zeitpunkt war auch die Straße von den Murenabgängen in Mitleidenschaft gezogen worden. Muhr war von der Außenwelt abgeschnitten.

Erleichterung trotz massiver Schäden

Und dennoch sind Monika Kandler und ihre Familie wahnsinnig erleichtert. Sie denken positiv: "Gott sei Dank ist niemand verletzt worden. Andere hat es schlimmer erwischt, da wurde ein Haus auf das andere geschoben. Ich kann da nicht jammern." Doch auch der Schaden am Haus der Kandlers fiel nicht gering aus: "Es schmeckt immer noch ein wenig nach Schlamm."

Große Hilfsbereitschaft in Muhr

Im Ort herrschte unmittelbar nach den Unwettern große Hilfsbereitschaft. "Die Leute haben gleich angeboten, zu helfen. Teilweise auch, obwohl bei ihnen selbst Wasser im Keller stand", freut sich die Hausbesitzerin über den Zusammenhalt in Muhr. Das Positive zu sehen, war dabei aber nicht immer einfach: "Gerade anfangs, wenn man das Ausmaß so sieht, weiß man gar nicht, wo man anfangen sollte. Man kann die Gedanken gar nicht festmachen und denkt an 15 Dinge gleichzeitig." Dazu komme der Stress und das ständige Telefonieren. Heizung und Strom funktionierten nicht.

Sorge vor weiteren Muren im Frühling

Im Haus der Kandlers laufen nun sieben Trockengeräte, welche die Feuchtigkeit aus dem Haus bringen sollen. Rund um das Haus finden nach wie vor Aufräumarbeiten statt. Bis der Normalzustand wiederhergestellt ist, wird es noch dauern. Sorgen bereitet Familie Kandler der Frühling. Derzeit ist alles gefroren, da droht keine Gefahr vom Hang. Im Frühling aber kann sich das noch ändern. "Im Hang sind Risse und Abrisskanten. Zudem ist viel Material oben", erklärt die Lungauerin. Wie der Frühling wird, wisse sie nicht und das habe sie ohnehin nicht in der Hand. "Es bleibt einfach ein ungutes Gefühl", so Kandler.

Spenden möchte Monika Kandler allerdings nicht entgegennehmen. Wer dennoch Betroffene im ganzen Bundesland unterstützen möchte, kann dies über ein beim Land Salzburg eingerichtetes Spendenkonto tun:

IBAN AT44 5500 0000 0260 0000. Das Kennwort lautet "Salzburger Katastrophenhilfe". Die Spende ist übrigens steuerlich absetzbar.

(Quelle: SALZBURG24)

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