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Suche nach innerer Ruhe

"Meditation als trockene Übung hat keinen Wert"

Marion & Bernhard Hötzel über die Wirkung der Praxis

Wer Ruhe und Gelassenheit sucht, stößt heute immer häufiger auf das Schlagwort Meditation. Die zahllosen Angebote im Netz versprechen Entspannung, inneren Frieden und Glück – ja manche sogar die Erleuchtung. Das klingt doch eigentlich ganz verlockend, oder? Realistisch ist das freilich nicht ganz. Was Meditation tatsächlich bedeutet, erklären uns Marion und Bernhard Hötzel von der Schule für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee (OÖ).

Während Meditation – übrigens ein Oberbegriff für viele unterschiedliche Methoden der Geistesschulung, die nicht zwingend im Lotussitz erfolgen muss – bis vor 20 Jahren noch in der Esoterik angesiedelt wurde, ist die Wirksamkeit heute durch zahlreiche Studien belegt. Regelmäßige Praxis wirkt auf die Gehirnwellen, stärkt unter anderem die Konzentration und schult unser Mitgefühl.

Die mittlerweile unbestrittene und verifizierbare Wirkung von Meditation führt auch in Österreich zu eine Fülle an neuen Yoga-Zentren, Achtsamkeitsschulen und den unterschiedlichsten Angeboten – online wie offline. Bei der Suche nach der für sich „richtigen“ Methode kann das schon so manchen überfordern.

Marion und Bernhard Hötzel meditieren seit 40 Jahren und geben seit zehn Jahren ihr Wissen darüber als Lehrer in ihrer Schule für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee weiter. Das Paar legt dabei den größten Wert auf die Integration der Praxis in den Alltag. Ihr Credo: „Eine Meditation als trockene Übung auf einem Sitzkissen hat keinen Wert.“ Wir haben das Paar zum Interview getroffen.

 

Zwei Meditationslehrer im Interview

SALZBURG24: Wo finde ich die für mich richtige Übung?

BERNHARD: Die Angebote sind heute extrem vielfältig und oft ist es so, dass es darum geht, mit der Meditation etwas an uns zu optimieren. Doch die eigentliche Meditation lässt diesen Optimierungsgedanken vollkommen beiseite. Denn es geht beim Meditieren lediglich darum, sich selbst zu erfahren und in weiterer Folge die Möglichkeit zu entwickeln, das dann auch anzunehmen.

MARION: Zunächst sollte man sich klar machen, wozu will ich das? Um Ruhe und Gelassenheit zu erlangen, muss ich nicht unbedingt meditieren. Ich kann dafür auch ins Fitnessstudio oder auf den Berg gehen. Bei langen Wanderungen oder einer Skitour beispielsweise kann ich ebenso mit mir in Kontakt sein und runterkommen. Doch wenn Fragen auftauchen, wie: wer bin ich, wozu bin ich hier, habe ich eine Aufgabe und wo kann ich die finden, dann braucht es dazu schon auch ein bisschen Psychologie. Das bedeutet, wenn ich meditieren will, kann ich mich entweder damit beschäftigten, besser zu werden, mich aus der Masse abzuheben, mir etwas Besonderes aneignen zu wollen, oder ich kann in Meditation gehen, weil ich wirklich wissen möchte, wer bin ich. Und darüber sollte man sich bei der Auswahl aus den Angeboten im Klaren sein.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Meditierende ins Esoterik-Eck gestellt. Das ist heute nur noch zum Teil so, aber immer noch vorhanden. Wo seht ihr die Abgrenzung zwischen Meditation und Esoterik?

MARION: Die Grenze hat sich entwickelt. Wenn wir 100 Jahre zurückschauen, war die Wissenschaft noch gar nicht so weit, dass sie Meditation erklären konnte. Also brauchten wir Bilder und Geschichten, um unser Innenleben zu beschreiben. Und da kommt es unweigerlich zu Missverständnissen. Heute wissen wir, dass Meditation in unserem Gehirn wirkt und wie die regelmäßige Übung unsere Neurobiologie und unsere Genetik verändern kann. Ich glaube, heute ist Meditation nicht mehr Esoterik. Für mich ist sie eine ganz moderne Neurologie und die einzige Möglichkeit selbst zu erkennen, wie funktioniere ich als einzelnes Wesen.

BERNHARD: Die Frage, ob Meditation wirkt, ist empirisch beantwortet. Heute geht es darum, herauszufinden, wie wirkt Meditation beim Einzelnen. Welche Fragen kommen konkret auf und wie kann man Meditation in den Alltag einbauen. Dementsprechend hat Meditation als trockene Übung auf einem Sitzkissen für uns auch keinen Wert. Wertvoll wird sie, wenn ich sie nutzen kann, um mich selbst in einem tieferen Sinn zu erkennen und dieses tiefere Erkennen dann auch in mein Umfeld und Gespräche mit meinen Mitmenschen hineinbringe.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

MARION: Wenn ich jemandem neu begegne, wie ist meine Haltung zu dieser Person? Binnen Millisekunden haben wir Vorurteile über Menschen gefällt. Das geht ganz schnell und ist manchmal grausamer als ein Krieg. Wir sind oft so fest im Kopf, dass wir uns nicht vorstellen können, dass in dem anderen Menschen noch etwas anderes sein kann, das meine Neugierde auch weckt – einfach weil ich erkenne, da ist ein anderes Menschenwesen, das mich interessiert. Und Meditation schult unsere Empathie. Wir werden wacher und offener und schauen plötzlich auch auf andere Kulturen, auf andere innere Haltungen – und das bereichert uns.

Über Marion und Bernhard Hötzel

Marion und Bernhard Hötzel haben 2010 das Institut für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee in Oberösterreich gegründet. Ihre Arbeit beschreiben sie als Pionierarbeit für das Bewusstsein. Beide sind Meditationslehrer und ausgebildet in humanistischer Psychologie. Sie haben in den vergangenen 40 Jahren verschiedenste Traditionen der Meditation gelehrt bekommen, waren in Klöstern und lebten in Ashrams in Asien.

(Quelle: SALZBURG24)

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