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Fünfter Prozesstag

Kronzeuge packt über "Bürmoos-Pizzeria" aus

Angeklagte Familienmitglieder belastet

Drogenringprozess Salzburg APA/BARBARA GINDL
Ein Bild vom Prozessbeginn des Mega-Drogenprozesses mit 14 Angeklagten in Salzburg.

Am fünften Prozesstag am Landesgericht Salzburg gegen 14 Angeklagte wegen Handels von 13,8 Millionen Captagonpillen hat am Dienstag der Kronzeuge unter Polizeischutz seine Mitwirkung an der Verpackung der sogenannten Jihadisten-Droge geschildert. Der 41-jährige Iraker, der mit der Arabisch-Dolmetscherin aus dem Ermittlungsverfahren liiert ist, belastete zudem mitangeklagte Familienmitglieder des 54-jährigen Hauptangeklagten.

Bürmoos, Salzburg

Der Mega-Drogenprozess ist bis Ende Jänner anberaumt. Die Angeklagten – 13 sind bei dem Prozess anwesend – sollen Mitglieder einer internationalen Bande sein, die die Captagontabletten mit einem mutmaßlichen Verkaufswert von rund 40 Millionen Euro im Zeitraum Juni 2016 bis März 2021 aus dem Libanon über Österreich nach Saudi-Arabien geschmuggelt hat. Die Anklage der Staatsanwaltschaft Salzburg basiert zu einem Großteil auf den Angaben des Kronzeugen.

Beziehung mit Dolmetscherin aufgeflogen

Wenige Wochen vor Prozessbeginn wurde bekannt, dass der Iraker eine intime Beziehung mit der nicht zertifizierten Dolmetscherin im Ermittlungsverfahren eingegangen ist. Die Frau übersetzte in dem rund drei Jahre dauernden Verfahren tausende Telefonüberwachungsprotokolle und auch zahlreiche Vernehmungen von Beschuldigten, auch des Kronzeugen. Sie soll zum Ärgernis der Verteidiger seit Juni 2019 mit dem Iraker heimlich liiert gewesen sein.

Der Kronzeuge erklärte heute, er befindet sich seit eineinhalb, zwei Jahren mit der Dolmetscherin in einer Lebensgemeinschaft. Er könne sich nicht mehr genau an den Zeitpunkt erinnern, wann er sie erstmals getroffen habe. Er wisse, dass er sie "beim Übersetzen bei der Polizei" kennengelernt habe. Das sei im September 2019 gewesen. Als ihn die vorsitzende Richterin des Schöffensenats mit der Aktenlage konfrontierte und ihm vorhielt, dass er am 23. Juli 2020 das erste Mal zur Polizei gegangen sei, um auszusagen, antwortete er, er könne sich nicht gut auf ein Datum konzentrieren. Er werde seit ein, zwei Monaten von Verteidigern unter Druck gesetzt.

Kronzeuge packt über Bürmoos-Pizzeria aus

Jedenfalls habe er mit der Dolmetscherin außerhalb der Übersetzungszeiten nicht über diesen Fall gesprochen, beteuerte der Kronzeuge. Er hatte im Vorfeld des Prozesses eine Diversion bekommen. Das, was er ausgesagt habe, beruhe auf seinem eigenen Wissen. "Ich habe das alles erlebt." Heute erzählte er, er sei im Jahr 2015 nach Österreich gekommen und habe dann bei der Familie mit libanesischen Wurzeln in Bürmoos (Flachgau), deren Pizzeria als Umschlagplatz und Lager der Drogen gedient haben soll, eine Bleibe und eine Arbeit gefunden.

Die bisherigen Aussagen des Kronzeugen im Prozess deckten sich auch mit dem Inhalt der Anklage. Mit dem 28-jährigen, angeklagten Betreiber der Pizzeria habe er im Keller des Lokals Captagontabletten in angekauften Pizzaöfen verstaut und mit Folien ausgelegt, die verhinderten, dass Polizeihunde die Drogen erschnüffeln konnten. Ein Sack enthielt 3,5 Kilo Drogen, sechs Säcke passten in einen Ofen. Wie viel Öfen insgesamt mit Tabletten verpackt wurden, konnte er nicht sagen.

Auch die angeklagte 51-jährige Mutter des Pizzeria-Betreibers, mit der er damals ein Verhältnis hatte, habe beim Verpacken mitgeholfen, "wenn sechs statt vier Hände nötig waren", sagte der Kronzeuge. Einige Angeklagte hat er nicht belastet. Er könne nicht sagen, ob sie von den Drogengeschäften gewusst haben.

Die Tabletten seien um das 50- bis 70-fache des im Libanon geltenden Preises in Saudi-Arabien verkauft worden, schilderte der Iraker. Die Führung des Drogenumschlagplatzes in Österreich habe der Erstangeklagte Vater des Pizzeria-Betreibers übernommen, ein Hotelier in Tirol. Der Hauptangeklagte und der 49-jährige Fünftangeklagte aus Vöcklabruck hätten die ersten Schritte eingeleitet. Der Sohn des Hoteliers habe mit Bargeld nur so herumgeworfen, verwies der Kronzeuge auf ein luxuriöses Leben des Beschuldigten.

Aussage bei der Polizei

Schließlich habe er sich entschlossen, zur Polizei zu gehen und auszusagen, weil er es aus Gewissensgründen als seine Pflicht gesehen habe, sagte der Iraker. Er habe auch Angst gehabt, weil er und seine Familie bedroht worden seien. "Ich habe mit denen gelebt und weiß, was für ein Unheil von ihnen kommt", sagte er in Richtung der Angeklagten. Als er erstmals das Drogen-Lager in Bürmoos betreten habe, seien dunkle Tage auf ihn zugekommen. Der Kronzeuge wurde während seiner Befragung von zwei uniformierten und mit Gesichtsmasken geschützten Polizisten flankiert. Im Gerichtssaal befanden sich auch mehrere Polizisten in Zivil. Die in Untersuchungshaft befindlichen Angeklagten wurden von Justizwachebeamten bewacht.

Verteidiger pochen auf neue Übersetzung

Die Verteidiger der anwesenden 13 Angeklagten hatten zum Prozess-Auftakt erklärt, dass diese nicht schuldig seien. Es seien "keine einzige Tablette", keine Abnehmer und kein Bargeld gefunden worden. Mehrere Verteidiger schlossen sich heute dem Antrag von Kollegen an, dass die Protokolle, welche die Dolmetscherin im Ermittlungsverfahren übersetzt hatte, nicht im Prozess verwendet dürfen. Einige Anwälte hatten auch angekündigt, dass ihre Mandanten im Prozess erst dann aussagen werden, wenn die Protokolle neu übersetzt worden sind.

Das Gericht hat am 10. Dezember einen allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Dolmetscher für die arabische Sprache mit der Überprüfung beziehungsweise Übersetzung der Telekommunikationsüberwachungs-Protokollen beauftragt. Mehrere Verteidiger hatten allerdings die komplette Neuübersetzung sämtlicher Beschuldigtenvernehmung- und Telefonüberwachungsprotokolle beantragt, auch von jenen Protokollen, welche die zwei weiblichen Angehörigen der Frau übersetzt hatten.

(Quelle: APA)

Aufgerufen am 16.05.2022 um 06:41 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/mega-drogenprozess-kronzeuge-sagt-zur-buermoos-pizzeria-aus-114365965

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