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Müllner Pfarrer Pater Franz im Sonntags-Talk: "Die Kirche stellt das Gegenstück zum Kaufrausch dar"

Pater Franz wirkt in der Pfarre Mülln in der Stadt Salzburg. Bekannt ist der Seelsorger vor allem aufgrund seiner Arbeit mit Kirchenaussteigern. Im Sonntags-Talk mit SALZBURG24 erzählt der begeisterte Geistliche davon, wie sich die Kirche in einer sich ändernden Gesellschaft aufstellen muss, kritisiert in der Adventzeit die Konsumgesellschaft und verrät, wie er selbst Weihnachten feiert.

SALZBURG24: Was bedeutet die Adventzeit für Sie?

PATER FRANZ: Die Adventzeit bedeutet für mich vor allem Stille. Dabei muss ich auf die Menschen noch besser hinhören als sonst. Sie sind mitunter so gefordert im Arbeitsleben, dass man nur noch ganz leise Töne hört. Insofern versuche ich, in der Adventzeit die Aufmerksamkeit auf die Menschen zu lenken und zu spüren, was sie aggressiv macht. Dazu muss ich aber selbst erst Stille finden, was ich jeden Tag beim Morgengebet und in der Morgenmeditation versuche. Wenn ich diese gefunden habe, überträgt sich die auf den ganzen Tag und die Welt der Menschen.

Ist die Vorweihnachtszeit zu stressig geworden?

Auf jeden Fall. Ich habe zwar keine genauen Daten, aber wenn jemand sagt, dass er ein Drittel des gesamten Jahresgeschäftes in den 30 Tagen Vorweihnachtszeit macht, dann müssen die Angestellten in dieser Zeit Unglaubliches leisten. Da fallen manche am 23. Dezember buchstäblich um. Das ist nicht menschlich.

Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Weihnachtsgeschenk aus?

Im empfinde es als eine Frechheit, dass das, was über die Werbung versucht wird, dem Menschen einzureden, dass das, was unter dem Christbaum liegt, das Fest ausmacht. Das ist eine Irreführung des Menschen oder der ganzen Familie. Was wir an Gesprächen, an innerer Kommunikation oder Frieden aufbauen, was man an Liebe und Zeit schenkt, das macht das Fest aus. Nicht das Packerl unter dem Baum. Ich finde es einfach schlimm, dass die Werbung versucht, das dem Menschen so einzureden.

Sie sind vor allem wegen ihrer Arbeit mit Kirchenaussteigern bekannt. Gibt es in der Adventzeit mehr Menschen, die als einstige Aussteiger wieder in die Kirche zurückkehren?

Den Eindruck habe ich tatsächlich. Gerade erst hatte ich in nur einer Woche gleich drei Kircheneintritte gehabt. Ich glaube, die Leute spüren einfach, dass die Kirche mit ihren Feiern, mit ihren Gesängen und Musik, mit ihrer Meditation und vielem anderen etwas anbietet, das ein absolutes Gegenstück zum Kaufrausch darstellt. Wenn jemand einmal ausgetreten ist und zu Weihnachten aber dennoch gerne die Christmette besuchen und zur Kommunion gehen würde, dann wagt er den Schritt zum Wiedereinstieg in dieser Zeit eher.

Wie laufen Wiedereintritte ab, gibt es da Gespräche im Vorfeld?

Früher hatte ich zum Stammtisch für Kirchenaussteiger ins Müllner Bräu geladen. Da sind mitunter innerhalb von ein paar Minuten gleich zehn Menschen aufgetaucht. Das hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Das ist immerhin ein ganzer Biertisch voll. Ich habe mir dann die Gitarre genommen und wir haben gemeinsam gesungen, das war schön!

Die Leute haben dabei gleich von sich aus zu erzählen begonnen und mir ihre Seele ausgeschüttet. Mittlerweile entwickelt sich das Ganze allerdings so, dass jemand, der interessiert ist, anruft und einen Termin bei mir ausmacht. Wir treffen uns dann zu einem Gespräch. Dazu nehme ich mir auch gerne eine Stunde Zeit.

Wie viele Kircheneinsteiger haben Sie jedes Jahr? 

In den letzten fünf Jahren waren es immer mehr als 25 Menschen, die wieder in die Kirche eingetreten sind. Betrachtet man die Zahlen, so verzeichnet nur die Stephanspfarre in Wien mehr Eintritte. Mit der kann ich mich aber natürlich nicht vergleichen. 

Was sind die Beweggründe, die die Menschen wieder zurück in die Kirche führen?

Meistens wollen die Menschen einfach wieder Teil der Gemeinschaft sein. Ich denke, dass es den Leuten sehr gut tut, da die Anonymität heutzutage sehr stark zunimmt. Wir Christen bieten kleine und große Gemeinschaften an.

Bleiben alle Wiedereinsteiger in der Kirche oder gibt es welche, die gleich danach wieder austreten?

Eigentlich bleiben alle. Das wäre wirklich ein böser Streich, wenn jemand nur deswegen in die Kirche eintritt, weil er eine Firmung oder Ähnliches vor sich hat und dann wieder verschwindet. Im Großen und Ganzen ist es den Leuten ein tiefes Anliegen.

Wie einfach ist der Wiedereinstieg?

Jemand hat mal gesagt, man sollte es nicht komplizierter machen als den Austritt. Und um auszutreten geht man einfach mit dem Taufschein zum Amt. Wenn also jemand mit dem Taufschein zu mir kommt, dann kann er noch am selben Tag und zur selben Stunde wieder eintreten. Wir beten dann im Anschluss und zünden Kerzen an.

Warum treten Menschen aus der Kirche aus? 

Aus den verschiedensten Gründen. Gerne wird gesagt, dass das Geld der Grund ist. Das ist aber nur einer von vielen. Wenn zum Beispiel an einer sehr sensiblen Stelle im Leben, wie etwa einem Begräbnis, etwas daneben geht und die Hinterbliebenen bei der Kirche keinen Trost finden, verlassen die Menschen die Kirche mitunter. Für mich ist das eine absolute Fehlhaltung der Kirche. Wir müssen sehr daran arbeiten, eine Willkommenskultur aufzubauen. Da habe ich auch unseren Papst im Hinterkopf der sagt, 'geht hinaus auf die Straßen und an die Ränder der Welt'. Das ist für mich leicht, ich gehe die Stiegen hinunter und bin im Bräustübl (lacht).

Muss die Kirche moderner werden?

Das ist schwer zu sagen. Das Wort „modern“ muss ich noch etwas erklären. Die Kirche muss sich noch viel mehr in die Lebenssituation der Menschen von heute hineindenken. Vor 25 Jahren war die Gesellschaft noch ganz anders als heute. Auch von der Entwicklung der Wertegesellschaft her, ist das heute noch einmal anders. Hier muss die Kirche ganz aufmerksam und hellhörig werden. Trotz eines gewissen Werteverlustes gibt es aber auch Sehnsucht nach Werten wie Treue, Liebe und Geborgenheit. Hier muss dem Menschen Hilfe angeboten werden. Mit "modern" werden meine ich den Menschen von heute wahrhaft ernst zu nehmen, in seiner Lebenssituation zu verstehen. Und da hat sich eben etwas gewandelt, das wird wohl jeder Soziologe mit wenigen Sätzen unterstreichen.

Wie feiern Sie Weihnachten? Klassisch mit einer Würstelsuppe und Messe?

Das ist eine Frage, die ich sehr nüchtern beantworten kann. Ich habe eine Haushälterin, die immer Freitagnachmittag zu ihrer Familie nach Anthering fährt, und dann bin ich alleine. Aber sie wird mir im Vorfeld einen Christbaum herrichten und etwas vorkochen. Ansonsten sitze ich alleine da, zünde Kerzen an und spiele auf meiner Gitarre. Dann denke ich mir, Jesus das Christkind ist bei mir, also sind wir zu zweit.

Essen und Trinken fällt für mich eher bescheiden aus, da ich sehr viele liturgische Feiern habe. Da konzentriere ich mich darauf. Ich werde also kaum Alkohol trinken und groß Essen, eine gute Würstelsuppe allerdings genehmige ich mir gerne. Weihnachten fällt für mich also nicht üppig aus, dafür sehr besinnlich.

Haben sie ein Lieblingsweihnachtslied?

Ich liebe das Lied "Stille Nacht", von dem her verabscheue ich es, wenn es auf CDs in den Großkaufhäusern gespielt wird. Ich habe zu dem Lied aber auch eine persönliche Beziehung. Da ich aus der Gegend bin, wo das Lied "Stille Nacht" entstanden ist. Die Schule Arnsdorf hat dem Stift Michaelbeuern gehört. Das ist etwas, das nur ganz wenige wissen. Der Lehrer, der an dem weltbekannten Weihnachtslied beteiligt war, war ein Angestellter.

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Für mich muss die Weihnachtszeit friedlich ablaufen. Ich habe auch immer wieder spannungsreiche Gespräche, die in einer Kirche oder Pfarre eben mitunter vorkommen. Die versuche ich bis Weihnachten immer abzubauen. Das empfehle ich auch allen anderen, die so konfliktreich und so geladen mit sich selbst umgehen. Sie sollen sich einfach einmal zusammensetzen und Dinge bereinigen. Nicht, dass man als Ehepaar auch noch getrennt feiern muss.

Zudem treffe ich mich in den Weihnachtsfeiertagen mit meinen Geschwistern und meinem Vater. Der Heilige Abend aber, der gehört mir.

Was bedeutet ihnen der Glaube?

Ich spüre, dass ich viele Dinge in meinem Leben durch den Glauben anders sehe, tiefer sehe, dass ich mich von Gott gehalten, ja sogar umarmt und geliebt weiß, weil ich an diesen liebenden Gott glaube. Deswegen spüre ich auch, dass Menschen, die mit Glaube und Kirche weniger anfangen können, sich in vielen Bereichen des Lebens um einiges schwerer tun als ich, der glauben darf.

Viele Menschen tun sich in den wichtigen und existenziellen Fragen des Lebens, in den letzten Dingen wie dem Sterben, dem Heimgehen, so schwer. Für mich ist es ein Heimgehen in ein Fest ohne Ende, in eine Zukunft, zu einem Gott, der mich erwartet, der mich aber auch anschaut und fragt: „Als du auf der Erde warst, was hast du für den Nächsten getan? Wie viel Hoffnung hast du entzündet? Wie viel Feuer der Liebe hast du ins Leben hineingebracht? Und wie viele hast du durch Glauben dahingebracht, dass sie das Leben tiefer sehen, als nur den Konsum?

 

Ein sehr schöner Schluss, wie bedanken uns für das schöne Gespräch und wünschen frohe Weihnachten!

Sehr gerne, vielen Dank!

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 02.03.2021 um 06:04 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/muellner-pfarrer-pater-franz-im-sonntags-talk-die-kirche-stellt-das-gegenstueck-zum-kaufrausch-dar-57596086

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