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Network-Marketing: Schnelles Geld von Zuhause aus?

Aussteiger über Verdienst, Tätigkeit und Risiko in Vertriebsnetzwerken

Social Media PIXABAY
Soziale Netzwerke werden mehr und mehr zu kommerziellen Zwecken genutzt. (SYMBOLBILD)

Der Einzug der Sozialen Medien in unseren Alltag hat vieles verändert. Von der Kommunikation mit anderen, über den Zugang zu Informationen, bis hin zu Werbung. Beim Network-Marketing werden Kunden selbst zu Händlern und der Bekanntenkreis zu potenziellen Kunden oder sogar Partnern. Wir haben mit einem Aussteiger darüber gesprochen.

Viele von uns, die auf Facebook, Instagram und Co aktiv sind kennen es: Man loggt sich ein und schon ploppt eine Nachricht von einem ehemaligen Mitschüler, einer früheren Kollegin oder anderen flüchtigen Bekannten auf. Werden in diesen Nachrichten tolle neue Produkte angepriesen oder wird man dazu motiviert sich ganz unkompliziert und flexibel ein zweites Standbein aufzubauen, handelt es sich meist um Network- oder Multi-Level-Marketing. Das Prinzip hinter dieser Form des Vertriebs ist, dass Unternehmen Partner engagieren, die zum einen die Produkte an Freunde, Familie und Bekannte verkaufen und sich zum anderen ein Team aus weiteren Partnern aufbauen, um an deren Verkäufen mitzuverdienen.

Network-Marketing SALZBURG24/GRUBER

Fitness-Shakes, Kosmetik-Artikel oder Finanzberatung

„Das Tätigkeitsfeld im Network-Marketing ist recht breit aufgestellt“, wie Julia Peham, Geschäftsführerin des Landesgremiums für Versand-, Internet- und allgemeinen Handel der Wirtschaftskammer Salzburg, gegenüber SALZBURG24 erklärt. Der Verdienst besteht zum einen aus Provisionen der eigenen Verkäufe und zum anderen aus Provisionen für die Verkäufe der Partner, die betreut werden." Das Anwerben von Partnern darf aber nicht Voraussetzung für die Beschäftigung sein, da es sich sonst um ein Schneeball- oder Pyramidensystem handle, so die Expertin. Auch die Produkte, die angeboten werden, sind vielfältig. Häufig würden auf diesem Weg Kosmetik-Artikel oder Nahrungsergänzungsmittel wie Protein-Shakes vertrieben werden, einige Unternehmen vermitteln auf diese Weise aber auch Finanzdienstleistungen, wie Versicherungen oder Aktien.

„Keine Antwort ist auch eine Antwort“

Wir haben auf Nachrichten von solchen Partnern reagiert und wollten wissen, welche konkreten Aufgaben man als „Team-Mitglied“ hätte und welche Firmen hinter solchen Anfragen stehen. Die Antworten sahen wie folgt aus: „Gemeinsam mit einem jungen, motivierten Team arbeitest du daran, deine persönlichen Ziele zu erreichen“, „Du kannst dir dein eigenes Team aufbauen und gemeinsam arbeitet ihr daran, euch ein flexibles zweites Standbein aufzubauen“ oder „Wenn du richtig Karriere machen willst oder dir einfach nur etwas dazuverdienen möchtest, dann schau gerne mal bei uns vorbei, wir erklären dir wie du bequem von Zuhause dein eigene Business aufbauen kannst“. Außerdem wurde uns gesagt, dass man konkretere Informationen nur persönlich erhalten würde und wir wurden dazu aufgefordert, persönliche Daten wie Telefonnummer und Adresse anzugeben und einen Termin für ein Kennenlernen" zu vereinbaren.

 

Anzüge, Autos und Alkohol

Wie genau diese Unternehmen agieren, ist von außen kaum ersichtlich", erklärt uns auch Richard (Name geändert, die Redaktion). Er war als Schüler mehrere Monate im Direktvertrieb für eine Firma in Salzburg tätig, die Finanzdienstleistungen vermittelt. „Zuerst wird dir nur gezeigt was du damit erreichen kannst, aber nicht was du dafür tun musst. Der Einstieg läuft so ab, dass jemand, den du kennst und der schon dabei ist, dich auf eines der Einführungs-Events mitnimmt.“ Auch bei diesen Events werde potenziellen Partnern noch kein Einblick in interne Abläufe gegeben. „Dort werden vor allem Motivationsreden gehalten. Es wird einem das High-Life präsentiert, alle in Anzügen, vor der Tür teure Autos und gratis Getränke so viel man will. Und du wirst nebenbei ganz locker dazu überredet, mal vorbeizukommen und es dir anzuschauen.“

Unerwartete Rückzahlungen

Selbst als er dann dort anfing, wurde er nur über das Nötigste informiert, wie der ehemalige Direktberater betont. „Wir wurden dazu ermutigt sämtliche Kontakte aus unseren Handys in eine Liste einzutragen, damit diese dann angerufen werden können. Viele, die mit mir dort waren, waren zwischen 16 und 18 Jahre alt und hatten dementsprechend keine Ahnung von Aktien oder Versicherungen. Uns wurden einfach Versicherungspakete hingelegt, die wir telefonisch mittels Leitfaden vermitteln sollten.“ Bei Abschluss eines Vertrages haben die Berater sowie ihre Vorgesetzten eine Prämie erhalten. Den Mitarbeitern wurde laut Richard aber erst nach einigen Wochen mitgeteilt, dass die Verträge eine dreijährige Ausstiegsklausel enthielten. Wurde innerhalb dieser Frist vom Kunden gekündigt, musste die verdiente Prämie von den Beratern in voller Höhe zurückgezahlt werden. „Als Schüler gibt man das Geld, das man verdient schnell aus und wenn es dann plötzlich heißt du musst es zurückzahlen, kann das schon eng werden.“

„Auf Gier getrimmt“

Für Richard war einer der ausschlaggebenden Gründe für seinen Ausstieg aus der Firma der hohe Zeitaufwand. „Stundenlang zu telefonieren, um vielleicht eine Prämie zu verdienen, dabei aber nicht versichert zu sein, das hat sich einfach nicht ausgezahlt.“ Auch moralisch war die Tätigkeit für ihn nicht mit seinem Gewissen zu vereinbaren. „In so einer Firma wirst du auf Gier getrimmt und möchtest natürlich aus jedem Vertrag die maximale Prämie holen. Im Prinzip werden den Leuten Dinge angedreht, die sie gar nicht brauchen.“

Vorsicht auch als Kunde

Laut Julia Peham von der Wirtschaftskammer Salzburg ist Network-Marketing ein stark wachsendes Berufsfeld. „In Österreich arbeiten aktuell etwa 21.000 Menschen im Direktvertrieb, davon die meisten nebenberuflich. Tendenz steigend.“ Erwägt man, als Partner in ein solches Unternehmen einzusteigen, sollte man jedoch sichergehen, dass es sich um ein seriöses Gewerbe handelt. „Geht es hauptsächlich darum weitere Partner anzuwerben und nicht darum Produkte zu verkaufen, kann man ohne Anwerbung überhaupt nicht erst einsteigen oder ist man verpflichtet im Vorhinein Produkte abzunehmen, ist das mit großer Wahrscheinlichkeit rechtlich nicht zulässig“, warnt die Expertin. Auch für Kunden können solche Firmen unter Umständen Schwierigkeiten bergen. Um Ärgernisse zu vermeiden, rät Peham dazu vor einem Kauf zu überprüfen, ob das Unternehmen eine gültige Anschrift hat und ob Kontaktdaten vorhanden sind, an die man sich im Falle von Problemen wenden kann.

(Quelle: SALZBURG24)

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