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Kleine Pfleger

Salzburgs „vergessene Kinder“

Mehr als 2.000 "Young Carers" pflegen Angehörige

Kind, Mädchen, Traurigkeit, Gewalt, Missbrauch, SB Pixabay/CC0/SYMBOLBILD
Pflegende Kinder werden neben der Krankheit der Angehörigen oft vergessen.

Kinder von kranken Eltern übernehmen in vielen Fällen Aufgaben, die nicht in ihre Verantwortung fallen. Die sogenannten „Young Carers“ pflegen Mutter oder Vater, die Eltern-Kind-Rolle wird vertauscht: Richtig Kind-Sein können sie meist nicht. Unterstützung gibt es wenig, in Salzburg soll es bis Jahresende ein Konzept geben, um das zu ändern.

Wie viele Kinder im Bundesland Mutter, Vater oder ein anderes Familienmitglied pflegen, ist nicht genau erfasst. Laut einer Studie  aus dem Jahr 2012 zu den „Young Carers“ gibt es in ganz Österreich 42.700 pflegende Kinder. Umgerechnet auf Salzburg wären das laut SPÖ ca. 2.500, die Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija) schätzt die Anzahl auf 2.000.

Als weit höher stuft Heidemarie Eher, Leiterin des Vereins Jojo, die Zahl der Betroffenen ein. Sie geht von 6.000 Kindern und Jugendlichen aus. Kinder, deren Eltern an Suchterkrankungen leiden, sind darin nicht inbegriffen. Jojo betreut Kinder von psychisch kranken Eltern.

 

"Kinder wollen helfen"

Sind die Eltern krank, unterstützen die Kinder im Alltag: Sie machen den Haushalt, erledigen den Einkauf und gehen ihren jüngeren Geschwistern zur Hand. Allerdings übernehmen sie auch Aufgaben, die nicht ihrem Alter entsprechen, etwa Körperpflege oder Verbände wechseln. „Kinder rutschen in diese Rolle hinein, sie wollen von sich aus helfen“, weiß Belinda Schneider, Sprecherin von „Superhands“. Eine Plattform, die sich speziell an pflegende Kinder richtet.

Kleine Tätigkeiten würden die Kinder stärken, sagt Schneider. Wird die Verantwortung zu viel, sind die kleinen Helfer überfordert. „Viele verschweigen die Situation. Die Kinder wollen als ‚normal‘ gelten und haben Angst vor Mobbing“, erklärt Schneider im Gespräch mit SALZBURG24.

Pflege: "Kinder schämen sich dafür"

Das bestätigt auch Andrea Holz-Dahrenstaedt, Leiterin der Kija-Salzburg gegenüber S24. „Die Kinder schämen sich dafür und wollen die Eltern nicht verraten.“ Das sei besonders bei Eltern mit psychischen oder Suchterkrankungen zu beobachten, wo es oft darum gehe, ob die Kinder weiterhin bei ihren Eltern wohnen können.

Laut genannter Studie aus dem Jahr 2012 leben tatsächlich nur 11,3 Prozent der pflegenden Kinder im selben Haushalt mit ihren Eltern. 14 Prozent helfen täglich fünf Stunden oder mehr. Nach eigener Einschätzung unterstützen 81 Prozent die Mutter „sehr viel“, 63 Prozent ihre Geschwister und 61 Prozent ihren Vater. Auffällig ist, dass fast 70 Prozent der „Young Carers“ Mädchen sind.

 

Keine unbeschwerte Kindheit

Die Auswirkungen – vor allem auf die Psyche der kleinen Helfer – können massiv sein. „Diese Kinder gehören zur Hochrisiko-Gruppe für psychische Erkrankungen“, zeigt Heidemarie Eher von Jojo auf. Demnach werde ein Drittel später selbst krank, das andere Drittel steht an der Kippe zu einer psychischen Erkrankung und das letzte Drittel bleibt gesund.

Die Kinder selbst berichten in der Studie von Müdigkeit, Schlafproblemen, Rückenschmerzen und Niedergeschlagenheit. Sie fühlen sich erwachsener und glauben nicht, dass sie eine unbeschwerte Kindheit haben. „Später ist das Nicht-Gesehen-Werden ein großes Thema. Auch die Frage: Warum hat niemand etwas gesagt?“, erläutert Eher. Man würde die kleinen Helfer in der Literatur deshalb auch als „vergessene Kinder“ bezeichnen. Es heiße oft: „Die Kinder haben ja nichts“. Aber: „Wir sollten nicht warten, bis die Kinder auffällig werden. Es braucht mehr Prävention“, ist sich Eher sicher.

Prävention ja, aber wie?

Die Kinder zu erreichen sei die größte Schwierigkeit. Darin sind sich die drei Expertinnen einig. Bei „Superhands“ etwa melden sich seltener die Kinder selbst, sondern vielmehr das soziale Umfeld, sagt Schneider. Jojo wird oft von den Eltern selbst kontaktiert – wenn es eine Krankheitseinsicht gibt, betont Eher –, aber auch Pädagoginnen und Pädagogen oder Ärztinnen und Ärzte verweisen auf den Verein. Bei Kindern unter 14 Jahren brauche man jedoch das Einverständnis der Eltern für eine Betreuung, gibt Eher zu bedenken.

Damit sich die Kinder selbst Hilfe holen, bräuchte es laut den Expertinnen mehr Aufklärung in Schulen und Kindergärten. Den kleinen Helfern müsse bewusst gemacht werden, dass das keine „normale“ Situation sei. Bei „Superhands“ hat man außerdem begonnen, Pflegepersonal für die Problematik zu sensibilisieren. „Damit es selbstverständlich wird, dass in den betreuten Familien nach den Kindern gefragt wird“, erklärt Schneider.

 

"Young Carers" brauchen Entlastung

Mittels Theaterstücken, Workshops und Kampagnen versucht man, das Thema an die Kinder und Jugendlichen heranzutragen. Die Scham, tatsächlich um Hilfe anzufragen, sei in vielen Fällen groß. Die drei Frauen plädieren deshalb für eine Enttabuisierung des Themas und für eine aufsuchende Betreuung. In vielen Fällen könne man derzeit nur vermitteln und zuhören. „Die Kinder brauchen jemanden, der direkt in die Familie geht und entlastet – ihnen die Aufgaben aber nicht komplett wegnimmt“, führt Holz-Dahrenstaedt aus.

Seit April gibt es in Salzburg nach einem dringlichen Antrag  der SPÖ im Landtag eine Arbeitsgruppe, die Strukturen für die Unterstützung der pflegenden Kinder schaffen soll. Laut Holz-Dahrenstaedt – die Kija ist Teil der Arbeitsgruppe – soll bis Ende 2019 ein Konzept stehen.

Unterstützung für pflegende Kinder in Salzburg:

(Quelle: SALZBURG24)

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So sollen pflegende Kinder unterstützt werden

Pflege, Betreuung, Altenpflege, Krankenpflege, SB APA/BARBARA GINDL/SYMBOLBILD

Um die „Young Carers“ zu unterstützen haben sowohl die Autoren der Studie „Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige“ als auch die Kinder und Jugendanwaltschaft Salzburg Empfehlungen geäußert.

Die Studie, die im Jahr 2012 an der Universität Wien durchgeführt wurde, zeigt, dass die Kinder und Jugendlichen die Entscheidungen für ihr weiteres Leben aufgrund der Pflegesituation treffen. Außerdem wünschen sie sich Unterstützung: Die kleinen Helfer hätten gerne besseres Wissen über die Erkrankung, eine Anlaufstelle in Notfällen oder praktische Hilfe vor Ort.

Tabu der Krankheit brechen

Wichtig sei laut den Autorinnen und Autoren, dass pflegende Kinder und Jugendliche Akzeptanz finden, dass ihre Lebensrealität anerkannt wird. Außerdem brauche es eine „Enttabuisierung des Themas“ – eine Krankheit und damit einhergehende Situation in der Familie sollte also nichts sein, für das sich die Kinder schämen müssten. Besonders hervorgehoben wird, dass die Kinder und Jugendlichen trotz Pflege- und Hilfsarbeiten im Haushalt noch Freizeit haben. Sie sollen an allen für sie relevanten Lebensbereichen teilnehmen können: Sich mit Freunden treffen, im Sportverein mitmachen oder bei Schulausflügen mitfahren.

Zudem wird in der Studie gefordert, dass die Gesundheit und das Wohlergehen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aktiv gefördert werden. Eine „unangemessene Pflegerolle“, bei der Kinder mehr Verantwortung übernehmen, als gut für sie ist, sollte durch Prävention komplett vermieden werden. Dazu brauche es Hilfe für die gesamte Familie.

Kindgerechte Beratung bei Pflege

In einem ergänzenden Bericht der Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs (Kija), pocht man ebenfalls auf gezielte Programme zur Prävention solcher Fälle. Eine aufsuchende Betreuung soll Hilfe vor Ort schaffen. Aufklärung brauche es vor allem im Bereich der psychischen Erkrankungen, denn die Tabuisierung führe dazu, dass Kinder und Jugendliche nicht über die Situation zuhause sprechen. Für die „Young Carers“ solle es außerdem kindgerechte Informationsangebote und Beratungen geben.

Aufgerufen am 20.09.2019 um 04:23 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/pflegende-kinder-in-salzburg-wenig-unterstuetzt-74178130

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