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Bluttat in Zell am See

18-Jähriger zum Mord gezwungen?

Urteil für morgen erwartet

Mordanklage, 20-Jährige in Zell am See erschossen, Salzburg VOGL-Perspektive Fotografie
Zwei Burschen müssen sich vor Gericht wegen Mordes und Beitrag zum Mord verantworten.

Im fortgesetzten Prozess gegen zwei Pinzgauer wegen der Tötung einer 20-Jährigen am 20. Oktober 2018 in Zell am See (Pinzgau) hat der Staatsanwalt die Anklage abgeändert. Er wirft dem mittlerweile 19-jährigen Zweitangeklagten vor, er habe den 18-jährigen Erstangeklagten zum Mord an der Frau bestimmt, indem er ihm eine Pistole angesetzt und ihn dazu genötigt habe, die Verkäuferin zu erschießen.

Zell am See

Am Mittwochvormittag war Staatsanwalt Marcus Neher mit seinem Plädoyer am Wort, am Nachmittag sind die beiden Verteidiger an der Reihe. Opferanwalt Stefan Rieder hatte für die Mutter der Verstorbenen ein Teilschmerzengeld in Höhe von 36.000 Euro und für den Vater 40.000 Euro gefordert. Ein Urteil in dem Mordprozess am Landesgericht Salzburg wird am Donnerstag erwartet.

Zell am See: Anklage modifiziert

In der ersten Hauptverhandlung am 8. Oktober hatte der Staatsanwalt dem Erstangeklagten Mord und dem Zweitangeklagten Beitrag zum Mord vorgeworfen. Warum er nun die Anklage modifiziert hat, begründete er heute so: Nachdem er sich einen persönlichen Eindruck von den Beschuldigten im Prozess habe machen können und die Ausführungen der neuropsychiatrischen Sachverständigen Gabriele Wörgötter gehört habe, könnten die Angaben des Erstangeklagten durchaus glaubhaft sein, wonach ihn der Zweitangeklagte zu der Tat nötigte, indem er gedroht habe, ihn und seine Familie umzubringen, falls er die Verkäuferin nicht erschieße.

Vier Schüsse aus unmittelbarer Nähe

Laut Anklage hat der Erstangeklagte vier Schüsse aus einer adaptierten Schreckschusspistole aus unmittelbarer Nähe auf die Frau vor ihrer Wohnungstüre im Stiegenhaus des Mehrparteienhauses abgefeuert. Drei Projektile trafen die 20-Jährige im Oberkörper, sie verblutete. Der Zweitangeklagte soll als Komplize das Fluchtauto gelenkt und während der Tat auf einem rund 800 Meter entfernten Parkplatz auf seinen Freund gewartet haben.

Retourkutsche als Motiv vermutet

Während der 18-Jährige die Tötung der Frau gestanden hat, beteuerte der 19-Jährige seine Unschuld. Als Motiv wird eine Retourkutsche vermutet. Der zur Tatzeit 17-jährige Erstangeklagte soll verärgert gewesen, weil ihn das Opfer, gegen das ein Suchtmittelverfahren anhängig war, als Drogenabnehmer belastet habe. Der Staatsanwalt verwies heute in seinem Plädoyer auf Wörgötters Erläuterungen. Sie stellte bei den beiden eine Persönlichkeitsstörung sowie eine höhergradige geistige Abartigkeit fest und gab eine ungünstige Gefährlichkeitsprognose ab. Der Zweitangeklagte besitze die Fähigkeit, andere zu manipulieren und auszunutzen. "Er ist der Deckel auf dem Topf des Erstangeklagten", verwies Neher auf das Gutachten der Gerichtssachverständigen.

"Er ist leicht verführbar und manipulierbar"

Die Angaben des 19-Jährigen, er habe nicht gewusst, dass der 18-Jährige die Frau töten wollte, hielt der Staatsanwalt nicht für glaubhaft. "War nicht ein letzter Schritt notwendig, den Erstangeklagten zur Tat zu treiben, zur Tat zu zwingen?", richtete er die Frage an die Geschworenen. Er untermauerte seine Argumentation mit der Expertise der Neuropsychiaterin, die dem 18-Jährigen erhebliche Selbstwertdefizite attestierte. "Er ist leicht verführbar und manipulierbar, im Denken abhängig von anderen. Es zeigt sich eine deutliche Ich-Schwäche. Er frisst vieles in sich hinein und dann kann es zur Explosion kommen", erläuterte Neher. Durch die erfahrene Kränkung des Erstangeklagten hätten sich die beiden Beschuldigten, die gerade dabei gewesen seien, sich als Kleinkriminelle zu etablieren, in Rage gebracht und sich veranlasst gefühlt, die Frau zu ermorden, damit ihre Machenschaften nicht gestört würden, sagte Neher. Er ortete zudem widersprüchliche Angaben des Zweitangeklagten.

"Ich habe einfach abgedrückt"

Die Angeklagten sind bisher unbescholten. Der Erstangeklagte hatte sich am ersten Prozesstag offenbar reumütig geständig gezeigt. Er habe Drogen konsumiert und auch Cannabis angebaut, sei aber von der 20-Jährigen zu Unrecht belastet worden, wonach er 50 Gramm Marihuana von ihr gekauft hätte. "Ich war sauer auf sie", sagte er zur Vorsitzenden des Geschworenengerichtes, Richterin Bettina Maxones-Kurkowski. Auf die Frage, warum er die Frau getötet hat, antwortete er: "Ich habe einfach abgedrückt, ich habe nicht klar denken können." Er habe Angst gehabt vor dem Zweitangeklagten und dass seiner Familie etwas passieren könnte. Vor der Tat habe er auch Kokain konsumiert.

Der Verteidiger des Erstangeklagten, Michael Ringel, hatte bereits in seinem Eingangsplädoyer erläutert, dass der Zweitangeklagte die Fähigkeit besitze, andere für seine Zwecke zu manipulieren. Der Verteidiger des Zweitangeklagten, Robert Morianz, sprach von Widersprüchen in den bisherigen Aussagen des Hauptbeschuldigten und betonte, sein Mandant habe von einem Mord nichts gewusst. "Er hat kein Motiv. Es hat nie einen Tatplan gegeben." Als der Pinzgauer mit dem Erstangeklagten zu einem Parkplatz in der Nähe der Wohnung des späteren Opfers gefahren sei, habe er angenommen, sein Freund wolle sich Drogen besorgen.

Verrat für Angeklagte "etwas ganz Schlimmes"

Morianz sah ein Motiv für die Tat des Erstangeklagten: Er sei sauer gewesen, weil ihn die Frau wegen der Drogen verraten habe. "Sie musste sterben, weil sie verraten hat, dass er bei ihr Suchtgift kauft." Warum der Bursch nun auch den Freund belaste, dafür fand der Verteidiger ebenfalls eine Erklärung. Er habe sich erneut verraten gefühlt, weil sein bester Freund am 24. Dezember 2018 vor der Polizei ausgesagt habe, der Erstangeklagte habe ihm den Mord gestanden. Verrat sei für den Erstangeklagten "etwas ganz Schlimmes", so Morianz.

Die Pinzgauer wurden auch wegen Vergehens nach dem Waffengesetz angeklagt. Sie sollen zwei Schreckschusspistolen zu funktionstauglichen Faustfeuerwaffen umgebaut, abwechselnd verwahrt, transportiert und in ihrer Bekleidung außerhalb ihres Wohnraumes getragen haben. Zudem sollen sie einen verbotenen Schlagring besessen haben. Weiters habe der Erstangeklagte am 28. Jänner 2019 in der Justizanstalt Salzburg einen Mithäftling gefährlich bedroht. Der Häftling habe den Pinzgauer auf den Tötungsfall in Zell am See angesprochen und ihn als "feige Sau" beschimpft, woraufhin ihm der Tatverdächtige das Symbolbild einer Pistole gezeigt und erklärt habe, die nächste Kugel sei für ihn bestimmt.

Versuchter Raubmord: 19-Jähriger angeklagt

Der 19-Jährige wurde auch wegen versuchter Bestimmung zum Raubmord an einem privaten Autoverkäufer angeklagt. Er soll versucht haben, den Erstangeklagten dazu zu bestimmen, den am Beifahrersitz befindlichen Verkäufer eines Mercedes während einer Probefahrt am 6. Dezember 2018 in Tirol von der Rückbank aus mit einer dünnen Schnur, einer sogenannten Garrotte, zu erwürgen, während er selbst den Wagen lenkte. Der Erstangeklagte sei der Aufforderung seines Freundes aber nicht nachgekommen. Die Burschen hatten laut Anklage zuvor darüber nachgedacht, wie sie zu teuren Autos kommen könnten, obwohl sie das nötige Geld nicht zur Verfügung gehabt hätten.

Verteidiger bittet um milde Strafe

Der Verteidiger des Erstangeklagten hat in seinem Plädoyer das Gericht um eine milde Strafe für seinen Mandanten gebeten. "Er hat reinen Tisch gemacht und zur Wahrheitsfindung beigetragen", sagte Michael Ringel. Der Verteidiger des Zweitangeklagten, Robert Morianz, zeigte sich hingegen überzeugt, dass der Erstangeklagte die Schuld an dem Tod der Verkäuferin seinem Freund aufladen wolle.

Der 18-jährige Erstangeklagte habe nach der Tötung der 20-Jährigen deshalb einen Amoklauf im Internet angekündigt, weil er den Druck nicht mehr ausgehalten habe. "Er hat seine Verhaftung herbeigeführt", sagte Rechtsanwalt Ringel. "Er war umfassend geständig und hat mitgewirkt, dass man das Verbrechen aufdeckt." Im Gegensatz dazu seien die Angaben des Zweiangeklagten "geprägt von Verheimlichungen und Verstecken". Dieser habe sich in dem Verfahren bemüht, "dass nicht die Wahrheit ans Licht kommt". "Seine Verantwortung hat einen fahlen Beigeschmack", befand Ringel.

Ringel: Abhängigkeitsverhältnis zu Zweitangeklagtem

Ringel gab außerdem zu bedenken, dass sein Mandant in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem Zweitangeklagten gestanden und er dem neuropsychiatrischen Gutachten zufolge "herabgesetzt schuldfähig" sei. Was die vorgeworfene Drohung gegenüber einem Mithäftling betrifft, so forderte Ringel einen Freispruch. Er sprach von einem üblichen, rauen Umgangston im Gefängnis.

Der Verteidiger des Zweitangeklagten kritisierte den Staatsanwalt: Dieser habe in seinem "einseitigen" Plädoyer nur belastendes Material gegen seinen Mandanten ins Treffen geführt, ihn als "Monster und Lügner" dargestellt und erklärt, wie arm der Erstangeklagte sei, sagte Morianz. Die neuropsychiatrische Gerichtsgutachterin habe aber festgestellt, dass auch der Erstangeklagte durchaus imstande sei, diese Tat von sich aus zu begehen. Sie habe auch erwähnt, dass das Gefährliche an dem Erstangeklagten sei, sich in der Opferrolle zu sehen.

"Mein Mandant hat kein Motiv. Er hat keinen Tatbeitrag geleistet, er hat nicht gewusst, was der Erstangeklagte plant", betonte Morianz. Vom Tag der Tötung an bis zur Verhaftung des Erstangeklagten sei vom Zweitangeklagten im Chatverkehr zwischen den beiden nichts Negatives gegenüber dem Erstangeklagten zu hören gewesen, obwohl der Erstangeklagte später ausgesagt habe, er sei von seinem Freund ständig unter Druck gesetzt worden. Der Erstangeklagte hätte die Tat auch nicht ausführen müssen, "er hätte die Polizei rufen können", gab der Verteidiger zu bedenken.

"Weil er sicher sein wollte, dass sie tot ist"

Stattdessen habe der Erstangeklagte vier Mal auf die Frau geschossen. "Weil er sicher sein wollte, dass sie tot ist." Und anstatt davonzurennen, laufe er wieder zu seinem Freund zurück. "Wer läuft nachher zu dem 'Bösen' zurück, der ihn angeblich zum Mord bestimmt hat", fragte Morianz kopfschüttelnd in Richtung der Geschworenen. Erst nachdem der Hauptbeschuldigte in der Haft erfahren habe, dass sein Freund der Polizei erzählt hat, der Erstangeklagte habe die Tat ihm gegenüber gestanden, habe er angefangen, stückweise die Schuld auf den Zweitangeklagten abzuladen - aus Rache, weil er sich von ihm verraten gefühlt habe. Das betreffe auch die Vorwürfe bezüglich des laut Anklage geplanten Raubmordes an dem Autoverkäufer in Tirol. In Wirklichkeit sei das nur eine harmlose Probefahrt ohne einen kriminellen Hintergrund gewesen.

Rache wegen Aussagen in Drogenverfahren?

Morianz stellte Mutmaßungen an, warum die Frau getötet wurde. Vielleicht habe der Erstangeklagte zunächst nicht vorgehabt, die 20-Jährige umzubringen, meinte der Rechtsanwalt. "Dieser Puzzlestein fehlt uns. Irgendetwas ist in ihm passiert, warum er die Verkäuferin so kalt mit vier Schüssen umgebracht hat." Eine Theorie sei, dass sich der Schütze von der Frau aufgrund ihrer belastenden Aussage gegen ihn in einem Drogenverfahren verraten gefühlt habe. Womöglich habe sie ihn unmittelbar vor der Tat vor ihrer Eingangstüre als Trottel bezeichnet, er sei deshalb explodiert und habe geschossen. "Nachdem die Frau angeschossen wurde, sagte sie laut Zeugen: So ein Trottel".

Der Verteidiger redete den Geschworenen noch ins Gewissen: Im Zweifel sei sein Mandant freizusprechen. Morianz erklärte zudem, dass der Bursch in der Haftanstalt als schwer suizidgefährdet eingestuft sei.

Die Schlussworte der Angeklagten fielen kurz aus. Der Erstangeklagte schloss sich den Angaben seines Verteidigers an. Der Zweitangeklagte, der einen betroffenen Eindruck machte, merkte noch an, dass die Jugendgerichtshilfe nicht zu dem gleichen Ergebnis wie die neuropsychiatrische Gutachterin Wörgötter gekommen sei. Und er habe heute fünf Tabletten geschluckt, verwies er offenbar auf seinen psychisch schlechten Zustand.

Urteil für Donnerstag erwartet

Der Prozess wird morgen, Donnerstag, um 9.00 Uhr mit der Rechtsbelehrung der Geschworenen fortgesetzt. Ein Urteil sei bei realistischer Betrachtung nicht vor mittleren Nachmittag zu erwarten, sagte die vorsitzende Richterin.

(Quelle: APA)

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