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Sonntags-Talk

„Erfolg um jeden Preis kann nie eine Lösung sein“

Felix Gottwald über Stille, Online-Verzicht und Eigenverantwortung im Sport

Felix Gottwald Bernhard Eder
Felix Gottwald ist Österreichs erfolgreichster Olympionike. In seiner zweiten Karriere hat er sich auf die Suche nach der Stille gemacht.

Der gebürtige Pinzgauer Felix Gottwald hat in seiner aktiven Zeit als Nordischer Kombinierer viele Erfolge gefeiert. Heute inspiriert der 43-Jährige Menschen, die Welt auf ihre Weise zu meistern. Im Sonntags-Talk spricht der Salzburger über mentale Stärke, Doping im Langlaufsport und den Neustart nach der Spitzensport-Karriere.

SALZBURG24: Die Fastenzeit hat begonnen, der Hunger nach Verzicht ist groß: Immer öfter geht es auch um die Abkehr von digitalen Begleitern. Wie findet man die Ruhe im Alltag?

FELIX GOTTWALD: Das gelingt, indem man es zur Priorität macht, sich einmal am Tag eine stille Einkehrzeit zu gönnen. Ganz ohne technische Geräte. Die Idee ist, sich selbst durch Regeln und Rituale wieder zu besinnen.

Online-Verzicht ist definitiv eine Sehnsucht, die wir Menschen haben. Diese Entwicklung bekomme ich bei unseren öffentlichen Trainings mit. Als ich angefangen habe, war es der Verzicht auf Fleisch, Süßes oder Alkohol. Das hat sich konsequent gewandelt, die Leute wollen eher aufs Handy verzichten. Die Erreichbarkeit rund um die Uhr kostet uns viel Kraft und hält uns häufig von dem ab, was wir eigentlich tun wollen.

Ist mentale Stärke etwas, das jeder erlernen kann?

Ich glaube, wir kommen damit auf die Welt. Wir haben unseren Körper, unsere Gefühle und unsere Gedanken: Das sind unsere Feedback-Instanzen. Mit diesen Instanzen zu kooperieren oder sie zu ignorieren, ist einzig unsere Entscheidung. Mental macht immer den Eindruck, als würde man nur die obersten 30 Zentimeter des Körpers bedienen: Uns gibt es aber nur als Ganzes.

Die Rückbesinnung darauf, dass der Körper ein Dienstleistungsunternehmen für uns ist, dass man hinhört, mit sich selbst in Kontakt kommt und achtsam genug ist: Das kann man trainieren und üben. Je selbstbestimmter wir das üben, desto besser, weil wir dadurch beginnen unseren Alltag als Übungsraum zu nutzen. Die Multiplikation mit 365 (Tage, Anm.) macht den Unterschied.

Wie schaffe ich es, mich täglich dazu zu motivieren?

Meiner Erfahrung nach ist das entscheidende das Warum. Wir Menschen wissen meist was wir tun, wir wissen auch wie wir etwas machen. Auf die Frage: Warum tue ich was ich tue? Darauf haben viele Menschen keine Antwort mehr. Wenn das Warum groß genug ist, ist Motivation nicht mehr das Thema.

Wir sind natürlich durch sehr viele Faktoren abgelenkt: Unser Alltag ist voll, es ist laut, es ist schnell. Und da kommt vielen Menschen der Kontakt mit sich selbst abhanden.

Du bist mit deinen Trainings und Vorträgen viel unterwegs, an Bedarf mangelt es offenbar nicht.

Wir sind eine Hochleistungsgesellschaft. Die Idee der Abkürzung gibt es da genauso wie im Spitzensport. Die Idee, dass mehr besser ist als weniger, ist weit verbreitet.
Viele verlieren sich und andere auf diesem Weg. Das Leben bleibt aber ein Balanceakt. Und beim Balancieren ist abkürzen keine Option.

Inwiefern?

Jeder möchte, in dem was er macht, erfolgreich sein. Es wäre sinnvoll, sich zuerst die Frage zu stellen: Wie definiere ich für mich Erfolg? Jene Sportler, die den nordischen Spitzensport jetzt wieder in Verruf gebracht haben, haben sich das definitiv nicht gefragt. Erfolg um jeden Preis kann nie eine Lösung sein. Soziale Kompetenz ist jene Fähigkeit, von der unsere Gesellschaft nicht genug haben kann. Wenn wir uns ernsthaft dem Thema der Prävention widmen wollen, braucht es diesen Schwerpunkt.

Was machen solche Skandale mit der Glaubwürdigkeit des Sports?

Dass es keine Unterstützung in puncto Glaubwürdigkeit ist, ist klar. Aber vielleicht ist es sogar eine gute Möglichkeit, dass der Beobachter ein bisschen achtsamer wird. Sport ist keine heile Welt. Alles, was wir im Sport erleben, erleben wir in der Gesellschaft auch. Da sind wir als Zuschauer und Fan auch gefordert, differenzierter hinzuschauen.

Also kritischer zu hinterfragen?

Nehmen wir das aktuelle Beispiel von Seefeld. Ich kann mich nicht erinnern, dass man jemals einen Sportler live beim Doping erwischt hat. Gleichzeitig machen sich auch jene schuldig, die das Video online stellen, die es zeigen und die, die es anschauen. Wir sind alle Täter in dem Fall. Vorgeführt wird aber nur dieser eine Athlet. Wieso gibt es kein öffentliches Video von dem Beamten des Bundeskriminalamtes und dessen Fehlverhalten?

Ich versuche mich selbst auch zu beobachten: Urteile ich schneller, als ich denken kann? Ist wirklich der gesamte Spitzensport zu verurteilen oder kann man differenzieren?

Wie könnte man deiner Meinung nach mit solchen Vorkommnissen besser umgehen?

In dem wir soziale Kompetenz als Kerndisziplin etablieren. Es hilft nicht, wenn Athleten eingeschult werden in NADA-Plattformen (Nationale Antidoping Agentur, Anm.), damit sie wissen, welche Medikamente sie nehmen dürfen und welche nicht. Es hilft viel mehr, Eigenverantwortung zu trainieren.

Wenn wir hingegen an einem System festhalten, dass so früh wie möglich zu selektieren beginnt, um ja nur die Besten zu fördern, wir diese wenigen dann womöglich rund um die Uhr mit einer Fußfessel überwachen, erreichen wir damit das Gegenteil von mündigen und eigenverantwortlichen Athleten. Da tue ich so, als könnte ich etwas kontrollieren, was ich nie kontrollieren kann.

Kann sich der Sport von solchen Doping-Skandalen wieder erholen?

Der Mensch vergisst leider sehr schnell, mir kommt vor in gewissen Sachen hat man aus der Vergangenheit gar nichts gelernt. Für viele war das ein richtiges Déjà-vu. Aber ich hoffe, dass er sich erholen kann. Man muss anfangen, den gesamten Sport neu zu denken.  Schneller, höher, weiter – wenn das das einzige ist, das bleibt vom Spitzensport, ist das für mich nicht mehr zeitgemäß.

Gleichzeitig kannst du nur erfolgreich sein, wenn du dir die kindliche Begeisterung erhältst. Bei allen Fällen in Seefeld, wo war da die kindliche Begeisterung? Ich habe mir das Interview mit Johannes Dürr angesehen. Die pure Verzweiflung eines sichtlich psychisch kranken Menschen eine Stunde im Vorabendprogramm zu zeigen – auch das ist grob fahrlässig, unabhängig aller Quoten-Erfolge.

Die meisten Sportler verabschieden sich zum Glück ohne Doping-Skandal aus dem Spitzensport. Trotzdem stehen sie mitten im Leben und müssen von vorne beginnen. Wie baut man sich eine Karriere nach der Karriere auf?

Indem ich mir Zeit nehme, in Kontakt mit mir selbst komme und mich frage: Was begeistert mich? Oft glaubt man, ich werde nie etwas besser können als das, was ich die letzten 20 Jahre gemacht habe. Ich sage immer: Lass dir das nie einreden, nicht von jemand anderem und schon gar nicht von dir selbst.

Ich habe eine Freude bei dem, was ich mache und es macht den Sport rückblickend für mich sogar sinnvoller. Und solange ich das behaupten kann, solange meine Arbeit einen Unterschied macht, mache ich es und wenn es nicht mehr so ist, dann mache ich etwas anderes.

Was war ausschlaggebend dafür, dass du genau diesen Weg gegangen bist?

Ich bin Frischluftfanatiker. Und wenn du mehr als 20 Jahre in einem Verband warst, ist es gut, wenn du dir ein bisschen länger Frischluft gönnst. Deshalb war es immer klar, dass ich etwas anderes mache. Es ist auch mit der Familie nicht vereinbar. Als Trainer ist man wieder 300 Tage im Jahr unterwegs. Das war keine Option.

Hast du das jemals bereut?

Nein, ganz im Gegenteil. Bereuen hilft nichts, weil man im Leben nichts zurückdrehen kann. Mein Slogan ist: „Einfach das Beste daraus machen“, mit der Betonung auf „einfach“, denn nur die Einfachheit schafft es in unseren Alltag. Und die nie endende Frage: Wofür tue ich das, was ich tu? Wenn nur die Goldmedaille oder nur die Euros am Bankkonto die Antwort auf das Wofür sind, ist das definitiv zu wenig.

Lieber Felix, vielen Dank für das Gespräch. Hättest du zum Abschluss noch drei Tipps für uns, wie wir Ruhe und positive Mentalität in unseren Alltag bringen können?

Sehr gerne, ich habe drei Einladungen an uns:

  • Nummer Eins: Nicht mit dem Handy schlafen gehen, sondern sich am Abend die Frage stellen: Für welche drei Dinge bin ich heute dankbar?
  • Nummer Zwei: Einbeinig Zähneputzen mit dem Gedanken: „Das Leben bleibt ein Balance-Akt und Balance bleibt ein Prozess – ein Leben lang.“ Das ist eine meiner Lieblingsübungen.
  • Nummer Drei: Was immer hilft ist Bewegung an der frischen Luft. In welcher Form auch immer. Danach geht es uns selten schlechter.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24:

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 20.07.2019 um 04:54 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/pinzgau/sonntags-talk-erfolg-um-jeden-preis-kann-nie-eine-loesung-sein-66983584

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