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Straßenzeitungs-Veteran Georg Aigner im Sonntags-Talk: „Wenn du nichts hast, wird der Stolz immer größer“

Georg Aigner hat das Leben von ganz weit unten gesehen. Alkohol ließ ihn auf der Straße landen. Der Salzburger Hauptbahnhof bedeutete für ihn daraufhin die große Freiheit aber dort stürzte er erst recht ab. Im Sonntags-Talk erklärt der gebürtige Pinzgauer, wie er nach insgesamt zehn Jahren im „Häfen“ mit der Straßenzeitung Apropos den Umschwung schaffte und wie er heute mit seinen Stadtführungen die Leute „beim Herz“ erwischen will.

Wer Georg Aigner trifft, merkt sofort: Das ist ein warmherziger Mensch. Früher war das mal ganz anders. Der heute 48-Jährige wuchs in Stuhlfelden (Pinzgau) auf, nach einer abgebrochenen Metzger-Lehre kam er als Holzarbeiter viel herum. Und „der Alkohol ist auch mit mir gegangen“, erzählt Aigner, auch Gewalt begleitete ihn. Der Absturz sollte Jahre andauern. Den Salzburger Bahnhof nannte er sein Zuhause. Ohne festes Dach über dem Kopf aber mit viel Promille im Blut schlug er sich durch die Tage, bis er nach mehreren kürzeren Haftstrafen nach einem Raubüberfall sieben Jahre lang hinter Gittern landete. Als Apropos-Verkäufer fand er wieder in die Spur: Heute ist er von der Alkoholsucht geheilt und wohnt in einer Wohnung im Salzburger Stadtteil Lehen. Im letzten Jahr dachte er sich drei verschiedene Stadtführungen aus, in denen Salzburger seit September ihre Stadt „von unten“ kennenlernen können. Mit einer Radiosendung und einem Doku-Auftritt wurde er zu einer Art Botschafter der Straßenzeitung.

SALZBURG24: Du bist seit zehn Jahren bei Apropos und verarbeitest in der Zeitung auch dein Gefühlsleben. Was bedeutet die Zeitung für dich?

Mein Leben war eine Berg- und Talfahrt, immer schon. Ich habe gute Sachen erlebt, aber richtig extreme auch. Wenn du am Rande der Gesellschaft stehst, kannst du jeden Erfolg brauchen, wirklich jeden. Das macht das Leben wieder lebenswert.

Man kauft die Zeitung um 1,25 Euro und auf der Straße kostet sie 2,50, man verdient sich also keine goldene Nase. Aber darum geht es dabei eigentlich gar nicht, sondern um die Beschäftigung im Allgemeinen. Weil Menschen, die überhaupt nichts zu tun haben, auf Dauer krank werden.

Gibt es Erlebnisse beim Zeitungverkaufen auf der Straße, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ich habe die Leute, die mich am Anfang nur angeschaut haben und einfach bei mir vorbeigegangen sind, nach ein paar Wochen davon überzeugt, dass sie eine Zeitung kaufen, und das freiwillig. Einen Menschen zum sozialen Tun zu verändern, das ist das Coolste, was es überhaupt gibt. Das geht nur mit Höflichkeit.

Du hast lange am Salzburger Hauptbahnhof gelebt. Wie kann man sich dein Leben dort vorstellen?

Mein Leben am Bahnhof war getränkt von Alkohol. Ich habe entweder in einem Abrisshaus hinter dem Bahnhof geschlafen oder im Bahnhofs-WC im Wickelzimmer am Wickeltisch. Derjenige, der das WC gereinigt hat, hatte den Schlüssel. Wir hatten einen Deal. Zwischendurch bin ich in den Zug eingestiegen und woanders hingefahren, wenn es mir in Salzburg zu viel geworden ist. Einmal war ich in Paris, einmal in Rom, auch auf der Straße. Das war auch sehr lehrreich. Deswegen verstehe ich Menschen, die bei uns auf der Straße leben, und unsere Sprache nicht sprechen. Das ist richtig bitter.

Der Bahnhof hatte eine magische Anziehung für mich. Er wird am Tag mit 24.000 Menschen frequentiert, da triffst du alles, was du dir vorstellen kannst. Ich habe am Bahnhof unten oft Tränen gelacht, so lustig war das Straßenleben ab und zu.

Natürlich, wenn du nüchtern wirst oder das Geld echt am Ende ist, fängst du zum Nachdenken an. Ungesund und gefährlich ist es ja auch. Da hast du Momente, an denen du weißt, das ist total verkehrt, was du da machst. Aber das ist mit Alkohol halt gleich wieder ertränkt, da bist du in einem Kreislauf drin.

Der Zustand vom Alkohol ist sowas von grauslich, du kommst von dem Sprit nicht weg. Du hast so Momente dabei, wo du einen Kick kriegst, aber die meiste Zeit ist es einfach nur grausig. Als Suchtabhängiger bist du eine Geisel.

Du warst insgesamt zehn Jahre im Gefängnis. Vielleicht kannst du erklären, was in dir vorgegangen ist, als du eingesperrt warst.

Ich habe vor der langen Haft mehrere kurze Gefängnisaufenthalte gehabt, wegen Raufereien. Die waren so zwischen drei und fünf Monate. Das habe ich eigentlich gar nicht respektiert. Nach der Haft bin ich wieder zum Bahnhof gegangen und habe auf der Straße gelebt, also das hat mir eigentlich nicht so wehgetan. Nur die sieben Jahre, das ist schon eine Länge, da fängst du zum Nachdenken an. Das mag blöd klingen, aber im Nachhinein gesehen war es für mich gut, dass sie mich weggesperrt haben. Weil wäre mir der Raubüberfall gelungen, hätte ich damit nicht aufgehört. Mein Großvater hat früher schon gesagt, „der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“, und das ist so. Und dann hätte ich mich auf der Straße an meinem Alkoholismus totgesoffen.

Viele Menschen stellen sich Gefängnis so vor: Da ist eine Steinmauer und man hat eine Eisenkugel um den Hax’ herum. Das ist nicht so. Das Gefängnis versucht, die Menschen wieder aufzubauen. Sie sollen lernen, dass es draußen auch so gehen könnte. Mir haben auch viele Beamte gesagt: „Du bist deppert eigentlich, weil wie du arbeitest und wie du bist, kannst du draußen ein richtig gutes Leben führen.“ Das hat aber erst bei der langen Strafe gewirkt.

Problematisch an der Haft finde ich aber, wenn jemand eine Beziehung hat. Denn dann ist der Partner auch gestraft. Wer heraußen auf einen Häftling wartet, hat einen richtigen Existenzkampf. Drinnen warte ich nur auf mein Datum, bis ich wieder gehen darf.

Nur wenn man draußen niemand hat, ist es auch schwierig. Wenn Evelyne nicht gewesen wäre, wäre ich wohl wieder Richtung Bahnhof gegangen. Jetzt wird jeder sagen, er wird ja nicht so deppert sein und wieder da hingehen, aber nichts ist naheliegender, als das. Weil in der Haft wirst du im Prinzip Tag und Nacht kontrolliert. Und der Bahnhof ist grenzenlose Freiheit.

Nach der Haft hast du über deine Frau Evelyne zu Apropos gefunden. Wie war das Zeitungverkaufen für dich am Anfang?

Für mich war es damals eine richtige Hürde, mich mit dem Spruch „Fräulein eine Zeitung bitte“ in die Linzergasse hinzustellen. Damit gibst du preis, dass du am Rande der Gesellschaft stehst. Und das ist eine Hürde, die man unterschätzt. Anfangs habe ich mich überhaupt nicht wohlgefühlt. Aber dann habe ich gesehen, dass die Leute ja nicht so reagieren, wie man meinen möchte. Da denkt man sich selbst viele Sachen zusammen, aber zu mir waren die Leute immer gut. Die Geschäftsleute und Verkäufer haben in der Früh rausgewunken, wenn sie mich gesehen haben. Schön eigentlich, weil wenn man wo nicht gerne hingeht, dann tut man es wahrscheinlich auch nicht lang.

Wie hat sich das seitdem entwickelt? Vom widerwilligen Verkäufer am Anfang zu einem, der doch sehr engagiert ist?

Ich habe damals gesehen, dass ich mich nach der Haft mit der wiedergewonnenen Freiheit richtig schwer tue. Wenn du so lange sitzt, bleiben schon viele Dinge hängen, da kämpfe ich heute noch ab und zu damit.

Wir arbeiten selbstständig. Es gibt in der Zeitung eine Rubrik, wo ein Verkäufer schreiben kann, das war anfangs schwierig. Aber wir haben Schreibwerkstätten, da kann man wirklich was dazulernen. Das ist schon cool.

Die Arbeit für Apropos ist immer ein bisschen mehr geworden. Wir haben uns Mopeds gekauft und sind durchs ganze Land gefahren zum Verkaufen. Irgendwann kam der Vorschlag, wir könnten für Apropos in der Radiofabrik Radio machen, das haben wir auch fünf Jahre lang gemacht, sehr erfolgreich sogar. Das hätte ich mir nie träumen lassen.

Du hast bis zu deinem Apropos-Engagement keine Hilfe in Anspruch genommen. Was ist die größte Hürde, dass man sich helfen lässt?

Der Witz ist ja eigentlich der: Wenn du überhaupt nichts mehr hast, wird der Stolz immer größer. Ich war ein richtiger Einzelgänger und mit meinem Stolz, da war's dann überhaupt vorbei. Da wäre ich in keine Institution gegangen und hätte gesagt, „könnten sie mir bitte helfen“. Das war meine Überzeugung, und wo es hingeführt hat, habe ich ja gesehen. 

Deine Frau Evelyne hat immer zu dir gehalten. Wie bist du zu ihr gekommen?

Die habe ich am Bahnhofsvorplatz bei meinem Straßenleben getroffen, drei Monate bevor mir das mit dem Raubüberfall passiert ist. Sie war total verzweifelt und betrunken, und wie ich so über den Südtirolerplatz gehe, begegnet sie mir. Ich habe ihr dann eine Predigt gehalten, weil ich wusste, sie muss nicht rumsaufen, das taugt ihr nicht. Sie hat sich das zu Herzen genommen.

Aber dass sie einmal sagt, auf den warte ich jetzt sieben Jahre lang, das habe ich die erste Zeit überhaupt nicht geglaubt. Trotzdem hat sich das so ergeben, und das ist eine reife Leistung. Wir haben uns jeden Tag ein Brieferl geschrieben, so haben sich über 2.000 zusammengesammelt.

Nachdem ich heimgekommen bin, haben wir gleich im Schloss Mirabell geheiratet, weil wenn eine Frau sieben Jahre auf dich wartet, brauchst du nicht nachdenken, ob sie zu dir passt. Zehn Jahre ist das her und es läuft.

Du hältst oft Vorträge in Schulen und bietest jetzt Stadtführungen an. Kann man es als deine Mission bezeichnen, Einblicke in deine Welt zu geben, wie du sie erlebt hast.

Genau, ich erzähle im Prinzip nur meine Lebensgeschichte, weil die Leute sagen, da lässt sich so viel rauslesen, wie das Leben spielen kann. Ich will die Leute auch beim Herz ein bisschen erwischen. Sie mit Zahlen und Ziffern bombardieren möchte ich nicht, das haben wir eh alle genug gehört und das merkt sich auch keiner.

Bei den Stadtspaziergängen, zum Beispiel beim Neustart, erzähle ich nur die persönlichen Bezüge, was sie dort für uns getan haben. Meine Frau hat sieben Jahre gewartet, und sie war jeden Tag bei Neustart, weil das da drin eine geschützte Welt ist. Ich habe nachher aber schauen müssen, dass ich sie von dort wieder wegbringe, das gehört nämlich auch dazu. Solche Sachen werden dort erklärt. Da ist immer der persönliche Bezug von mir selbst dabei. (Die Stadtspaziergänge gibt es zu den Themen Überleben, Spurwechsel und Schattenwelt, mehr dazu hier, Anm.)

Was würdest du einem Menschen mitgeben, der wie du in deinem früheren Leben in der negativen Spirale drinnen ist?

Institutionen aufsuchen. Alles, was Salzburg zu bieten hat, weil die Leute in diesen Einrichtungen richtig gut sind. Da löchert man dich auch nicht, wenn du bei der Tür reingehst. Wahrscheinlich schaut man dir ein paar Tage zu, und irgendwann redest du mit jemanden, und der sagt dir, „pass auf, da hätte ich einen Tipp für dich“.

Du hast in der letzten Apropos über Freiheit geschrieben. Was bedeutet Freiheit für dich?

Dass ich selbst entscheiden darf, was ich selbst tun und lassen will im Leben. Es gibt aber noch eine Form der Freiheit, dass ich mich auf mein Moped draufsetze und einfach nur Gas gebe. Das ist einfach nur cool.

Das Gegenstück zur Freiheit ist Armut. Und der Zustand von Armut ist auch ganz einfach erklärt: Armut ist ein Zustand, in dem du nicht mehr variieren kannst. Egal in welcher Hinsicht: Einsamkeit, vom Geld her, das sind verschiedene Formen davon.

Dann habe ich noch eine letzte Frage: Hast du einen Platz in Salzburg, wo du es besonders schön findest?

Ich finde ganz Salzburg wunderschön. Wenn ich entspannen will, setze ich mich auf mein Moperl drauf und fahre quer durch Salzburg. Das ist meine Form der Entspannung. Bei jeder Straße – das ist wie bei einem Lied – kommen die Erinnerungen, was dort war, auch wenn es 20 Jahre her ist. Deswegen liebe ich Salzburg.

Dann sage ich danke für das Gespräch Georg.

Gerne.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

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(Quelle: S24)

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