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Zwei Tote in Aluminiumwerk Lend: Prozess startet

Vor vier Jahren schockierte der Tod zweier Arbeiter im Aluminiumwerk in Lend ganz Salzburg. Die 56 und 49 Jahre alten Männer waren in einer Vorkammer verbrannt. Am Mittwoch müssen sich 17 Beschuldigte am Salzburger Landesgericht verantworten. Dem Unternehmen werden Verstöße gegen Sicherheits-Verordnungen angelastet, doch auch die Selbstschuld der Arbeiter steht im Raum.

Mehr als vier Jahre nach einem tragischen Unfall im Salzburger Aluminiumwerk in Lend mit zwei Toten hat am Mittwoch der Prozess gegen 17 Beschuldigte wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen begonnen. Die Opfer waren am 8. März 2012 in einer Vorwärmekammer verbrannt. Laut Anklage hat es Verstöße gegen Sicherheitsverordnungen gegeben.

Die Verhandlungen am Mittwoch./Neumayr/MMV Salzburg24
Die Verhandlungen am Mittwoch./Neumayr/MMV

Angeklagte beteuern Unschuld

Sämtliche Angeklagte haben sich am Mittwoch nicht schuldig bekannt. Der beschuldigte Staplerfahrer, der die Türe zu Vorwärmekammer geschlossen hatte und den die Staatsanwältin "als unmittelbaren Täter" bezeichnete, bekannte sich ebenfalls nicht schuldig. Die beiden verunglückten Kollegen hätten jede Sicherheitsvorkehrung außer Acht gelassen, erklärte der Verteidiger des 53-jährigen Erstangeklagten.

Warum die zwei Kollegen diese Sicherheitsmaßnahmen wie das Ausschalten des Hauptschalters der Kammer, die Anbringung eines Schlosses und Hinweisschildes sowie die Unterlegung der Türe mit Blöcken zum Schutz vor einer Schließung nicht eingehalten hätten, das werde hier niemand im Gerichtssaal beantworten können, erklärte der Verteidiger. Der 56-Jährige, der dann bei dem Unfall verbrannte, habe bis dahin immer seine Kollegen darüber informiert, wenn Reparatur- oder Instandhaltungsarbeiten in der Vorwärmekammer durchgeführt wurden. "Mein Mandant konnte sich auf den Vertrauensgrundsatz verlassen, dass jeder im Unternehmen die Vorgaben einhält."

53-Jähriger findet Leichen

Für den Erstangeklagten sei auch nicht erkennbar gewesen, dass sich Personen in der Kammer befanden, sagte der Verteidiger. Der 53-Jährige habe zuvor in der Vorwärmekammer 1 bemerkt, dass an der Rückseite ein Blech lose geworden sei. "Er hat den Schaden gemeldet." Bei einer Besichtigung mit einem anderen Mitarbeiter sei ihm von diesem mitgeteilt worden, dass der 56-jährige Schlosser den Schaden reparieren werde, er sei aber nicht über den Zeitpunkt informiert worden. Sein Mandant habe dann weitergearbeitet und etwa gegen 9.00 Uhr die Türe der Vorwärmekammer geschlossen - die Betriebstemperatur beträgt 300 bis 500 Grad Celsius. Als er gegen 13.30 Uhr die Kammer öffnete, habe er die beiden Leichen bemerkt.

Der Anwalt des beschuldigten Unternehmens, Rechtsanwalt Philipp Lettowsky, der auch zahlreiche Angeklagte vertritt, erklärte, dass zu der zertifizierten Anlage zwei unbedenkliche und zweifelsfreie EU-Konformitätserklärungen abgeliefert worden seien, die auf rechtlichen Normen und Vorgängen basierten. Eine Firma könne darauf vertrauen, dass die gelieferte Anlage dem Stand der Technik entspreche. Zudem habe das Werk 3, in dem sich die Anlage befand, "soweit erforderlich, eine Betriebstättengenehmigung". Knapp ein Jahr vor dem tragischen Unfall sei die gesamte Betriebsanlage im Werk 3 von externen Experten nach der Gewerbeordnung geprüft worden und dabei sei nichts bedenkliches festgestellt worden.

Sciherheitstechnische Mängel?

Lettowsky verwies ebenfalls auf den Vertrauensgrundsatz bei einer arbeitsteiligen Arbeitsweise unter den Mitarbeitern. "Die Routine wird je unterbrochen, wenn vorgeschriebene Sicherheitsvorkehrungen nicht befolgt werden." Nichts anderes sei am 8. März 2012 geschehen, sagte Lettowsky. Er bestritt auch den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass die Anlage schwerwiegende sicherheitstechnische Mängel aufgewiesen hätte und diese Mängel nicht gemeldet worden seien. Die Installierung einer Warnleuchte und einer Warnhupe sei nicht kausal für das Unglück gewesen, sagte der Verteidiger.

Unparteilichkeit wird in Zweifel gezogen

Der elektrotechnische Gerichtssachverständige war aber zu der Ansicht gekommen: Wenn fünf bis zehn Sekunden, bevor das Tor der Vorwärmekammer schließt, einen Anlaufhupe ertönt, dann "müssen das auch die beiden Arbeiter hören". Auch wenn diese einen Gehörschutz tragen würden, der die Lautstärke etwa um 30 Dezibel auf 70 Dezibel dämpft. "Eine Warnhupe wird auch von der Norm her gefordert." Doch mehrere Verteidiger stellten einen Ablehnungsantrag gegen den Gerichtsgutachter. Sie hielten ihn für nicht objektiv und daher befangen. Die Anwälte verwiesen dabei auch auf emotionale Äußerungen des Sachverständigen während seiner Gutachtertätigkeit. Wenige Tage nach dem Unfall habe er im Werk 3, wo es zu dem Unfall gekommen ist, erklärt, die Anlage sei "sowieso nicht in Ordnung". "Seine Unparteilichkeit wird in Zweifel gezogen", sagte Lettowsky.

Richterin Anna-Sophia Geisselhofer lehnte den Antrag auf Enthebung des Gerichtssachverständigen ab. Die Begutachtung sei umfangreich gewesen, dabei sei keine rechtliche Bewertung vorgenommen worden.

Opferanwalt Stefan Rieder forderte für drei Hinterbliebene, die einen "Schockschaden" erlitten hätten, ein Teilschmerzensgeld von jeweils 35.000 Euro und für einen weiteren Angehörigen wegen des erlittenen "Trauerschadens" 20.000 Euro. Alle Angeklagte sind bisher unbescholten. Sie sind österreichische, deutsche und englische Staatsbürger.

Lend: Arbeiter verbrennen in Vorkammer

Bei dem Unglück starben ein 56-jähriger langjähriger Mitarbeiter, ein Schlosser aus dem Pongau, sowie ein 49-jähriger Leiharbeiter aus dem Lungau. Sie wollten offenbar einen Schaden in der Kammer begutachten. Ermittlungen ergaben, dass ein - nunmehr angeklagter - Arbeitskollege per Fernbedienung vermutlich irrtümlich die Schiebetür zu der Kammer geschlossen und den Heizvorgang gestartet hatte. Offenbar gab es keine Hinweise darüber, dass sich jemand in dem Raum aufhalten könnte.

Aus 19 werden 17 Angeklagte

Die Staatsanwaltschaft hat zunächst zwei Strafanträge eingebracht, einer stammt vom Oktober 2015 gegen 19 Beschuldigte, davon die Aluminium Lend Gesellschaft mbH als juristische Person. Der zweite Strafantrag wurde im Februar 2016 gegen eine weitere Person eingebracht. Zum Prozessauftakt am Mittwoch wurde bekannt, das zwei Strafanträge gegen zwei Personen zurückgezogen worden sind. Außerdem wurde ein Strafantrag gegen einen weiteren Beschuldigten vom Verfahren getrennt.

Sicherheitsverstöße oder Schuld der Arbeiter?

Bei den angeklagten Personen handelt es sich um Mitarbeiter, die von der Installation der Anlage im Jahr 2006 bis zum Unfallzeitpunkt zu unterschiedlichen Zeiten entweder handels- oder gewerberechtliche Geschäftsführer des Aluminiumwerkes waren oder als Sicherheitsvertrauenspersonen oder Sicherheitsfachkraft fungierten. Die Staatsanwaltschaft ortete Verstöße gegen Sicherheits-Verordnungen. Die Anlage soll auch sicherheitstechnische Mängel aufgewiesen haben. Dem Strafantrag zufolge, der sich auf ein Gerichtsgutachten stützt, sei die Beantragung einer gewerbebehördlichen Genehmigung der gesamten Vorwärmanlage unterlassen worden, ebenso die Behebung "schwerwiegender sicherheitstechnischer Mängel", wie das Fehlen einer Warnleuchte und Warnhupe bei den Vorwärmkammern.

Das Unternehmen vertritt hingegen die Ansicht, dass die Nichteinhaltung der firmenintern vorgeschriebenen vier Sicherheitsmaßnahmen durch die verunglückten Arbeiter kausal zu dem tragischen Unfall geführt habe. Wäre nur eine der vier Sicherheitsvorkehrungen aktiviert worden, so hätte dies den Unfall verhindert. Die Anlage habe bei Inbetriebnahme auch dem Stand der Technik und den sicherheitstechnischen Anforderungen entsprochen.

Den Prozess leitet Richterin Anna-Sophia Geisselhofer. Sie hat im Verhandlungszeitraum 15. Juni bis 8. Juli zehn Verhandlungstage anberaumt. Staatsanwältin ist Sandra Lemmermayer.

(APA)

(Quelle: S24)

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