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Sonntags-Talk

"Wollen den Brauch so original wie möglich halten"

Einblick ins Gasteiner Krampusleben

Erwin Kössler ist zwar erst 34 Jahre alt, seine erste Krampusmaske hat der Bad Hofgasteiner (Pongau) aber schon vor rund 30 Jahren geschnitzt. Im Sonntags-Talk erklärt uns der passionierte Brauchtumsexperte, warum das Gasteinertal mit seinen Kramperl im Land Salzburg so hervorsticht.

Bad Hofgastein

SALZBURG24: In deiner Werkstätte hängen deine ersten Schnitzversuche im Alter von vier Jahren. Wie lange hat es bis zur ersten Larve gedauert?

ERWIN KÖSSLER: Angefangen zu schnitzen habe ich sogar schon im Alter von drei Jahren. Ich war immer mit meinem Vater in der Werkstatt. Die erste komplette Maske habe ich mit viereinhalb Jahren gemacht. Mit sechs habe ich dann die erste Maske an einen Erwachsenen verkauft.

Vor kurzem war einer meiner alten Masken von 1996 zum Nachpolstern bei mir. Das ist ein besonderes Gefühl, wenn sie wieder zurückkommen.

Erwin Kössler, Werkstatt SALZBURG24/WURZER
An der Wand hängen Schnitzübungen vom vierjährigen Erwin Kössler. So wie die Maske darüber aussieht, dürfe im Gasteiner Tal kein Krampus herumlaufen, scherzt er.

Wie viele Larven von dir gibt es bereits?

Das ist schwer zu sagen. Einige hundert wahrscheinlich schon. Inzwischen bin ich ein bisschen zurückgegangen und mache nur mehr 20 pro Saison. Heute kann ich aber einen Kramperl komplett ausstatten – nicht nur die Maske, sondern auch das Fell und die Schellen.

Wie viele Arbeitsstunden stecken in einer kompletten Krampus-Ausrüstung?

Eine Maske, bis sie auch komplett gepolstert ist, braucht wahrscheinlich fünf Tage. Der Hosenanzug – je nachdem ob Overall oder Zweiteiler, Mantel, Haarlänge – näht man in fünf bis sieben Stunden. Dann kommen noch der Rollenbund und der Rossschwanz dazu. Wenn man schnell ist, ist ein Krampus in einer Woche fertig. Das ist dann Akkordarbeit.

Erwin Kössler, Werkstatt SALZBURG24/WURZER
Erwin Kössler gewährt uns einen Einblick in seine Krampus-Werkstatt in Bad Hofgastein.

Die Gasteiner Krampusse sind für ihre besonders traditionellen Masken bekannt. Wie muss diese aussehen?

Generell sind die Gasteiner relativ breit. Es kommen grundsätzlich zwei Paare Ziegenbockhörner auf die Maske und ein geschwungener Widder. Es gibt aber von Dorf zu Dorf Unterschiede. Eine typische Bad Gasteiner Maske ist zum Beispiel schwarz mit knallroten Lippen und perlweißen Zähnen.

Auch bei den Schellen ist jeder Ort anders. In Bad Hofgastein und Badbruck ist ein Dreierbund typisch. Die Dorfer haben auch drei Schellen, aber anders gearbeitet. Bad Gastein hat wiederum nur zwei Schellen oben, dafür aber größer. Die Dorfer sind großteils mit Ruten unterwegs, in Bad Hofgastein werden Ruten und Rossschwänze gemischt, in Bad Gastein ist der Krampus mit Rossschwanz ausgerüstet.

Früher wurde in Bad Gastein mit Ziegenfell genäht. Die sind relativ dünn mit langen Haaren, wie es auch außergebirg oft üblich ist. Von dem sind sie bei uns jetzt wieder weggekommen. Jetzt wird hauptsächlich Langhaar-Schaf verwendet. Das heißt, die Gasteiner Krampusse sind im gesamten Bild eher breit und wuchtig.

Bedeutet breit und wuchtig nicht auch besonders schwer?

Ein Standardkopf hat durchschnittlich acht Kilo, beim Hosenanzug mit Langhaar sind wir bei 20 bis 25 Kilo im trockenen Zustand. Ein Rollenbund wiegt ca. zehn Kilo. Zwischen 40 und 50 Kilo kommen da schon zusammen. Vor allem wenn es schneit oder regnet, hängt sich das ordentlich an. An zwei Tagen im Jahr hält man das aus. Ein Krampus jammert nicht.

Was unterscheidet den Krampusbrauch im Gasteinertal vom Rest Salzburgs?

Bei uns gibt es keine Krampusläufe. Es kommt auch kaum vor, dass eine Gasteiner Pass bei einem anderen Lauf mitmachen würde. Da sträuben sich die Gasteiner extrem. Ein Gasteiner Krampus fährt nirgends hin. Das ist eigentlich ein No-Go.

Es dürfen aber auch keine fremden Passen in Gastein mitlaufen. Es haben vor ein paar Jahren mal welche versucht, aber die waren schnell wieder dahin. (lacht)

Wir wollen den Brauch so original wie möglich erhalten und lassen da niemanden herein. Da denkt jeder Gasteiner ziemlich gleich. Vielleicht hat sich auch deshalb der Brauch bei uns so gut erhalten.

Erwin Kössler, Werkstatt SALZBURG24/WURZER
Blaue Augen auf einer Krampusmaske seien die Grenze, sagt Erwin Kössler. 

Hat sich im Laufe deiner aktiven Krampuszeit trotzdem etwas verändert?

Wenig. Wir halten es relativ original. Das einzige sind vielleicht farbige Augen oder Glasaugen. Das war vor 20 Jahren noch nicht. Ich habe das auf Kundenwunsch angefangen und mache es jetzt immer mal wieder. Das ist bei uns aber schon die Grenze. Mehr geht nicht. Bei uns muss das traditionell bleiben. Darauf sind wir auch stolz.

Ein bisschen was ist doch noch anders. Heute tauschen die Passen etwa alle fünf Jahre ihre Masken. Früher wurde der Kopf in der Familie weitergegeben, der ging über Generationen. Darum sind alte Schädel heute besonders wertvoll. Weil es eben nicht so viele davon gibt.

Bei alten Bad Gasteiner Köpfen ist der Rieser Hias das Non plus ultra, in Bad Hofgastein und Dorfgastein ist Sepp Lang der Name, der zählt. Seine letzten Schädel kommen von Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre. Wenn sie überhaupt verkauft werden, sind sie 5.000 Euro aufwärts wert. Meine Art zu schnitzen orientiert sich sehr stark daran.

Trägt man die Original-Masken heute auch noch?

Die Apotheker Pass läuft beispielsweise mit solchen Köpfen. Beim Rempeln weiß man das und ist etwas vorsichtiger.

Außerhalb des Gasteinertals ist das Rempeln nicht unbedingt bekannt. Wie kann man sich das vorstellen?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Also bei uns gibt’s ja keine großen gemeinsamen Krampusläufe. Am 5. und 6. Dezember ist jede Pass separat unterwegs. Wir, also meine Patzberg Pass, treffen uns zu Mittag bei unserem Korbträger und essen gemeinsam. Gegen halb vier starten wir los und gehen von Haus zu Haus. Jede Pass im Tal hat ihre eigene Route. Wir laufen die gleiche Tour seit 13 Jahren. Inzwischen haben wir sie aber ein bisschen gekürzt, weil natürlich auch wir älter werden. (lacht)

Wenn man unterwegs auf eine andere Pass trifft, gibt es dieses besondere Ritual. Zuerst kommen die Nikoläuse zusammen, begrüßen sich und überkreuzen die Stöcke. Dann kommen die Vorteufel zusammen. Das sind die beiden stärksten Krampusse. Die rempeln dann ein bisschen. Danach rempeln die Nachteufeln miteinander. Am Schluss verneigt man sich, trinkt noch ein Schnapserl und wünscht sich ein gutes Weitergehen treu dem guten, alten Brauch. Dann geht’s auf der Route wieder zum nächsten Haus. Das geht oft bis Mitternacht so weiter.

Wie viele Passen sind gleichzeitig unterwegs?

Im Gasteinertal gibt es rund 130 bis 140 Krampuspassen. Es werden auch immer wieder neue gegründet. Wir sind meistens fünf Kramperl, ein Korbträger und der Nikolaus.

In Dorfgastein sind’s üblicherweise ein bisschen mehr. Die sind mit sieben bis acht Kramperl unterwegs. Dort gibt es aber keinen Vorteufel. Die rempeln beim Aufeinandertreffen alle gleichzeitig los. Dafür haben sie keine Engerl, die sind in Bad Hofgastein und Bad Gastein schon wieder typischer. Wir sind so beieinander, aber doch hat jeder seine Eigenheiten.

Wer die Gasteiner Krampusse erleben will, sollte einfach am 5. und 6. Dezember in den Orten unterwegs sein. Irgendwo begegnet man sich schon.

Was macht die Faszination für dich aus?

Das ist schwer zu erklären. Das ganze Umfeld, die Vorbereitung, eben so wie ich es, seit ich ein kleiner Bub bin, erlebt habe. Der Krampusbrauch war ganz etwas Rares, auf diesen einen Tag hat man das ganze Jahr über gewartet – besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen.

Unter dem Jahr spielt der Krampus bei uns keine Rolle. Der Stichtag ist der Kirchtag am 21. September. Ab diesem Tag darf man im Gasteinertal über den Krampus reden. Auch meine Werkstätte ist zwischen Dezember und September offiziell geschlossen. Ich finde es gut, dass es so geblieben ist. Normal muss man schon mit der Zeit gehen, aber beim Brauchtum ist das nicht der Fall. Aber was Krampus und Percht anbelangt, sind wir hier sicher schon ziemlich extrem.

Und wie schaut’s mit der nächsten Generation aus?

Die Jungen sind sehr stolz darauf, den Brauch weiterzutragen. Generell ist die Wertschätzung bei uns im Tal sehr hoch. Mein ältester Sohn wird kommende Woche das erste Mal mit den Kinderkrampussen unterwegs sein. Er ist jetzt viereinhalb und trägt die Maske, die mir mein Vater vor 30 Jahren geschnitzt hat. Auch den Rossschweif von damals habe ich noch. Der hängt hier im Stüberl. Uns liegt der Krampus quasi im Blut.

Vielen Dank für den spannenden Einblick!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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