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Sonntags-Talk

"Wir wollen fair für Arbeit bezahlt werden"

Lebenshilfe-Selbstvertreterinnen im Interview

"Nichts über uns ohne uns" – so lautet das Motto der Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter der Lebenshilfe. Sie machen sich als Selbstbetroffene für Menschen mit Beeinträchtigungen stark. Für Salzburg übernehmen diese Aufgabe derzeit Brigitte Brandner (44) und Bettina Muthwill (37). Wir haben die beiden Pongauerinnen zum Sonntags-Talk getroffen.

Die Lebenshilfe wurde 1967 in Österreich gegründet, um Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zu einem möglichst eigenständigen Leben verhelfen zu können. Im Bundesland Salzburg gibt es derzeit 20 Werkstätten und über 30 betreute Wohnhäuser. "Inklusion bedeutet Selbstbestimmung statt Bevormundung und Rechtsansprüche statt milder Gaben", erklärte Lebenshilfe-Generalsekretär Albert Brandstätter den Leitsatz anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am vergangenen Dienstag.

Der Unterstützungsbedarf der Menschen unterscheidet sich dabei stark. Einerseits geht es um eingeschränkte Gedächtnisleistung, aber auch zwischenmenschliche Kompetenzen und soziales Urteilsvermögen. Die Fähigkeiten jedes einzelnen dürften dabei aber keinesfalls unterschätzt werden, heben Brandner und Muthwill hervor. Als Selbstvertreterinnen fordern sie im gesellschaftlichen Leben ihr Recht auf Mitbestimmung, Teilhabe und Verantwortung im Bundesland Salzburg ein.

SALZBURG24: Wie kann man sich die Aufgabe als Selbstvertreterin vorstellen? Was ist dabei zu tun?

BRIGITTE BRANDNER (BB): Wir treffen uns vier Mal im Jahr mit den anderen Selbstvertretern aus ganz Österreich. Da werden die wichtigsten Anliegen besprochen. Das sind zum Beispiel Lohn und Taschengeld und auch das Thema Schulbildung.

BETTINA MUTHWILL (BM): Bei den Treffen ist jedes Bundesland mit zwei Selbstvertretern dabei, bis auf das Burgenland. Dort gibt es keine Lebenshilfe. Das nächste österreichweite Treffen ist im März. Dazwischen haben wir unsere Projekte. Ich setze mich zum Beispiel für leichte Sprache ein. Ich möchte in Zukunft, dass es Wahlprogramme in leichter Sprache geben muss.

BB: Das meiste gibt es gar nicht in leichter Sprache. Das macht den Alltag oft sehr schwer.

BM: Ein Beispiel ist der Antrag auf einen Behindertenpass. Das ist totale Amtssprache. Das ist ganz schlimm. Jeder braucht Hilfe beim Ausfüllen. Da ist man völlig abhängig. Aber auch Nachrichten in einfacher Sprache sind wichtig. Sonst hat man keine Chance auf eine eigene Meinung.

Für welche Themen setzen Sie sich noch ein?

BB: Ganz wichtig ist das Thema Lohn und Taschengeld. Wir bekommen nämlich keinen Lohn, sondern nur Taschengeld. (Anm.: Rund 900 Menschen mit Behinderungen arbeiten im Bundesland Salzburg in unterschiedlichen Einrichtungen für Taschengeld.)

Der höchste Beitrag sind 102 Euro im Monat. Davon kann man nicht selbstbestimmt leben. Auch später für die Pension ist es nicht gut. Wir diskutieren schon mehrere Jahre darüber. Bis jetzt ist noch nie etwas passiert. Wir haben heuer in Wien demonstriert. Da waren wir auch im Parlament. In Salzburg haben wir eine Unterschriftenliste an Landesrat Schellhorn übergeben. Da war ich dabei.

BM: Ich beziehe Mindestsicherung, obwohl ich arbeite. Es wäre fair, für Arbeit auch fair bezahlt zu werden.

Bettina Muthwill, Brigitte Brandner, Lebenshilfe, Selbstvertretung SALZBURG24/Schuchter
Brigitte Brandner (re.) und Bettina Muthwill im Gespräch mit S24-Redakteurin Michaela Posch.

Neben der Bezahlung ist auch das Thema Bildung ein großes Anliegen. Was fordern Sie dabei?

BM: Es kann nicht sein, dass Sonderschulen getrennt von anderen Schulen gebaut werden. Das ist bei uns in St. Johann der Fall. Da ist die Sonderschule vor zwei Jahren neu gebaut worden, allerdings am anderen Ende der Stadt. Weg aus dem Ortszentrum, weg von den anderen Schulen.

Was mich daran stört, ist, dass die Kinder aus dem sozialen Umfeld der Nachbarschaft gerissen werden, wenn sie woanders in die Schule gehen. Ich habe die Erfahrung selbst gemacht. Die Kinder haben dann keine Freunde, wenn sie von der Schule heimkommen. Schöner wären inklusive Schulen, wo es gemeinsamen Unterricht gibt. Dabei sind mehr Lehrer wichtig. Wenn man in der Schule nicht mitkommt, das ist das schlimmste, was dir passieren kann. Da verlierst du den Anschluss. Ich würde mir auch wünschen, dass wir Kontakt in die Lehrerausbildung haben, um aus der Sicht eines Betroffenen schildern zu können. Damit die Lehrer besser auf den Schulalltag vorbereitet werden.

Wir haben schon über politische Forderungen gesprochen. Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

BB: Dass Menschen mit Beeinträchtigungen genauso akzeptiert werden wie Menschen ohne Beeinträchtigungen. Es sollte nicht auf Menschen gezeigt werden, du hast diese Beeinträchtigung und kannst eh nichts und aus dir wird nichts.

BM: Jeder sollte die gleichen Chancen haben. Es kann nicht sein, dass jemand komplett ausgegrenzt wird, weil er eine schwere Beeinträchtigung hat. Man sollte generell auf die anderen ein bisschen mehr schauen. Wenn ich ein Problem habe, möchte ich nicht alleine sein.

Haben Sie selbst schon Ausgrenzungen erlebt?

BM: Leider ja. Bei einem Ferialjob in einem Seniorenheim hat eine Angestellte zu mir gesagt: "Du gehörst hier nicht her, sondern in eine Behindertenwerkstätte." Das war für mich absolut nicht ok. So sollte niemand diskriminiert werden. Die Angestellte ist dann zurechtgewiesen worden.

BB: Ich finde es wichtig, dass man sich wehrt oder auch anderen hilft, wenn man so etwas mitbekommt. Ich habe einen guten Freund, der bei mir in der Werkstätte arbeitet. Der sieht nicht gut und man merkt ihm seine Beeinträchtigung auch so an. Als Schüler auf ihn gezeigt und gelacht haben, habe ich schon gesagt: "Passt’s auf, was ihr tut und seid froh, dass es euch nicht so geht. Dann würde auch jeder auf euch zeigen und euch auslachen." Dann haben sie nichts mehr gesagt.

Ganz toll finde ich deshalb unsere Sport-Olympiade in Bischofshofen. Da kommen die Schüler der Sportmittelschule vorher zu uns in die Werkstatt und lernen die Leute kennen. Viele haben anfangs Berührungsängste. Danach sind die Schüler ganz anders. Wenn man sich kennt, redet keiner mehr blöd. Die gemeinsame Olympiade ist dann immer schön. Es wäre gut, wenn man solche Projekte ausweiten könnte.

Es klingt danach, als hätten Sie viel vor während Ihrer Amtszeit?

BM: Ja, es gibt viel Handlungsbedarf. Das nächste Jahr steht zum Beispiel ganz besonders im Zeichen der inklusiven Bildung.

BB: Da fahren wir dann auch nach Südtirol und schauen uns Schulen an. Dort gibt es nämlich keine Sonderschulen, sondern nur gemeinsame Klassen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und sage Danke fürs Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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