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Psychische Erkrankung

"Es fehlt fast überall das Fachpersonal"

Schwarzachs Primar im Interview

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Primar Dr. Marc Keglevic, Leiter der Abteilung für Psychiatrie im Kardinal Schwarzenberg Klinikum in Schwarzach.

Zum heutigen Welttag der psychischen Gesundheit haben wir uns im Klinikum Schwarzach (Pongau) nach den Arten psychischer Erkrankungen erkundigt und nachgefragt, wie man Symptome erkennen kann und wo eine Behandlung im Land Salzburg angeboten wird. Im SALZBURG24-Interview warnt Primar Marc Keglevic vor dem Mangel an Fachpersonal.

Schwarzach im Pongau

Die im Jahr 2004 gegründete Abteilung für Psychiatrie des Kardinal Schwarzenberg Klinikums Schwarzach ist die einzige klinische Anlaufstelle im Pongau, Pinzgau und Lungau. In der Abteilung stehen 53 stationäre Betten – davon 33 am Standort Schwarzach und 20 in Form einer dislozierten Station in der Landesklinik St. Veit – sowie über 18 Plätze für ambulante Tagesbehandlung.

SALZBURG24: Welche Arten psychischer Erkrankungen gibt es?

MARC KEGLEVIC: Man unterscheidet zwischen mehreren Ebenen. Auf der ersten Stufe sind affektive Störungen die sogenannte Haupterkrankung. Depressionen treten dabei am häufigsten auf. Es folgen neurotische Probleme, wie Angststörungen. Das führt zu sozialen Phobien und wird oft gar nicht als Krankheit erkannt, weil es im Alltag kaum aufkommt.

Ein weiteres Feld sind Suchterkrankungen, wobei Alkohol den mit Abstand größten Anteil davon ausmacht. Andere Drogen haben zwar einen minimalen Anteil, aber wir beobachten zunehmende Probleme durch den Cannabiskonsum bei Heranwachsenden. Außerdem leiden ein bis zwei Prozent der Bevölkerung Österreichs an einer Wahrnehmungsstörung, was sich in Schizophrenie auswirken kann. Solche Menschen fallen oft durch aggressives Handeln auf, was schnell zu einer Stigmatisierung psychisch Kranker führen kann.

Was verursacht psychische Erkrankungen?

Psychische Erkrankungen ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten sowie Kulturkreise und haben multifaktorielle Ursachen. Oft haben die Betroffenen gewisse Anlagen in sich. Wir wissen zum Beispiel, dass bipolare Störungen oder Schizophrenie vermehrt in Familien auftreten. Hinzu kommen bei den Ursachen körperliche Faktoren, wie eine Veränderung im Gehirn durch einen Unfall. Nicht vergessen darf man die soziale Komponente, also wie wurde die Kindheit erlebt und in welchen Verhältnissen ist man aufgewachsen.

Wie kann man Symptome einer psychischen Erkrankung erkennen?

Entweder durch Aggressivität oder Rückzug. Das Unwohlsein über die eigene Unzufriedenheit wird dadurch nach außen getragen. Der persönliche Rückzug ist die depressive Form, die zu Isolation führt. Als Angehöriger muss man versuchen, Vertrauen zum Betroffenen aufzubauen.

Wie viele Menschen sind in Salzburg davon betroffen?

Das kann man konkret nicht sagen. Bei uns in Schwarzach haben wir im Jahr 2005 noch rund 700 stationäre Aufnahmen verzeichnet. 2015 stieg diese Zahl auf fast 2.300 – Tendenz steigend.

Die leichten Formen der psychischen Erkrankungen nehmen zu, was oft mit dem persönlichen sozialen Kontext zu tun hat. Außerdem ist die Hemmschwelle niedriger geworden, sich Hilfe von einem Psychotherapeuten zu holen. Ich rate aber nicht zu voreiligem Aktionismus, besonders bei Kindern. Eine saubere und sorgfältige Diagnose vor einer Therapie ist das Um und Auf.

Wo wird eine Behandlung in Salzburg angeboten?

Im Zentralraum in der Christian-Doppler-Klinik und im Innergebirg im Kardinal Schwarzenberg Klinikum. Stationär fehlt fast überall das Fachpersonal. Allein bei uns in Schwarzach fehlen fünf Fachärzte, die Hälfte der noch Aktiven wird zudem bald pensioniert – Patienten warten etwa ein dreiviertel Jahr auf ein Stationsbett. Zusätzlich betreiben wir seit Herbst 2018 das zukunftsweisende Projekt "Integrierte Versorgung - Salzburger Modell Innergebirg" zur Behandlung psychisch erkrankter Menschen im häuslichen Umfeld durch ein multiprofessionelles Team aus Fachärzten, Psychotherapeuten, klinischen Psychologen, Pflegekräften und Sozialarbeitern. Derzeit haben wir jeweils zwei Teams für den nördlichen bzw. südlichen Teil des Landes. Eigentlich bräuchten wir aber 20 Teams pro Landesteil. Es gibt einen riesigen und steigenden Bedarf.

Es ist ein grundlegendes Problem beim Mediziner-Nachwuchs in Österreich, zumal die Wenigsten dann auch den Weg in die Psychiatrie finden. Die Ausbildung dauert auch sehr lange, viele Absolventen sind schon Mitte 30. In einigen Jahren werden wir deshalb sicher ein Problem in der flächendeckenden Versorgung bekommen.

Sind die Therapien denn erfolgreich?

Durchaus. In der Hirnforschung wurden positive Veränderungen durch Psychotherapie bereits festgestellt. Die Krankheit, aber auch die Genetik, ist veränderbar.

Aber das alles kostet Geld.

Psychotherapien sind hoch aufwendig und kosten viel Geld. In Österreich werden diese Kosten nur zum Teil refundiert, oft ist der Selbsterhalt sehr hoch. Das Salzburger Modell – eine Kooperation zwischen Land Salzburg und Gebietskrankenkasse – ist da sicher ein Vorreiter, weil hier ein hoher Anteil der Kosten übernommen werden kann. Das ist aber ein grundlegendes Problem, weil psychisch Kranke erwiesenermaßen höher armutsgefährdet sind. Durch die soziale Isolation gerät man dann in einen Teufelskreis.

Welche Auswirkungen hat das auf die Angehörigen?

Hinter jedem Patienten steht eine Familie, die mit der Situation ebenso zurechtkommen muss. Wir bieten zum einen Sprechstunden, aber auch Runden zum Austausch mit anderen Betroffenen an. Zudem arbeiten zwei Genesungsbegleiter bei uns im Klinikum.

Werden psychische Erkrankungen immer noch in der Gesellschaft stigmatisiert?

Das ist schwierig. Wenn ich bereits von einer Stigmatisierung spreche, stigmatisiere ich ja. Die Frage ist, in welchem Kontext und fachlichen Rahmen über das Thema geredet wird. Stigmatisierung entsteht ganz schnell durch emotionale Schlagzeilen in den Medien. Jeder kann davon betroffen sein.

Danke für das Gespräch.

Psychisch krank: Was nun?

In der Landeshauptstadt wird neben der stationären Behandlung in der Doppler-Klinik auch Unterstützung in der Ambulanten Psychosozialen Rehabilitation Salzburg (APR) angeboten. Ein multiprofessionelles Team begleitet die Patienten im Rahmen einer Tagesklinik sechs Wochen lang, damit diese beruflich und im Alltag wieder Fuß fassen können. Die Einrichtung bietet störungsspezifische Behandlungen für Erkrankungen wie Burnout, chronische Schmerz- und posttraumatische Belastungsstörungen an. Im Anschluss kann zur weiteren Stabilisierung ein berufsbegleitendes zwölfmonatiges Therapieangebot in Anspruch genommen werden.

(Quelle: SALZBURG24)

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