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Ursprung & Lösungsvorschlag

"Wir sind alle Teil eines rassistischen Systems"

Wen betrifft Rassismus in Österreich?

Black Lives Matter SALZBURG24/Wurzer
Rassismus ist kein Problem, das sich auf die USA beschränkt. (ARCHIVBILD)

Tausende Menschen haben in Salzburg am Samstag gegen Rassismus demonstriert. Auslöser ist der Tod von George Floyd in den USA, Rassismus ist aber auch hierzulande ein Problem. Experten aus Salzburg erklären, wo er herkommt, was der Begriff bedeutet und warum es so schwierig ist, Rassismus zu bekämpfen.

"Blacklivesmatter", "My skin is not a crime" oder auch "Sag nein zu Rassismus" war auf den Plakaten der Demonstranten in der Salzburger Innenstadt zu lesen. Der Tod von George Floyd sorgt weltweit für Proteste und Schlagzeilen. In Österreich traf der Rassismus in Zusammenhang mit dem Coronavirus zuletzt Menschen mit asiatischem Aussehen, später Muslime und Geflüchtete. Die Beratungsstelle ZARA dokumentierte im Zeitraum von 16. März bis 30. April insgesamt 93 rassistische Diskriminierungen mit Corona-Bezug. "Es werden immer wieder die gleichen Feindbilder instrumentalisiert, um ganz bewusst Hass zu schüren", sagte eine der beiden ZARA-Geschäftsführerinnen, Caroline Kerschbaumer.

Diskriminierendes System

Hans Peter Graß, Geschäftsführer des Friedensbüro Salzburg, sieht Rassismus im Gespräch mit SALZBURG24 als systemisches Problem: „Wir sind alle Menschen, die in einem rassistischem System aufwachsen und damit konfrontiert sind.“ Ein System, das diskriminierend ist, in dem eine Person in ihrem Alltag, in ihren Lebensentwürfen massiv benachteiligt ist gegenüber anderen Personen.

Farid Hafez, Politikwissenschafter an der Universität Salzburg, beschreibt Rassismus gegenüber S24 als „Hierarchien, in denen einem Menschen ein höherer Wert als anderen Menschen in einer Gesellschaft zugeschrieben wird.“

 

Rassismus hat Ursprung in Kolonialzeit

Grass erklärt, dass es sich dabei um eine gewachsene Struktur handelt. Ihren Ursprung hat sie in der Kolonialgeschichte, der Sklaverei. Schwarze wurden einerseits als hilfsbedürftig, andererseits als aggressiv dargestellt. Das hätte die USA zwar stärker geprägt als Österreich, doch auch hier seien diese Vorstellungen noch viele Jahre in Kinderbüchern und Lehrmaterialien unreflektiert übernommen worden. „‘Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann‘ ist ein Bild, das viele noch von ihrer Kindheit mitbekommen haben“, merkt der Experte an. Heutzutage ruft man bei dem Spiel übrigens „Wer fürchtet sich vorm bösen Mann“ oder „Wer fürchtet sich vorm weißen Hai“.

Entwickelt hat sich der Rassismus auch in Österreich aus der Geschichte, allerdings in eine etwas andere Richtung als in den USA. Hierzulande treffen Benachteiligung und Vorurteile eher Roma und Sinti sowie slawische Menschen, weiß Grass. Ebenso halten sich die Feindbilder der Nazis, weshalb Antisemitismus weiterhin ein Problem ist. In den letzten Jahren hat sich die Diskriminierung gegen Menschen mit islamischem Glauben verstärkt.

Hafez nennt als Beispiel zwei Wahlkampfslogans. Propagierte der Wiener Bürgermeister Karl Lueger Anfang des 20. Jahrhunderts den Spruch „Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden“, sagte Heinz-Christian Strache 2005 „Wien darf nicht Istanbul werden“. „Man sieht, so viel hat sich nicht geändert“, hält der Politikwissenschaftler fest.

 

"Sehr leicht, Ressentiments zu schüren"

Wie tief verwurzelt der Rassismus in Österreich ist, hätte sich seit der Flüchtlingsbewegung 2015 gezeigt. „Es war sehr leicht, Ressentiments zu schüren in den letzten Jahren. Das Flüchtlingsthema war von Rassismus geprägt, der auch von vielen Menschen angenommen wurde“, erläutert Grass.

Rassistische Handlungen statt klare Aussagen

Rassismus passiere weniger durch klare Aussagen als viel öfter durch Handlungen, erklärt Hafez. „Ein Polizist in den USA wird niemals sagen ‚Schwarze sind schlechtere Menschen‘, aber die Handlung entspricht genau diesem Denken.“ Als Beispiele in Österreich nennt er zwei Dinge, die der Europarat in seinem aktuellen Bericht kritisiert. Einerseits das „Racial Profiling“, das Kontrollieren von Menschen auf Grundlage von Stereotypen und äußerlichen Merkmalen, andererseits das Kopftuchverbot. Eine starke Benachteiligung aufgrund von körperlichen Merkmalen sieht Grass auch bei der Arbeits- bzw. Wohnungssuche.

"Hinken in Europa hinterher"

Hafez ist der Meinung, dass der Rassismus in den USA nicht schlimmer ist als in Österreich. Aber brutaler. „Der Unterschied ist, dass es in den USA eine Bereitschaft gibt darüber zu reden und das Problem zu benennen. Da hinken wir in Europa hinterher.“

#blacklivesmatter: Große Empörung in Österreich

Das könnte ein Grund dafür sein, dass der Tod von George Floyd hierzulande Demonstrationen ausgelöst hat, während Vorfälle in Österreich weniger Aufmerksamkeit bekommen. „Es ist leichter mit dem Finger auf andere zu zeigen als auf sich selbst.“ Zudem würde man lieber Minderheiten anderswo unterstützen. „Wer würde sich hier in Österreich mit den Türken solidarisieren? Das ist unvorstellbar in Wirklichkeit.“

Für Grass liegt es am Naheverhältnis. Es sei einfacher zu protestieren, wenn es nicht um die eigene Diskriminierung gehe. Hier müsse man sich nicht vor den Reaktionen und womöglich einer weiteren Diskriminierung fürchten. Er sieht die Proteste deshalb als wichtiges Ventil für jene an, die selbst Rassismus erfahren haben.

Was tun gegen Rassismus?

Was kann jeder einzelne tun, um das Problem an der Wurzel zu packen? Die Experten sind sich einig, dass eine Lösung schwierig ist. Die Demonstrationen sind für Grass aber eine wichtige Ausdrucksform, um die Nachricht an die politischen Verantwortungsträger zu bringen. Wichtig in seinen Augen: Es muss ein sympathisches, friedliches Bild des Widerstands geben. Hafez plädiert dafür, dass das Thema Pflicht in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern sein muss. Zudem sollte man über die Repräsentation durch die Politik nachdenken. Diese sollte genauso vielfältig sein, wie die Gesellschaft selbst. „Wir sind alle Teil eines rassistischen Systems, niemand kann sagen, das geht mich nichts an. Es ist ganz wichtig, den Rassismus in sich selbst immer wieder wahrzunehmen, aufmerksam und selbstkritisch zu bleiben“, unterstreicht Grass abschließend.

(Quelle: SALZBURG24/APA)

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