Jetzt Live
Startseite Salzburg
Rolling Home

Zwei Mütter kämpfen für mehr Rolli-Freiheit

Salzburger Verein hilft Barrieren zu überwinden

Sich mit Freunden treffen, abends ins Kino gehen oder spontan in einem Restaurant essen – was für viele von uns völlig banal und selbstverständlich ist, wird für die Töchter von Martina Auberger und Astrid Handlechner regelmäßig zur großen Herausforderung. Die beiden jungen Frauen, 19 und 21 Jahre alt, sitzen im Rollstuhl. Ihre Mütter ermöglichen mit dem gemeinnützigen Salzburger Verein "Rolling Home" ein Freizeitangebot für Rollifahrer und schließen damit eine klaffende Lücke.

Salzburg, Seekirchen am Wallersee

Kennengelernt haben sich die Familien in der Schule für körperbehinderte Kinder in der Stadt Salzburg. Schon damals seien die beiden Mädchen, Lea und Kala, oft hintan gestanden. Die heute 19-jährige Lea leidet an einer Zerebralparese. Auch Kala, die 21 Jahre alte Tochter von Astrid Handlechner, sitzt im Rollstuhl und benötigt viel Unterstützung – in der Freizeit meist von den Eltern.

Nicht immer "die Rollstuhlfahrerin" sein

"Gerade im Teenie-Alter oder als junge Erwachsene will man aber nicht ausschließlich Zeit mit Mama und Papa verbringen. Man möchte sich lösen, stößt aber innerhalb kürzester Zeit an seine Grenzen", gibt Handlechner zu bedenken. "In die Disco mit der Mama? Da gibt’s wirklich Cooleres", schmunzelt Auberger. Aber alleine geht’s dann wiederum auch nicht. "Und vor allem möchte man nicht immer als 'die Rollstuhlfahrerin' hervorstechen", sagt sie weiter.

Die Freizeitvereine für beeinträchtigte Menschen in Salzburg würden jedoch kaum Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer anbieten. Es sei schließlich sehr aufwändig und man brauche viele Betreuer. "Unsere Mädels haben sich immer wieder benachteiligt gefühlt und sich leid gesehen", erinnert sich Auberger an frühere Enttäuschungen. Die Mütter wollten und konnten das nicht mehr hinnehmen und haben sich zusammengetan. Vor drei Jahren riefen sie dann den Verein "Rolling Home" ins Leben. "Wir wollten unsere Kinder nicht länger unglücklich sehen", erklärt sie ihre große Motivation und die Herzensangelegenheit. "Außerdem gibt es einem selbst sehr viel Energie, etwas Gutes zu tun", ergänzt Handlechner, "eine Win-win-Situation für alle – Rollifahrer, Familie und für uns selbst". Auch als Eltern bräuchte man einmal eine Auszeit oder Geschwister freuen sich über Exklusivzeit mit Mama und Papa.

Vom 25.-27.10. fand unser ROLLING HOME Herbstwochenende statt. Am Freitag Abend stärkten wir uns mit einem wie immer...

Gepostet von Rolling Home am Sonntag, 10. November 2019

Freizeit für Rollstuhlfahrer eine Herausforderung

Wie wichtig und dringend notwendig das Angebot ist, beweist ihr großer Erfolg. Regelmäßig organisieren die beiden Mütter inzwischen gemeinsame Wochenend-Ausflüge. An die 20 junge Salzburgerinnen und Salzburger im Rollstuhl sind abwechselnd mit von der Partie. Es geht ins Kino oder ins Theater, übernachtet wird in einem Hotel. "Wir waren auch schon in Wien oder in Nürnberg", erzählt Handlechner. Mit "wir" sind dabei aber nicht die Eltern gemeint, sondern bis zu sechs Rollifahrer seien gemeinsam mit vier jungen Betreuern unterwegs. Es solle einen lockeren Charakter haben, sein wie ein Ausflug mit der Clique. Die Betreuer tragen aber eine sehr große Verantwortung. Die Rollifahrer müssten zum Teil nicht nur geschoben werden, sondern benötigen auch bei alltäglichen Dingen, wie dem Klogang, Hilfe oder müssen Medikamente einnehmen.

Rolling Home, Auberger, Handlechern SALZBURG24/Schuchter
Martina Auberger und Astrid Handlechner im Gespräch mit SALZBURG24-Redakteurin Michaela Posch.

Dass das nicht die einzigen Herausforderungen sind, verdeutlichen ein paar Beispiele, die Auberger aufzählt: "Pro Zug dürfen nur zwei Rollis mitgenommen werden, auch im Kino sind die Rolli-Plätze meist auf zwei begrenzt." Das müsse man vorher abklären. Als Gruppe von Rollstuhlfahrern sei eine gemeinsame Freizeit wirklich schwierig. Denn auch wenn an der Tür barrierefrei stünde, gelte das oft nur eingeschränkt. Die wenigsten Lokale oder Veranstaltungsräume seien auf mehrere Rollifahrer vorbereitet.

Die Kosten für die Familien sollen sich dennoch in Grenzen halten. "Es sind 100 Euro pro Person beizusteuern, den Rest trägt der Verein", erklärt Auberger. "Es soll für alle leistbar sein, niemand soll ausgeschlossen werden. Wir wollen ja keine Exklusion von der Inklusion", sagt sie. Insgesamt würde eine Wochenend-Unternehmung für die Gruppe auf 2.600 Euro kommen. Also bis zu 2.000 Euro pro Ausflug müssen zugeschossen werden.

Vision von "Rolling Home": Wohnprojekt in Seekirchen

Fast 25 Wochenenden konnten seit der Gründung im Jahr 2016 bereits verwirklicht werden. Eine weitere Vision der beiden ist das "Rolling Home"-Wohnbauprojekt in Seekirchen (Flachgau). Neun Rollifahrer sollen in einer betreuten Wohngemeinschaft zusammen leben. Denn auch hier fehle das Angebot im Land Salzburg. "Es gibt kaum Wohnmöglichkeiten für Menschen mit leichter kognitiver und schwerer physischer Beeinträchtigung", prangert Auberger an. Viele bleiben im Familienkreis, so lange es die Eltern eben körperlich schaffen. "Über mir schwebt immer dieses Damoklesschwert, wenn mit mir etwas wäre, müsste meine Tochter Kala definitiv ins Altersheim. Für einen jungen Menschen ist das eine sehr schlimme Perspektive", sagt die Mutter einer 21-Jährigen nachdenklich. Das Konzept für das Haus liege beim Land Salzburg bereits auf. "Jederzeit könnte es soweit sein. Jederzeit könnte mein Handy klingeln", spricht sie aufgeregt über die Pläne. Wenn das Land die Betreuung zusage, dann könne es schnell gehen. Als Baubeginn schwebt ihnen der kommende Herbst vor.

So lange wollen die beiden aber nicht die Hände in den Schoß legen. Der nächste Ausflug will geplant werden. Kommendes Jahr soll es zusätzlich für eine ganze Woche nach Kärnten gehen. "Die wenigsten waren bis jetzt auf Urlaub, weil es sich die Eltern neben der finanziellen Herausforderung durch die Behinderung einfach nicht leisten können", so Auberger. Unterwegs ist die Gruppe in einem umgebauten Neunsitzer-Bus. "Den haben wir vor zwei Jahren gesponsert bekommen“, zeigen sich die Mütter dankbar.

So könnt ihr "Rolling Home" unterstützen

Wenn ihr den Verein Rolling Home unterstützen möchtet, könnt ihr das hier tun:

RB Seekirchen
IBAN: AT72 3504 7000 7511 8588

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 14.04.2021 um 04:09 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/rolling-home-zwei-muetter-kaempfen-fuer-mehr-rolli-freiheit-80623573

Kommentare

Mehr zum Thema