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Salzburg im Tourismus-Dilemma

Getreidegasse APA/HELMUT FOHRINGER
​Touristenmassen sind ein gewohnter Anblick in der Getreidegasse.

Mit einem Viertel der regionalen Wertschöpfung ist der Tourismus in Salzburg ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor. Dennoch kommt immer öfter Ablehnung und Kritik auf. Hat Salzburg ein "Overtourism"-Problem und was wären mögliche Maßnahmen dagegen?

Mit knapp 1,8 Millionen Ankünften und über 3 Millionen Übernachtungen im Jahr 2017 wurde eine Tourismus-Schallmauer in der Stadt Salzburg gesprengt. Im Vergleich zum Vorjahr verbuchte man dabei eine fast achtprozentige Steigerung bei Ankünften und Übernachtungen – der Ansturm ist ungebrochen. "Tourismus in Salzburg ist ein sehr gut funktionierender Wirtschaftskreislauf", sagt Werner Taurer von der Fachhochschule Salzburg im S24-Gespräch.

Tourismus-Boom in der Landeshauptstadt

Insbesondere die Stadt Salzburg habe in den letzten Jahren einen "Boom erfahren". Die Schattenseiten sind neben Touristenmassen in engen Altstadtgassen auch der undurchsichtige Airbnb-Markt. Mittlerweile werden auf dem Online-Portal allein für die Landeshauptstadt etwa 1.000 Wohnungen angeboten. Ein anderes Extrembeispiel aus der Region ist Weltkulturerbe-Ort Hallstatt (OÖ) im Salzkammergut: Den 780 Einwohnern stehen im Jahr bis zu einer Million Tagestouristen gegenüber.

Warum es einen so massiven Ansturm gibt, weiß Tourismus-Experte Taurer: "Zum einen ist es wesentlich günstiger geworden über lange Distanzen zu reisen, zum anderen steigt weltweit der Wohlstand und Visa-Bestimmungen wurden gelockert.“ Das führe dazu, dass mittlerweile Menschen zu Reisenden geworden sind, die das früher nicht waren. Insbesondere die Nachfrage aus Asien scheint nahezu unbegrenzt zu sein, erklärt Taurer gegenüber SALZBURG24. 2016 erzielte der Tourismus in Österreich erstmals über 140 Millionen Nächtigungen – Tendenz steigend!

Skigebiete setzten auf Sommertourismus

Dabei wurde im Land Salzburg lange Zeit auf Sommertourismus gebaut, Urlaub im Winter ist erst seit den 1980er-Jahren dominierend geworden. Doch die warme Jahreszeit liegt im Trend: „Der Sommertourismus profitiert durch innovative Ansätze und Maßnahmen“, sagt Taurer und ergänzt: "Die Nachfrage nach Aufenthalt in der Natur wird immer größer." 12,1 Millionen Nächtigungen in der Sommersaison 2018 stehen 16 Millionen Übernachtungen im Winter gegenüber. Insbesondere die Bergbahnen holen auf und erweiterten in der Vergangenheit vielerorts ihr Angebot. Österreichs größter Skiverbund "Ski amade" investiert heuer rund 60 Millionen Euro in den Neubau und die Instandsetzung. Laut Präsident Georg Bliem will man die Seilbahnen künftig ganzjährig auslasten, die millionenschweren Investitionen seien ein "Generationenprojekt". Mehr Urlauber sollen kommen und Geld ausgeben.

"Overtourism" in Salzburg?

Tourismus-Experte Taurer warnt aber vor der inflationären Verwendung des "Overtourism"-Begriffs. Dieser sei nur in einigen Metropolen zu beobachten oder in Orten mit besonderen Attraktionen. Hierzulande hätte die Stadt Salzburg solche Ausmaße noch nicht erreicht, aber die Tendenz dahin sei zu erkennen. Bei Hallstatt sind allerdings klare "Overtourism"-Phänomene gegeben: "Ohne den Weltkulturerbe-Status wäre Hallstatt wahrscheinlich nie so in den Fokus der Touristen gerückt", meint Taurer.

In immer mehr Städten Europas beginnen sich die Bewohner gegen Touristenmassen zu wehren. Prominente "Overtourism"-Beispiele sind Venedig, Dubrovnik oder Palma de Mallorca. Am härtesten greift Amsterdam durch. In den meisten Stadtteilen werden seit 2017 keine neuen Hotels und Geschäfte, die sich mit ihrem Angebot hauptsächlich an Touristen richten, mehr genehmigt. Die maximale Gruppengröße für Touren im Rotlichtviertel wurde auf 20 beschränkt, künftig sollen auch die Anlegestellen für die Grachten-Rundfahrten außerhalb des Zentrums verlegt werden. Einheimische dürfen ihre Wohnung über Plattformen wie Airbnb nur mehr maximal 60 Tage im Jahr vermieten.

Hallstatt 2 APA/ BARBARA GINDL

Stimmung kippt in Hallstatt

In solchen touristischen Intensivzonen steigen Wohnungs- und Grundstückspreise genauso wie die Kosten für ein Hotelzimmer. Das Leben wird teurer. Die Folge könne Verdrossenheit der Einheimischen gegenüber Touristen sein. "Vor fünf Jahren sahen sich die Einwohner Hallstatts als gastfreundlich. Mittlerweile ist es oft in aggressive Ablehnung umgeschlagen“, schildert Taurer seine Eindrücke. "In der Stadt Salzburg habe ich das Gefühl, dass die Leute begonnen haben mit der Situation zu leben." Vielmehr würden sie alltägliche Probleme belasten, wie die anhaltende Verkehrsmisere. "Die Altstadt bietet nur wenig Platz für touristisch attraktive Flächen. Alle starken regulativen Eingriffe, wie Limitierungen oder Lenkungsmaßnahmen, müssten Einschränkungen für sowohl Touristen als auch Einheimische mit sich ziehen", warnt Taurer vor Schnellschüssen der Politik.

Hallstatt 1 APA/ BARBARA GINDL

Mögliche Konsequenzen

In der Salzburger Landesregierung arbeitet man derzeit an einem Nächtigungsabgabengesetz, berichteten unlängst die Salzburger Nachrichten (SN). Geplant sei ein Registrierungsmodell, mit dem überprüft werden soll, ob die Vermietung legal ist oder nicht. Diese Registrierungsnummer müsse auf Airbnb und Co. klar für die Behörden ersichtlich bleiben. Auch die Einführung einer Ortstaxe sei denkbar. Bereits im Frühjahr wurde als Maßnahme in der Mozartstadt ein Bezahl-Leitsystem für Reisebusse eingeführt. In Hallstatt denkt man über ein ähnliches Modell nach.

 

Mit jährlich fast 28 Millionen Nächtigungen und über 11.000 Beherbergungsbetrieben im Land Salzburg ist der Tourismus ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor und wichtiger Arbeitgeber. 70 Wintersportorte und 22 Skigebiete mit rund 2.750 Pistenkilometern zählt das Land. Im Frühjahr 2018 brachte Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) eine Obergrenze für 30 Millionen Nächtigungen ins Spiel. Die Frage bleibt offen, wie man ein solches Phänomen in der stetig wachsenden Tourismusbranche überhaupt steuern oder gar kontrollieren kann. Und ob die Wirtschaft das auch möchte.

(Quelle: SALZBURG24)

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