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Vierbeinige Stütze im Alltag

Wie Assistenzhunde bei psychischen Erkrankungen helfen

Salzburger Ausbilder über Aufgaben und Herausforderungen

Der Hund ist bekanntlich der beste Freund des Menschen. Für Personen mit körperlichen, aber auch psychischen Erkrankungen sind die Vierbeiner viel mehr als das. Der Salzburger Ausbilder Andreas Schmidauer erklärt, wie die Tiere helfen können, wenn Menschen in der Vergangenheit Belastungen oder Extremsituationen wie Unfällen oder Verbrechen ausgesetzt waren.

Fast jedem ist wohl schon einmal ein sogenannter Servicehund begegnet. Oft begleiten sie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, zum Beispiel Rollstuhlfahrer.

Servicehunde als täglicher Begleiter

Die Hauptaufgabe der Vierbeiner besteht darin, ihren Halter:innen das alltägliche Leben zu erleichtern, erklärt der Salzburger Andreas Schmidauer, der selbst Assistenz- bzw. Servicehunde ausbildet, im SALZBURG24-Interview: „Dazu gehört zum Beispiel das Betätigen von Lichtschaltern, das Bringen von Fernbedienungen oder Schlüsseln oder das selbstständige Aufheben der Leine. Das sind diese Aufgaben, die man sieht.“

Vierbeiner helfen bei psychischen Erkrankungen

Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, wie etwa einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), erfüllt der Assistenzhund hingegen Aufgaben, die meist nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Vor allem gehe es darum, dem Menschen Sicherheit und Stabilität im Alltag zu vermitteln. Um Zutrittsrechte an öffentlichen Orten wie Supermärkten leichter durchsetzen zu können, bekommen auch diese Tiere eine eigene Kenndecke mit der Aufschrift „Assistenzhund“, schildert Schmidauer.

Unterstützung bei Posttraumatischer Belastungsstörung

„Wenn ich jetzt von einem PTBS-Hund ausgehe, dann sollte er die Dissoziationen, in die der Mensch fallen kann, frühzeitig erkennen und wenn möglich auch frühzeitig unterbrechen.“ Das könne etwa durch Anstupsen passieren. Wenn der Mensch nachts unter Albträumen leidet, könnte man dem Hund beibringen, ihn aufzuwecken oder das Licht einzuschalten, weiß der Hundetrainer. Zudem werde den meisten PTBS-Hunden beigebracht, die Klient:innen aus engen Situationen, in denen sie in Dissoziationen verfallen, herauszubringen.

Das könne auf zwei Arten geschehen, sagt Schmidauer: „Entweder der Hund sucht eine Art Ruheinsel, wo sich sein Hundeführer ruhig hinsetzen und die erlernten Techniken der Psychotherapie anwenden kann.“ Die zweite Möglichkeit sei, sich vom Hund hinausbringen zu lassen, zum Beispiel aus einem großen Einkaufszentrum. Konkret könnte das so aussehen: „Die Person bekommt eine Panikattacke, einen Flashback oder verfällt in sonstiges Verhalten, das mit ihrer Krankheit zusammenhängt. Der Hund erkennt das und führt die Person automatisch zum Ausgang oder zum Auto. Je nachdem, was gewünscht ist.“ Auch das körperliche Abblocken, zum Beispiel in engen Menschenmengen, gehöre zu den Hauptaufgaben eines PTBS-Hundes.

Individuelle Bedürfnisse

Die Bedürfnisse der Betroffenen seien recht individuell. Einem Hund, den Schmidauer ausbilden wird, soll etwa beigebracht werden, alle Zimmer abzusuchen, sobald sein Frauchen die Haustür aufsperrt. „Man könnte ihm auch lernen, dass er bellt, wenn sich jemand im Raum befindet.“ Hierbei handle es sich um einen sogenannten Realitätscheck. Personen, die sich verfolgt fühlen, geben dem Tier ein Signal und dieses sucht das betroffene Zimmer bzw. die Wohnung ab und signalisiert dann durch ein bestimmtes Verhalten, das vorher festgelegt wurde: „Ja, du bist allein“. Durch Winseln oder Bellen könnte der Hund darauf aufmerksam machen, dass sich noch jemand im Raum befindet, beschreibt der Ausbilder.

Spezialausbildung nötig

Bevor der Assistenzhund all diese Aufgaben erfüllen kann, ist ein spezielles Training notwendig. Grundsätzlich werde das Verhalten, das der Hund später zeigen soll, zum Beispiel in einer Trainingshalle im „Trockentraining“ geübt. Dem Hund werde etwa auf Kommando beigebracht: „Bring mich hier raus“. Bei Servicehunden gebe es immer ein Signal oder ein konkretes Kommando, wie „Bring Fernbedienung!“ PTBS-Hunde müssten das allerdings selbst erkennen, betont Schmidauer. „Das geänderte Verhalten des Klienten wird also zum Auslöser, damit der Hund weiß, dass er jetzt einen Auftrag hat.“ Wenn sich Dissoziationen oder Panikattacken etwa äußern, indem der Mensch „einfriert“ und sich nicht mehr bewegen kann, werde diese Situation im Training simuliert. Deshalb sei es wichtig, dass die Klient:innen einbezogen werden, da das Verhalten des Hundes angepasst werden müsse.

Welche Rassen eignen sich?

Aber welche Hunde eignen sich überhaupt für die Ausbildung zum Assistenzhund? Beliebte Rassen seien etwa der Golden Retriever, Labrador Retriever und deren Mischlinge, führt Schmidauer aus. Der Retriever eigne sich besonders gut durch seinen „Will to please“. Das bedeutet, er will dem Menschen gefallen. Außerdem sei der Retriever meist freundlich, was eine gute Ausgangsbasis bilde. Der deutsche Schäferhund käme ebenfalls in Frage, wenn dieser nicht aus einer Schutzsport- oder Polizeihundezucht kommt. Aber auch andere Hunderassen würden sich als Assistenzhund eignen. Gerade bildet Schmidauer etwa einen Rottweiler als PTBS-Hund aus. „Wenn dieser Hund aus einer verantwortungsvollen Zucht kommt und nicht für den Leistungssport wie Schutzarbeit gezüchtet worden ist, sondern eine ruhige und ausgeglichene Art hat, dann eignet sich durchaus auch ein solcher Hund.“

Ein sinnvoller Startzeitpunkt für die Spezialausbildung liege zwischen sechs Monaten und einem Jahr. „Davor ist es wichtig, dass der Hund gut behütet aufwächst. Der Hund muss wahnsinnig umweltsicher sein und ein einwandfreies Sozialverhalten gegenüber Menschen und anderen Hunden haben. Am besten interessiert er sich nicht oder nur ganz wenig für andere Hunde.“ Die Eingewöhnung funktioniere mit einem Welpen zwar meist schneller. Hier bestehe aber das Risiko, dass sich der Hund später doch nicht als Assistenzhund eignet. Mit einem älteren Tier könne man die Spezialaufgaben sofort trainieren. Die Dauer der Ausbildung beträgt laut Schmidauer ca. ein halbes Jahr.

Kosten und Organisation als Hürde

Aber auch die Kosten für einen solchen Assistenzhund zwischen 20.000 und 30.000 Euro würden für viele eine große Hürde darstellen, weiß Schmidauer: „Es gibt unter gewissen Voraussetzungen Förderungen und Zuschüsse der öffentlichen Hand, wie vom Sozialministerium oder dem österreichischen Opferschutzverband. Das reicht oft nicht aus.“ Deshalb seien die Klient:innen häufig auf ein persönliches Netzwerk angewiesen. Serviceclubs oder ähnliche Organisationen würden dann Sammlungen starten, um den restlichen Betrag aufzubringen. Besonders für psychisch Erkrankte sei der Weg dorthin allerdings oft mit einem immensen Aufwand verbunden. „Dabei zu bleiben, die Konzentration zu haben und auch nach außen zu gehen, fällt vielen PTBS-Menschen schwer.“

Salzburger will Assistenzhunde-Verein gründen

Um diesen Menschen bei der Organisation unter die Arme zu greifen, will Schmidauer gemeinsam mit Kollegin Julia Toal schon bald den Verein „Assistenzhunde Salzburg“ gründen. Dringend benötigt werde hierfür eine Trainingshalle. Um Geld für Personen zu sammeln, die einen Assistenzhund benötigen, überlegt der Verein zudem, künftig Sponsoren zu gewinnen.

(Quelle: SALZBURG24)

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