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Sonntags-Talk

"Der perfekte Partner existiert nicht"

Salzburger Beziehungscoach über Sex, Liebe und Krisen bei Paaren

Wenn es in der Beziehung kriselt, dann kommt sie ins Spiel: Natascha Koller führt seit zehn Jahren die Praxiswerkstatt am nördlichen Stadtrand von Salzburg als Anlaufstelle für Paare mit Problemen. Im Sonntags-Talk spricht sie über Untreue, Dating-Apps wie Tinder und gibt Tipps für eine glückliche Beziehung.

Salzburg

SALZBURG24: Frau Koller, laut einer Studie ist knapp jeder dritte Salzburger Single. Sind wir die Generation beziehungsunfähig?

NATASCHA KOLLER: Das würde ich nicht sagen. Viele Menschen leben nach wie vor in Beziehungen. Allerdings gestalten sich diese etwas anders als etwa vor 40 Jahren. Unser Verhalten innerhalb einer Beziehung hat sich verändert.

Wieso hat sich unser Verhalten verändert?

Zum einen hat sich die Rolle der Frau durch die Emanzipation geändert. Sie ist selbstständiger und unabhängiger geworden, deswegen besteht nicht mehr die existentielle Notwendigkeit, in einer Beziehung zu leben. Dadurch hat sich auch das Rollenbild des Mannes – lange der Versorger in der Beziehung – verändert.

Heutzutage ist in einer Beziehung mehr Freiwilligkeit da. Es gibt weder existentielle, noch moralische Gründe, die ein Zusammenbleiben erzwingen. Daher trennt man sich schneller als früher.

Warum gehen wir dann heutzutage noch Beziehungen ein?

Es gibt zwei Grundsehnsüchte des Menschen: Zum einen sehnen wir uns nach Zugehörigkeit, zum anderen nach Individualität. Durch die Sehnsucht nach Zugehörigkeit sind wir bereit, uns an jemanden zu binden. Nur gemeinsam lässt sich ein Wir-Bewusstsein entwickeln. Wenn ich mich nie auf jemanden einlasse, werde ich nie die Erfahrung machen, wie man sich als Paar gegenseitig den Rücken stärkt oder fürsorglich füreinander ist.

Ich glaube, dass sich der Mensch im tiefsten Inneren jemanden wünscht, bei dem er ein Stück weit ankommen kann. Wo ich so sein kann, wie ich bin, wo es Verlässlichkeit, Fürsorge und ein Verantwortungsbewusstsein füreinander gibt.

Gleichzeitig besteht häufig die Angst, Individualität zu verlieren, wenn man sich bindet. Das Ich-Sein dürfen und gleichzeitig ein Wir-Bewusstsein zu entwickeln, ist die Herausforderung, die wir an eine Beziehung stellen. Ich glaube, eine Partnerschaft hat große Chancen, in der wir sehr nah an die Erfüllung beider Sehnsüchtige herankommen.

Gibt es für jeden von uns den perfekten Partner?

Es gibt die Vorstellung, die nicht zuletzt durch Film und Fernsehen befeuert wird, dass es den perfekten Partner gibt, auf den man sehnsüchtig wartet. Gibt es dann in der Beziehung Probleme, glaubt man womöglich, dass man den perfekten Partner doch noch nicht gefunden hat. Diese Illusion führt dazu, dass man Beziehungen häufig auf die Probe stellt.

Aus meiner Sicht existiert der perfekte Partner nicht. Es gibt natürlich Paare, bei denen vieles übereinstimmt: Bedürfnisse, Sehnsüchte, Werte. Gleichzeitig ist eine Beziehung auch immer Arbeit. Dort, wo ich Energie investierte, kann auch etwas wachsen und gedeihen. Sind beide Partner bereit, Verantwortung zu übernehmen, um die Beziehung erfüllt und attraktiv zu gestalten, stehen die Chancen gut, dass die Beziehung über eine lange Zeit hält.

 

Welche Rolle spielen Dating-Apps wie Tinder beim Thema Beziehung und Liebe?

Wir brechen heutzutage häufiger aus den klassischen Beziehungsmodellen aus. Durch diese Apps haben wir die Möglichkeit der Fülle und der Vielfalt. Ich persönliche halte nicht so viel davon. Es gibt natürlich Paare, die sich dort kennengelernt haben. Allerdings steht bei diesen Apps meiner Meinung nach im Vordergrund, sich auszutoben.

Kann man über eine Dating-App überhaupt den Partner fürs Leben finden?

Auch das ist möglich. Aber ich muss mir im Klaren sein, worauf ich mich hier einlasse. Ich muss wissen, dass solche Apps ein Stück weit oberflächlich sind. Bin ich auf der Suche nach Zuverlässigkeit und Ernsthaftigkeit, ist eine Dating-App sicher nicht das richtige.

Paare kommen zu Ihnen, damit sich etwas in der Beziehung verändert. Was sind die häufigsten Probleme, mit denen Sie konfrontiert sind?

Meistens holen sich Paare erst dann Hilfe von außen, wenn es schon sehr kriselt. Manchmal geht es dann auch klar in Richtung Trennungsbegleitung, aber bei rund 70 bis 75 Prozent geht es darum, dass es dem Paar gelingt, sich aus dieser Krise herauszuarbeiten.

Manchmal ist ein Nebenbuhler im Spiel, in anderen Fällen handelt es sich um ein Kommunikationsproblem. Paare landen bei Diskussionen immer wieder beim selben Thema und kommen dabei nicht weiter. Jemand von außen hat in diesen Fällen häufig eine klarere Perspektive.

Wie können Sie den Paaren helfen?

Wenn beide Partner mit im Boot sind, kann ich wirken. Wir arbeiten uns dann durch sämtliche Konflikte und Schwierigkeiten durch. Dabei geht es viel um Wertschätzung und um Respekt, was die Partner vielleicht ein Stück weit verloren haben. Für die Paare geht es darum, wieder dort hinzukommen, was sie anfangs zusammengebracht hat.

Wann merken Sie, dass ein Paar keine gemeinsame Zukunft hat?

Ich hüte mich davor zu Paaren zu sagen, dass es klüger wäre, sich zu trennen. Wenn aber alle Lösungsvorschläge boykottiert werden, muss ich irgendwann die Frage stellen, ob es überhaupt die Bereitschaft dazu gibt, an der Beziehung zu arbeiten. Ob es uns gelingt, ist eine andere Sache. Gibt es keine Bereitschaft, kann es sein, dass ich aussteige.

Welche Rolle spielt Sex bei Ihren Klienten?

Sex spielt eine große Rolle. Auch das ist etwas, das im Laufe einer Beziehung abhandenkommen kann. Häufig verändern sich die Bedürfnisse. Der eine Partner möchte gerne mehr Sex, der andere weniger. Auch dieser Veränderung gilt es sich zu stellen. Fehlt die Lust, kann das verschiedene Gründe haben: Alltagssorgen, finanzielle Ängste, aber auch fehlende gegenseitige Wertschätzung kann ausschlaggebend sein.

Lässt sich Untreue verzeihen?

Natürlich. Es ist möglich, dass das Vertrauen wiederhergestellt wird. Dafür muss man aber das Kind beim Namen nennen und gemeinsam schauen, wie es so weit kommen konnte. Die Bereitschaft muss da sein, an dem zu arbeiten, was das Paar im Laufe der Zeit verloren hat, und was da draußen in irgendeiner Form gesucht wurde. Der untreue Partner muss seine Affäre beenden. Sonst hat die Beziehung keine Chance.

Es kann auch sein, dass es jemandem gar nicht mehr gelingt, Vertrauen aufzubauen. Für manche ist Untreue ein absolutes Tabu und das Ende der Beziehung die Konsequenz dafür. Auch das muss man akzeptieren. Mit einem Seitensprung riskiert man immer seine Partnerschaft.

Zum Abschluss: Welche Tipps können Sie Paaren für eine glückliche Beziehung geben?

Eine erfüllte Partnerschaft ist eine lebendige Partnerschaft. Es ist wichtig, dass beide Partner klar zu der Beziehung stehen. Sie müssen wissen, was sie voneinander wollen, welche Vorstellungen und Visionen sie haben. Dafür muss man sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte gut kennen.

Gemeinsamkeiten sind ebenso wichtig, wie Kommunikation und Toleranz. Das heißt, nicht immer auf den eigenen Standpunkt zu beharren, sondern auch die Meinung des anderen zu akzeptieren. Wertschätzung und Respekt sind das Um und Auf, damit uns die Liebe gelingen kann. Dort, wo ich wertgeschätzt werde, fühle ich mich wohl. Da bleibe ich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

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