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In Salzburg entdeckt

200 Jahre alte Impflieder machen Ängste deutlich

Wie die Geschichte das Heute prägt

Salzburger Impflieder Salzburger Volkskultur
Impflieder aus der Sammlung. Maria Vinzenz Süß: Salzburger Volks-Lieder, Salzburg 1865.

Mit Corona ist die Impfdebatte wieder in unserem Alltag angekommen – und derzeit vermutlich präsenter denn je. Doch die Diskussion ist nicht neu. Sie fand ihren Ursprung während der ersten großen Impfaktion gegen Pocken. Erst kürzlich wiederentdeckte Impflieder aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Salzburg machen die Ängste von damals deutlich.

Salzburg, Abtenau, Saalfelden am Steinernen Meer

In Sachen Corona richtet die Politik den Blick strikt nach vorne. Die Impfung wird als „Gamechanger“ gewertet, sie soll uns allen die so lang ersehnte Normalität wieder zurückbringen. Während Befürworter den Stich in den Oberarm kaum mehr erwarten können, fühlen sich Impfgegner fremdbestimmt beziehungsweise sehen sich einer Reihe an Gefahren ausgesetzt. Dass diese gesellschaftliche Kontroverse nichts Neues ist, zeigt uns ein Blick zurück in die Vergangenheit.

Erste Impfung gegen Krankheit

Der englische Arzt Eduard Jenner hatte 1796 herausgefunden, dass Kuhpocken Schutz vor den Pocken bieten. Wurde das Sekret, der Kuhpockeneiter, direkt in den Arm eines Kindes verpflanzt, war es gegen diese Krankheit immun. Die Injektionsspritze war damals noch nicht erfunden. Zur Impfung ritzte man die Haut ein und brachte den Impfstoff in die Wunde ein. Die Kuhpockenimpfung war somit die erste Impfung, die gegen gefährliche Blattern-Erkrankung schützte. Der Staat ließ die Bevölkerung damals im großen Stil impfen. In Salzburg startete im Jahr 1802 eine großflächige Impfaktion.

Menschen hatten große Skepsis

Doch die Menschen hatten große Skepsis und Angst. „Sie fürchteten sich vor der Vorstellung, dass ein Krankheitserreger, die 'bösartige Blatternmaterie', absichtlich in den Körper verpflanzt wird. Man hat das als einen Eingriff in die göttliche Ordnung gesehen“, erklärt die Historikerin Sabine Veits-Falk vom Salzburger Stadtarchiv im Gespräch mit SALZBURG24. Nicht selten glaubten Impfgegner damals etwa, dass mit der Impfmaterie einer Kuh „tierische Eigenschaften“ auf den Menschen übertragen werden. Zudem geht aus einem Impfbericht von Abtenau (Tennengau) aus dem Jahr 1811 hervor, dass die Pockennarben nach der Impfung ein „Zeichen der Teufelsverschreibung“ oder der „Verdammung“ seien. Andere wiederum waren davon überzeugt, dass die Pocken etwas „Angeborenes“ seien, das zur „Reinigung des Körpers von bösen Säften“ diente. „Die meisten Ängste waren also religiöser Natur, auch volksmedizinische Erklärungsmodelle lagen einer Ablehnung zugrunde“, schildert die Historikerin.

Salzburger Impflieder machen Ängste deutlich

Deutlich zum Ausdruck kommen die Ängste von damals auch in zwei Impfliedern aus Salzburg, die erst kürzlich im Archiv der Salzburger Volksliedwerks wieder entdeckt wurden. Sie stammen aus der Sammlung „Salzburger Volks-Lieder“ (1865) von Maria Vinzenz Süß. „Wie und durch wen Süß an die Lieder in seiner Sammlung gekommen ist, wissen wir leider nicht. Gesichert ist nur, dass er nicht selbst vor Ort bei den einfachen Leuten forschte, sondern sich hauptsächlich auf Zusendungen verschiedenster Quellen stützte. Deshalb ist auch nichts über die näheren Umstände der beiden Lieder bekannt, auch ihre Melodien sind uns nicht mehr bekannt“, schildert Archivleiter und Musikwissenschafter Wolfgang Dreier-Andres im SALZBURG24-Interview.

Texte auf bestehende Melodien gesungen

Es sei aber naheliegend, dass solche – damals ja brandaktuellen – Texte auf bestehende Melodien bekannter Lieder gesungen wurden. „Diese Kontrafakturen sind auch heute noch ein gängiges Prinzip, wenn man Inhalte durch Musik bekannt machen will“, macht Dreier-Andres aufmerksam. Ein aktuelles Beispiel in Hinblick auf die aktuelle Corona-Impfdebatte ist etwa „Verdammt ich impf mich, eine Song-Parodie auf Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“.

Impflieder von Gegnern und Befürwortern

Impflieder wurden im 19. Jahrhundert nicht nur von Impfgegnern verbreitet, sondern auch von Befürwortern. Durch deren Verbreitung sollte die damals so unbeliebte Kuhpockenimpfung populär gemacht werden. So hat etwa der Hilfspfarrer von Berndorf im Flachgau, Gregor Krämer, im Jahr 1802 zusammen mit einer Predigt ein entsprechendes Lied verfasst. Krämer, der selbst ein Auge durch die Pockenerkrankung verloren hatte, ließ das Lied in der Mayrischen Buchhandlung drucken und verteilen.

Impflied Menschenretterin Kuh Salzburger Volksliedwerk
Impflied "An die Menschenretterinn Kuh". Auf die Melodie von "Die liebe Feierstunde" Text: Gregor Krämer, 1802

So hört sich ein Impflied von damals an

Dreier-Andres hat eine Auswahl der 36 Strophen auf die Melodie gesetzt, die Krämer damals als Empfehlung angegeben hat. „Es ist natürlich aus heutiger Sicht ein kurioser Text. Vor allem, dass ein Nutztier so besungen und verherrlicht wird, und das auch noch von einem Geistlichen, kam den Leuten sicher ziemlich schräg vor“, schmunzelt Dreier-Andres. Eingesungen hat das Lied Elisabeth Radauer vom Salzburger Volksliedwerk.

Pfarrer und Ärzte propagieren Impfung

Dass sich Geistliche öffentlich und lautstark von der Predigtkanzel aus für die Massenimpfung einsetzt haben, war nicht verwunderlich. „Der Pfarrer wurde als Vermittler von staats- und in diesem Fall gesundheitspolitischen Interessen eingesetzt. Er sollte vor allem gegen das Misstrauen der Bevölkerung predigen“, schildert die Salzburger Historikerin Veits-Falk. Darüber hinaus erging im Dezember 1801 von der damals noch erzbischöflichen Regierung (bis 1803) ein Befehl, alle Ärzte in Stadt und Land über die Impfung zu belehren und eine schnelle Verbreitung zu propagieren. Der Salzburger Arzt Joseph d' Outrepont schrieb etwa eine „Gemeinfaßliche Belehrung für das Landvolk“, in der er detailliert den Vorgang der Impfung erklärte. Weiters wurde die lesekundige Bevölkerung in zahlreichen Zeitungsartikeln aufgeklärt.

Harte Strafen für Impfverweigerer

Für Impfverweigerer hagelte es auch Strafen – und da ging man mit den Betroffenen nicht gerade zimperlich um: In Salzburg galt die Impfplicht unter bayerischer Herrschaft zwischen 1810 und 1816. So zeigt ein Impfbericht aus Abtenau aus dem Jahr 1811, dass von 870 Pockenfähigen (jene, die noch keine Blattern hatten) 337 Personen geimpft wurden. Im gleichen Jahr gab es in Saalfelden (Pinzgau) 32 Impfstraffälle: Eltern, die ihre Kinder hätten impfen lassen müssen, hatten dies verweigert. Sie argumentierten großteils mit Unwissenheit oder dass die Kinder zum Zeitpunkt der Impfung „ausschlägig, grindig, krätzig“ oder krank gewesen seien. „Es gab Impfstrafen, meist Geldstrafen und die arme Bevölkerung suchte auch um Strafnachlass an. In Saalfelden wurde aber ein Vater, der wegen notorischer Armut kein Geld hatte, zu 24-stündigem Arrest verurteilt“, so Veits-Falk.

Nachdem Salzburg 1816 zu Österreich gekommen war, wurde vor allem versucht mit öffentlichem Druck die Bevölkerung zur Impfung zu bewegen. So musste man zum Bespiel für die schulische aber auch universitäre Ausbildung wie an der Universität in Innsbruck einen entsprechenden Impfnachweis vorlegen, um aufgenommen zu werden oder ein Stipendium zu bekommen.

Die Geschichte als neue Perspektive

Der Blick zurück in eine Zeit des globalen Wandels, zum Beginn der Moderne, in der man der Wissenschaft den Vortritt gab und zum allerersten Mal eine Impfung erfunden wurde, die es vermochte, eine Krankheit auszurotten, kann auch in der heutigen Impffrage hilfreich sein. Neue Perspektiven ermöglichen neue Ansichten und diese wiederum können wir derzeit alle gut gebrauchen. Denn es bleibt, wie es ist: Die Vergangenheit prägt das Hier und Jetzt und unsere Entscheidungen von heute beeinflussen die Zukunft – unsere eigene und jene unserer Nachkommen.

(Quelle: SALZBURG24)

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