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Sonntags-Talk

"Die größten Wegwerfer sind wir alle"

Salzburger Lebensmittel-Retterin Doris Kiefel im Interview

Doris Kiefel, Sonntags-Talk, VIEW SALZBURG24
Vor 13 Jahren gründete Doris Kiefel den non-profit Verein VIEW.

In Salzburg gibt es Lebensmittel im Überfluss, dennoch herrscht bei vielen Menschen Mangel. Mit ehrenamtlicher Unterstützung sammelt Doris Kiefel Restbestände aus der Produktion und verteilt sie an gemeinnützige Einrichtungen. Im Sonntags-Talk erzählt uns die 67-Jährige, was es im Kampf gegen das sinnlose Wegwerfen von Lebensmitteln braucht und warum wir ausgerechnet in der Weihnachtszeit so spendabel sind.

Geboren und aufgewachsen ist Kiefel in der Stadt Salzburg, schon als Volksschulkind habe sie Kassabuch über das eigene Taschengeld geführt. Nach der Matura ging es in die Handelsakademie Salzburg, danach arbeitete Kiefel als selbstständige Steuerberaterin.Die bestens vernetzte Organisatorin ist Vorsitzende des Vereins VIEW (Verein Initiative Ethisch Wirtschaften) und kümmert sich auch 13 Jahre nach der Gründung noch heute um die Warenannahme und -verteilung.

SALZBURG24: Der non-profit Verein VIEW sammelt unverkäufliche, aber noch genießbare Lebensmittel, die im Wirtschaftskreislauf keine Verwendung mehr finden. Als Gratis-Logistiker werden sie an gemeinnützige Einrichtungen weitergegeben. Ist Weihnachten für Sie die beste Zeit des Jahres?

DORIS KIEFEL: Ich habe in den letzten Jahren zur Vorweihnachtszeit die Erfahrung gemacht, dass viele der Einrichtungen, die wir beliefern, gar keine freien Kapazitäten mehr haben und uns die Lebensmittel nicht abnehmen konnten. Die Einrichtungen werden dann überhäuft, wenn plötzlich dieses Verschenk-Syndrom auftritt. Dieser Anfall von Nächstenliebe ist schon interessant, weil es im Februar schon wieder ganz anders ausschaut.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Weihnachten ist eine emotionsaufgeladene Zeit und für mich irgendwie kurios. Denn auf einmal bricht die Nächstenliebe aus und zu anderen Zeiten nicht. Wenn ich aber nach gewissen Werten lebe – ich bin nicht nur für mich verantwortlich, sondern in einem gewissen Maß auch für mein Rundherum – ist das selbstverständlich, das ganze Jahr über so zu handeln.

Sie sind in einfachen und eher armen Verhältnissen aufgewachsen. Führen Sie ihr Engagement darauf zurück?

In meiner Erziehung haben Werte eine sehr große Rolle gespielt, auch wenn meine Eltern nicht darüber gesprochen haben. Sie haben es mir vorgelebt. Ich wollte nach der Schule studieren, aber auch rasch Geld verdienen und eine eigene Wohnung haben. Ich habe von 20 bis 30 wie eine Besinnungslose gearbeitet. Ohne Urlaub, teilweise ohne Wochenende. Aber ich hatte dann, was ich wollte: Eine Eigentumswohnung, ein eigenes Haus und ich war selbstständige Steuerberaterin. Allerdings bin ich dann ein bisserl umgefallen. Das, was man wahrscheinlich heute Burn-Out nennt.

Dann haben Sie eine Familie gegründet.

Richtig, nach einer Erholungszeit habe ich geheiratet und dann kamen zu meiner Überraschung vier Kinder in fünf Jahren. Dann hat sich das Steuerberaten natürlich aufgehört, damit ich meine Kinder so erziehen kann, wie es mir wichtig ist. Etwa 18 Jahre habe ich nur in die Familie investiert. Aus finanzieller Sicht gab es dann ein böses Erwachen. Denn obwohl ich früher sehr gut verdient und viel Geld in die Pensionsversicherung eingezahlt habe, hatte ich letzten Endes zu wenige Jahre. Und was ich heute als Pension habe, das ist sehr bescheiden. Aber es war meine freie Entscheidung, dass ich mich ausschließlich meinen Kindern widme.

Und schließlich erfüllten Sie sich ihren lang gehegten Traum eines Studiums.

Nach dem die Kinder aus dem Haus waren, habe ich mit dem Philosophiestudium (Schwerpunkt Ethik, Anm.) an der Universität Salzburg angefangen. Noch während des ersten Studienabschnitts habe ich den Verein VIEW gegründet. Rückblickend wäre es wohl besser gewesen, das Studium zuerst zu beenden. Das steht aber bald endlich bevor.

Warum haben Sie den Verein VIEW gegründet?

Den Fokus darauf zu Lebensmittel zu retten, hat auch etwas mit meiner Kindheit zu tun. In den 1950er-Jahren war es undenkbar, auch nur ein Stück altes Brot wegzuwerfen. Ich bin sparsam erzogen worden und weiß, dass in der Marktwirtschaft bei Unternehmen aus mehreren Gründen immer etwas übrig bleibt, das vernichtet wird. Mein Fokus lag nicht darauf, jemanden damit aus der Armut rauszuholen, was ja gar nicht geht. Ich wollte Lebensmittel, die durch die Marktwirtschaft bedingt da sind und nicht verkauft werden können, irgendwo abladen, wo es Sinn macht.

Keine selbstverständliche Haltung.

Es geht dabei auch um die Schöpfungsverantwortung. Jeder hat eine Verantwortung für unsere Erde und die Ressourcen. Infolgedessen haben die Unternehmen eine Verantwortung – auch nach dem Verursacherprinzip – mit dem Überschuss vernünftig umzugehen. Zumal es klimaschädlich ist, einfach alles zu vernichten.

Doris Kiefel, Sonntags-Talk, VIEW SALZBURG24
Doris Kiefel im Gespräch mit Redakteur Thomas Pfeifer.

Damals wurde ich mit meinem Vorhaben ganz seltsam angeschaut. Das hat sich zum Glück sehr zum Positiven verändert. Irgendjemand soll die Lebensmittel essen. Hauptsache sie kommen nicht auf den Müll.

Was wollen Sie damit bezwecken?

Es soll ein Umdenken in der Wirtschaft stattfinden und ein Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel entstehen. Am Ende könnten Unternehmen Vorbild für Privatpersonen sein. Denn was im Hausmüll weggeworfen wird, ist beinahe mehr als Handel, Gastronomie und Produktion zusammen. Die größten Wegwerfer sind wir alle. Das ist ja das Problem.

Was wird alles sinnlos weggeworfen?

Wenn es ums Mindesthaltbarkeitsdatum geht, werden viele rasch hysterisch. Dabei ist es so einfach zu testen, ob ein Lebensmittel noch genießbar ist: Aufmachen, anschauen, riechen und probieren. Und wenn nichts schimmelt, kann es gegessen werden. Oft wäre Hirn einschalten gefragt, das ist etwas ganz Wichtiges.

Welche Einrichtungen werden vom Verein VIEW unterstützt?

Wir geben die Lebensmittel ausschließlich an gemeinnützige Einrichtungen weiter, in Salzburg haben wir etwa 50 Kunden. Unser Verein hat kein Lager, sondern lediglich ein Auto mit 700 Kilo Fassungsvermögen. Es muss also immer rasch vonstatten gehen. Und bislang haben wir alles geschafft und mussten noch nichts ablehnen.

Und woher kommen die Lebensmittel?

Zum absoluten Großteil beziehen wir die Lebensmittel von 30 bis 35 Produktionsbetrieben in und um Salzburg. Das sind große Mengen, weshalb wir mit dem Handel nichts zu tun haben. Wenn in der Produktion was übrig bleibt, dann sind das meistens mehrere Paletten. Und das sind wiederum Größenordnungen, die für einzelne Einrichtungen überhaupt nicht zu bewältigen sind. Dann kommen wir ins Spiel. Wir holen die überschüssige Ware – von Mineralwasser über Eis und Joghurt – kostenlos ab.

Wer macht bei VIEW mit?

Mit bis zu 25 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind wir zu wenig. Für sie zählt das Soziale, darum machen sie mit. Besonders wenn man sieht, was sie mit unserer Arbeit bewirken können. Pensionisten sind dank ihrer Tagesfreizeit als Fahrer dabei. Andere kümmern sich beispielsweise um den Telefondienst. Unser Hauptproblem ist, dass uns zu viele Firmen schlichtweg nicht kennen und nicht wissen, wie einfach es ist, mit überschüssigen Lebensmitteln aus der Produktion umzugehen.

Und wie finanziert sich der Verein?

Der Verein finanziert sich über Vereinsbeiträge (25 Euro im Jahr, Anm.). Niemand muss mitarbeiten, aber jeder kann Mitglied werden und uns damit unterstützen. Logos der Firmen werden zudem als Werbung auf unser Auto geklebt. Ich brauche keine Unterstützung der Politik, sondern findige Unternehmer aus der Wirtschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge via Mail.

(Quelle: SALZBURG24)

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