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Erschreckende Taten

Warum werden Menschen zu Tierquälern?

Serie an brutaler Gewalt an Hunden und Co

Tier, Hund, Schnauze, SB Pixabay/CC0
Die aktuelle Serie an Tierquälereien schockiert. (SYMBOLBILD)

Eine Tat schockierender als die vorherige: Aktuell machen brutale Tierquälereien Schlagzeilen. Die Reaktionen darauf sind besonders emotional. Leben doch über zwei Millionen Katzen und mehr als 800.000 Hunde in Österreichs Haushalten. Was aber bringt Menschen dazu, Tieren Gewalt anzutun?

Es klingt wie aus einem schlechten Film, ist jedoch leider traurige Realität. Innerhalb von nur einer Woche wurden im Grazer Stadtgebiet zwei gehäutete Katzen aufgefunden. Jener Samtpfote, die erst am letzten Wochenende entdeckt wurde, war der Bauch aufgeschnitten worden, das abgezogene Fell hing noch am Körper.

Schockierende Berichte aus Oberösterreich

Bereits Anfang Juli wurde in Ried in Oberösterreich eine Ente mit abgeschnittenen Beinen und gestutzten Flügeln entdeckt. Als das noch lebende Tier gefunden wurde, hatten sich in den offenen Wunden der Beinstumpen bereits Fliegenmaden eingenistet.

Am Donnerstag wurde schließlich ein weiterer Fall aus Oberösterreich bekannt, bei dem ein Kaninchen und ein Meerschweinchen in einem Käfig von Unbekannten getötet worden sein sollen. Das Kaninchen habe eine erhebliche Kopfverletzung aufgewiesen, teilt die Polizei mit. Ausgelegte Giftköder entlang von Spazierwegen fordern zudem regelmäßig Hundeopfer.

Unfassbar!

Gepostet von SALZBURG24 am Samstag, 18. Juli 2020

Die User-Kommentare zu den auf Facebook geposteten Beiträgen sind äußerst emotional. Statt des typischen "Daumen hoch" wird deutlich häufiger auf das weinende oder das wütende Emoji geklickt, wie das jüngste Posting zu den Katzen in Graz darlegt.

Auswirkung von medialer Gewalt auf Kinder

Viele User zeigten sich nicht nur schockiert, sondern äußerten auch ihr Unverständnis. Was bringt Menschen dazu, sich gewalttätig gegenüber wehrlosen Tieren zu verhalten?

"Da gibt es wohl keine monokausale Erklärung", so die Juristin Eleonora Hübner, die sich an der Universität Salzburg am Fachbereich Strafrecht und Strafverfahrensrecht unter anderem mit forensischer Psychologie und Kriminologie befasst. Gerade bei jungen Tätern scheint die gehäufte mediale Gewalt in manchen Fällen unter bestimmten Voraussetzungen eine Auswirkung zu haben, ist sie überzeugt. "Wenn Kinder von Lebensbeginn an immer wieder wüsteste Gewaltdarstellungen sehen und die Eltern nicht gegensteuern oder eine Vorbildfunktion einnehmen, kann das durchaus das Gewaltpotenzial erhöhen", erläutert sie. Es müsse dabei nicht unbedingt ein brutales Videospiel sein, sondern auch Märchen und scheinbar harmlose Zeichentrick-Serien würden enorme Brutalität zeigen. Als Beispiel führt sie die altbekannte Comic-Serie "Tom und Jerry" an. Darin wird der Katze von der Maus regelmäßig auf den Kopf geschlagen oder anderes Schmerzvolles angetan. Kater "Jerry" allerdings übersteht dies jedes Mal unbeschadet. "Wenn Eltern hier nicht aufklären, können vor allem kleinere Kinder nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden", so Hübner. Liebe und Aufmerksamkeit innerhalb der Familie spiele ebenfalls eine große Rolle, nicht nur im Kindesalter.

Fokus auf ethisches Bewusstsein

Man werde zwar niemals jede einzelne Tat verhindern können, "aber wenn generell schon ab dem frühen Kindesalter der Fokus auf dem ethischen Bewusstsein und auf den Bedürfnissen von Tieren als fühlende Wesen liegt, wird späteren Gewaltausbrüchen und Quälereien zumindest vorgebeugt", ist auch Veronika Weissenböck von der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" überzeugt.

Verfolgt man die Berichte der letzten Wochen, drängt sich das Gefühl auf, die Taten würden immer gewaltvoller und auch sadistischer. Diese Einschätzung teilt auch Hübner. Laut ihr nehme zwar die Quantität der Fälle nicht sonderlich zu, jedoch deren Qualität. Dies sei aber nicht nur bei Straftaten gegenüber Tieren zu bemerken, sondern zeige sich bei allen Verbrechen. "Bei einer Rauferei hörte man früher auf, wenn jemand am Boden lag. Heute gibt es immer wieder Fälle, in denen gerade dann noch drauf getreten wird", merkt sie an. 

Werden Tierquäler auch gegenüber Menschen gewalttätig?

Für den renommierten Kriminalpsychologen Reinhard Haller komme vor allem bei erwachsenen Tierquälern zu dem erhöhten Aggressionspotenzial und fehlendem Mitgefühl gegenüber anderen Lebewesen auch noch eine sadistische Natur dazu, wie er am Dienstag gegenüber den Salzburger Nachrichten (SN) erklärte. Die psychologische Störung sei als schwerwiegender einzustufen, je vermenschlichter das Tier sei, also je eher es als Haustier gehalten werde. 

Die Gefahr, dass notorische Tierquäler sich im weiteren Verlauf auch an Menschen vergehen, sehen sowohl Haller als auch Hübner gegeben. "Es ist aber zu kurz gegriffen zu sagen, wer Tieren etwas antut, vergeht sich auch an Menschen. Jeder Einzelfall muss individuell betrachtet werden", stellt die Juristin klar. Bei den Vorfällen der jüngsten Vergangenheit sei jedenfalls ein erhöhtes Gewaltpotenzial erkennbar.

Sie schätzt die kriminelle Energie bei Tätern, die Giftköder auslegen ebenfalls als sehr hoch ein. Hier werde zwar keinem Tier aktiv Gewalt angetan, doch es handle sich dabei auch um eine bewusste Tat, bei der Leid oder der Tod eines Lebewesens das Ziel ist.

 

Nicht jede Tierquälerei eine Straftat

Die aktuelle rechtliche Lage in Bezug auf Gewalttaten gegenüber Tieren ist vor allem von Tierschützern umstritten. Denn nicht jede Tierquälerei ist dabei strafrechtlich relevant, sondern bei weniger schweren Fällen ein Tatbestand nach dem Verwaltungsrecht. Dafür stehen Geldstrafen. Der Strafrahmen im Strafrecht sieht für besonders schwere Tierquälerei eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren vor.

(Quelle: SALZBURG24)

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Höhere Strafen für Tierquäler gefordert

Hund Waldi Pfotenhilfe Lochen

Wieso es nach wie vor zu zahlreichen Fällen der Tierquälerei in Österreich kommt und was sich daher ändern muss, erklärt Jürgen Stadler von der Pfotenhilfe Lochen im S24-Gespräch. Hier könnt ihr das Interview vom April 2019 nachlesen.

Rechtlich sind Fälle, bei denen Tiere involviert sind, komplex, wie Stadler berichtet: "Zum einen fällt das mutwillige Töten oder die Zufügung von Qualen an Tieren unter das Strafgesetz." In diesen Fällen liegt das höchste Strafmaß bei zwei Jahren. "Als Tierquälerei gelten alle aktiven Handlungen, durch die das Tier zu Schaden kommt", klärt der Experte auf. Setzt ein Besitzer sein Tier aus, fällt dies ebenso zwingend unter Tierquälerei.

Wenn das Lebewesen zur Sache wird

"Unter das Verwaltungsrecht fallen jene Delikte, bei denen Besitzer oder Halter etwas zulassen oder dulden. In diesen Fällen ist der Strafrahmen bedeutend schwächer, hier werden nur Geldstrafen verhängt", weiß der Tierschützer. Kurios zudem: Erschießt ein Jäger beispielsweise unbeabsichtigt ein Haustier, fällt dies unter Sachbeschädigung. Der Schütze muss dem Besitzer in diesen Fällen nur den Sachwert des Tieres bezahlen.

Stadler: Tierschutznovelle hilft nicht

Erschwerend hinzukommt, dass das Tier laut österreichischem Gesetz kein Rechtssubjekt wie ein Mensch ist: "Das heißt, dass es jemanden braucht, der für das Tier Anzeige erstattet. Oft kräht aber kein Hahn danach", betont Stadler. Verfahren würden daher häufig fallen gelassen, weil niemand die Rechte der Tiere einfordere, kritisiert der Tierschützer. Zwar sei man bei der Pfotenhilfe darum bemüht, allerdings fehle dem Tierschutzhof die nötige Rechtsstellung dazu.

Auch die Gesetze der Tierschutznovelle 2017 würden nicht wie gewünscht greifen, wie der Experte berichtet: "Nicht bewilligte Züchter dürfen beispielsweise keine Tiere mehr über das Internet verkaufen. Das kontrolliert aber niemand. Es hat auch niemand Zeit und Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt bekommen." 

Pfotenhilfe fordert schärfere Strafen

Damit solche Vorfälle künftig weniger werden, nennt der Experte mehrere Maßnahmen: "Der Strafrahmen muss höher werden. Sowohl die finanzielle Strafhöhe im Verwaltungsrecht, als auch der Rahmen der Freiheitsstrafe." Außerdem fordert Stadler verschärfte Kontrollen: "Es gibt pro Bezirk einen Amtstierarzt, der das Wohl der Tiere kontrollieren kann. Hier muss die Kontrollfrequenz verschärft werden. Bei Tierheimen ist diese jährlich, bei Landwirten einmal alle 50 Jahre und bei Privathaushalten gibt es gar keine", moniert der Tierschützer. Außerdem gebe es überhaupt keine Meldepflicht für Tiere in Privathaushalten, mit Ausnahmen bei Wildtieren und die Chip-Registrierungspflicht bei Hunden.

Dass Fälle von Tierquälerei an die Öffentlichkeit geraten, sei daher oft vom Zufall abhängig. Verschärfte Gesetze und Kontrollen sollen den Faktor Zufall in Zukunft minimieren, geht es nach Stadler.

Aufgerufen am 30.11.2020 um 05:32 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/serie-an-tierquaelereien-was-bringt-menschen-zu-solchen-gewalttaten-90549115

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