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Perspektivenwechsel

Setzen wir Corona die Krone auf!

Wie das Virus uns Menschen verändert

Coronavirus Pixabay
Das Coronavirus verändert den Menschen selbst und alle seine Lebensbereiche.

Corona hat uns in den vergangenen Wochen und Monate ordentlich durchgerüttelt. Der neue Alltag formt sich noch, viele Fragen sind offen und die Spuren der Krise nicht zu übersehen. Die Veränderungen durchdringen nicht nur alle Lebensbereiche, sondern treffen auch unser Innenleben. Unsicherheiten, Ängste und Sorgen begleiten viele von uns. Wir wagen einen Perspektivenwechsel.

1.281 bestätigte Coronavirus-Fälle zählt man derzeit (Stand: 9. Juli 2020) in Salzburg, österreichweit sind es 18.513 und weltweit rund 12 Millionen. Davon sind über die Hälfte mittlerweile wieder genesen, rund 549.000 Menschen sind an und mit Covid-19 gestorben. Soweit die Fakten. Auch ein Fakt: Das Virus hat das Leben eines jeden von uns verändert. Nichts ist mehr so, wie es war und es wird auch nicht mehr so sein. Was genau macht das mit uns Menschen? Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, wechseln wir die Perspektive und schauen statt wie bisher auf die Äußerlichkeiten des Leben – diesmal auf unser Innenleben. Was von der Krise bleibt und welche Chancen uns diese Zäsur bringen kann, darüber haben wir mit Marion und Bernhard Hötzel von der Schule von Achtsamkeit, Meditation und Bewusstsein in Mondsee (Oberösterreich) gesprochen.

SALZBURG24: Am 13. März dieses Jahres kam das Coronavirus, drei Tage später der Shutdown, danach Abstandsbeschränkungen, Masken und ganz viel Unsicherheit. Heute, etwa vier Monate später, sind die Geschäfte wieder offen und wir tragen größtenteils keine Masken mehr – im Moment zumindest. Was ist von der Krise geblieben?

MARION: Das können wir noch nicht genau sagen. Wir merken aktuell Vorsicht und es gibt auch noch Ängste. Das sind Ängste vor einem unsichtbaren Feind, vor einer unsichtbaren Bedrohung. Diese Bedrohung kann man kleinreden oder man kann mit Verschwörungstheorien an die Sache herangehen, aber in der Realität hilft das alles nichts.

Was wir jetzt auf jeden Fall schon sagen können, ist: Corona hat uns verändert, ob wir wollen oder nicht. Mit Corona gab es eine plötzliche Veränderung, die von außen kam. Und wir haben bemerkt, dass so etwas Kleines uns an den Tod erinnert. Und zwar nicht nur an den der Menschheit, sondern an unseren eigenen. Und das macht etwas mit uns.

BERNHARD: Die Krise hat uns an die Endlichkeit erinnert aber auch an Dinge, die wir vielleicht schon vergessen hatten. Wir wussten nicht mehr, was Unsicherheit oder Hilflosigkeit bedeutet und wir wussten auch nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn das geplante Leben unterbrochen wird. Heute brauchen wir zwar keine Maske mehr und trotzdem ist das Einkaufserlebnis nicht mehr das, was es einmal war. Corona hat eine kleine Zäsur gebracht und wir sind wieder mit Strömungen in Kontakt gekommen, die wir in der Oberflächlichkeit des Lebens vielleicht schon vergessen hatten.

Viele von uns sind in den vergangenen Wochen und Monaten mit Existenzängsten, Zweifeln und Ohnmachtsgefühlen in Berührung gekommen. Wie geht man mit solchen Gefühlen und Gedanken um und wie kann man eine Negativ-Spirale vermeiden?

MARION: Der erste Schritt ist, dass wir uns sagen können, das ist in mir und ich fühle das gerade. Und damit wagen wir den Schritt heraus und wechseln die Perspektive. Ich hinterfrage mich: „Ist es tatsächlich so, dass ich um meine Existenz bange? Ist es tatsächlich so, dass ich so einsam bin? Ist es tatsächlich so, dass ich bedroht bin?

Daraus ergibt sich dann der zweite Schritt: Die Frage nach dem „Warum“. Warum habe ich dieses Gefühl, obwohl es tatsächlich eben nicht so ist. Wenn etwas in mir ist, das nicht ich bin, hat das meistens mit der Vergangenheit zu tun. Das sind meistens Erinnerungen an Gefühle, Situationen, die wir als Kinder hatten und die zu diesem Zeitpunkt tatsächlich auch existenziell waren. Wenn zum Beispiel die Mama eine viertel Stunde später kommt als verabredet, kann das für ein Kind existentiell sein, es fühlt sich alleine und verlassen. Für die Mutter ist es lediglich eine Verspätung. Woher kommt also das Gefühl, das in mir ist – genau da müssen wir hinschauen. Da kann sowohl die Meditation helfen, aber auch die gute alte Hauspsychologie. Und man kann sich auch selbst helfen, indem man einfach mal aufschreibt, was einen beschäftigt und welche Gefühle das in einem auslöst. Das ist ein Weg, kein leichter, aber ein Weg.

BERNHARD: Die Ängste und Unsicherheiten, die jetzt an die Oberfläche kommen, haben wir ja eigentlich immer. Nur haben wir gelernt, uns davon abzuwenden und sie hinten anzustellen. So kann es ebenso hilfreich sein, sich dieser Gefühle bewusst zu machen, indem man einen Freund oder eine Freundin anruft und mit ihm oder ihr die Ängste teilt. Und durch dieses Teilen kann dann ein Gefühl entstehen, dass ich mich in der Gesellschaft wieder aufgehoben fühle. Es entsteht wieder eine Art Verbundenheit.

Was können wir als Gesellschaft aber auch als Einzelner aus der Krise lernen?

MARION: Was wir auf jeden Fall gelernt haben, ist, dass wir nichts wissen. Auf die Wissenschaft können wir uns nicht verlassen, denn selbst die wusste nichts über das Virus. Man wusste alles, und doch wusste man nichts und man konnte sich nicht auf das verlassen, was man wusste. In einer solchen Situation gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich eine Entscheidung zu treffen und mit dieser zu leben, solange bis wir einen anderen Weg einschlagen können. Das heißt, es bringt uns nichts, uns gegen Entscheidungsprozesse der Regierung aufzulehnen, das kostet nur Energie.

BERNHARD: Ich glaube, dass wir als Gesellschaft durch konstruktives Handeln jedes Einzelnen eine riesige Möglichkeit haben, all die Dinge, die wir in den letzten 20 Jahren versäumt haben, neu anzugehen. In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gibt es einen riesigen Reformstau und das neue Neu kann uns vielleicht lernen, anders miteinander umzugehen und Dinge, die zu tun sind, anzupacken. Und ich glaube dadurch werden wir fantasievoller und begrenzen uns selbst weniger.

Es heißt ja, jede Krise bringt Chancen mit sich. Welche Chancen könnt ihr zum jetzigen Zeitpunkt ganz konkret erkennen – sowohl für die Gesellschaft, als auch für den Einzelnen.

MARION: Für die Gesellschaft sehe ich die Chance zueinander zu finden. Wir haben gelernt, dem anderen wieder Aufmerksamkeit zu geben. Wir haben gelernt, wieder zu teilen, in dem wir unsere Ängste und Unsicherheiten formulieren und aussprechen. Wir haben jetzt die Chance, dass uns bewusst wird, dass wir der Staat sind. Wir haben eine Verantwortung dafür, dass es uns als Bürger dieses Staates gut geht und ich hoffe, dass es lauter wird, dass wir uns mehr empören und das durchsetzen, was dem Gemeinwohl dienlich ist.

BERNHARD: Für den Einzelnen ergibt sich die Chance, zu erkennen, dass die Handlungen, die ich im Alltag setze, sehr wohl eine Wirksamkeit besitzen. Dass es eben nicht egal ist, ob ich meine Zigarettenkippen in den Rasen oder meine Plastikflaschen in den Haushaltsmüll schmeiße. Kurz, dass ich begreife, dass ich als Einzelner tatsächlich Möglichkeiten besitze, das große Ganze in eine Richtung mit zu beeinflussen, weil wir eben ein Teil davon sind. Die entscheidende Frage für mich ist in diesem Zusammenhang jedoch: Inwieweit sind wir als Einzelner dazu bereit, ein bisschen von der individuellen Freiheit zu opfern für ein größeres Wohlbefinden in der Gemeinschaft.

Wie geht es eurer Meinung nach weiter?

MARION: Das, was auf uns zukommt, ist eine Revolution. Und ich bin dafür, dass wir sagen, ja wir gehen diese Schritte und nehmen die Menschen mit, die durch Corona aus dem System gefallen sind, ihren Job verloren haben, oder für die eigentlich kein Platz mehr ist. Wir vergessen sie nicht, so wie wir das in der Vergangenheit gemacht haben. Und dass wir dafür genügend Geld zu Verfügung haben, haben wir ja gerade jetzt gesehen. Wir sollten also weiterhin dabei bleiben, das Geld für die vielen Menschen auszugeben, die wir sind – und nicht für die wenigen.

(Quelle: SALZBURG24)

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"Meditation als trockene Übung hat keinen Wert"

ZENtrum Mondsee SALZBURG24/Wurzer
SALZBURG24 besucht Marion und Bernhard Hötzel von der Schule für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee

Wer Ruhe und Gelassenheit sucht, stößt heute immer häufiger auf das Schlagwort Meditation. Die zahllosen Angebote im Netz versprechen Entspannung, inneren Frieden und Glück – ja manche sogar die Erleuchtung. Das klingt doch eigentlich ganz verlockend, oder? Realistisch ist das freilich nicht ganz. Was Meditation tatsächlich bedeutet, erklären uns Marion und Bernhard Hötzel von der Schule für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee (OÖ).

Während Meditation – übrigens ein Oberbegriff für viele unterschiedliche Methoden der Geistesschulung, die nicht zwingend im Lotussitz erfolgen muss – bis vor 20 Jahren noch in der Esoterik angesiedelt wurde, ist die Wirksamkeit heute durch zahlreiche Studien belegt. Regelmäßige Praxis wirkt auf die Gehirnwellen, stärkt unter anderem die Konzentration und schult unser Mitgefühl.

Die mittlerweile unbestrittene und verifizierbare Wirkung von Meditation führt auch in Österreich zu eine Fülle an neuen Yoga-Zentren, Achtsamkeitsschulen und den unterschiedlichsten Angeboten – online wie offline. Bei der Suche nach der für sich „richtigen“ Methode kann das schon so manchen überfordern.

Marion und Bernhard Hötzel meditieren seit 40 Jahren und geben seit zehn Jahren ihr Wissen darüber als Lehrer in ihrer Schule für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee weiter. Das Paar legt dabei den größten Wert auf die Integration der Praxis in den Alltag. Ihr Credo: „Eine Meditation als trockene Übung auf einem Sitzkissen hat keinen Wert.“ Wir haben das Paar zum Interview getroffen.

 

Zwei Meditationslehrer im Interview

SALZBURG24: Wo finde ich die für mich richtige Übung?

BERNHARD: Die Angebote sind heute extrem vielfältig und oft ist es so, dass es darum geht, mit der Meditation etwas an uns zu optimieren. Doch die eigentliche Meditation lässt diesen Optimierungsgedanken vollkommen beiseite. Denn es geht beim Meditieren lediglich darum, sich selbst zu erfahren und in weiterer Folge die Möglichkeit zu entwickeln, das dann auch anzunehmen.

ZENtrum Mondsee SALZBURG24/Wurzer
SALZBURG24 besucht Marion und Bernhard Hötzel von der Schule für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee

MARION: Zunächst sollte man sich klar machen, wozu will ich das? Um Ruhe und Gelassenheit zu erlangen, muss ich nicht unbedingt meditieren. Ich kann dafür auch ins Fitnessstudio oder auf den Berg gehen. Bei langen Wanderungen oder einer Skitour beispielsweise kann ich ebenso mit mir in Kontakt sein und runterkommen. Doch wenn Fragen auftauchen, wie: wer bin ich, wozu bin ich hier, habe ich eine Aufgabe und wo kann ich die finden, dann braucht es dazu schon auch ein bisschen Psychologie. Das bedeutet, wenn ich meditieren will, kann ich mich entweder damit beschäftigten, besser zu werden, mich aus der Masse abzuheben, mir etwas Besonderes aneignen zu wollen, oder ich kann in Meditation gehen, weil ich wirklich wissen möchte, wer bin ich. Und darüber sollte man sich bei der Auswahl aus den Angeboten im Klaren sein.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Meditierende ins Esoterik-Eck gestellt. Das ist heute nur noch zum Teil so, aber immer noch vorhanden. Wo seht ihr die Abgrenzung zwischen Meditation und Esoterik?

MARION: Die Grenze hat sich entwickelt. Wenn wir 100 Jahre zurückschauen, war die Wissenschaft noch gar nicht so weit, dass sie Meditation erklären konnte. Also brauchten wir Bilder und Geschichten, um unser Innenleben zu beschreiben. Und da kommt es unweigerlich zu Missverständnissen. Heute wissen wir, dass Meditation in unserem Gehirn wirkt und wie die regelmäßige Übung unsere Neurobiologie und unsere Genetik verändern kann. Ich glaube, heute ist Meditation nicht mehr Esoterik. Für mich ist sie eine ganz moderne Neurologie und die einzige Möglichkeit selbst zu erkennen, wie funktioniere ich als einzelnes Wesen.

BERNHARD: Die Frage, ob Meditation wirkt, ist empirisch beantwortet. Heute geht es darum, herauszufinden, wie wirkt Meditation beim Einzelnen. Welche Fragen kommen konkret auf und wie kann man Meditation in den Alltag einbauen. Dementsprechend hat Meditation als trockene Übung auf einem Sitzkissen für uns auch keinen Wert. Wertvoll wird sie, wenn ich sie nutzen kann, um mich selbst in einem tieferen Sinn zu erkennen und dieses tiefere Erkennen dann auch in mein Umfeld und Gespräche mit meinen Mitmenschen hineinbringe.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

MARION: Wenn ich jemandem neu begegne, wie ist meine Haltung zu dieser Person? Binnen Millisekunden haben wir Vorurteile über Menschen gefällt. Das geht ganz schnell und ist manchmal grausamer als ein Krieg. Wir sind oft so fest im Kopf, dass wir uns nicht vorstellen können, dass in dem anderen Menschen noch etwas anderes sein kann, das meine Neugierde auch weckt – einfach weil ich erkenne, da ist ein anderes Menschenwesen, das mich interessiert. Und Meditation schult unsere Empathie. Wir werden wacher und offener und schauen plötzlich auch auf andere Kulturen, auf andere innere Haltungen – und das bereichert uns.

Über Marion und Bernhard Hötzel

Marion und Bernhard Hötzel haben 2010 das Institut für Meditation, Achtsamkeit und Bewusstsein in Mondsee in Oberösterreich gegründet. Ihre Arbeit beschreiben sie als Pionierarbeit für das Bewusstsein. Beide sind Meditationslehrer und ausgebildet in humanistischer Psychologie. Sie haben in den vergangenen 40 Jahren verschiedenste Traditionen der Meditation gelehrt bekommen, waren in Klöstern und lebten in Ashrams in Asien.

Aufgerufen am 15.08.2020 um 02:24 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/setzen-wir-corona-die-krone-auf-89952253

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