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Sonntags-Talk

"Klimawandel ist kein Scherz"

Leiterin des Sonnblick Observatoriums im Interview

Das Sonnblick Observatorium im Pinzgau ist die höchstgelegene Messstation Österreichs. In Betrieb ist sie bereits seit 1886. Seit 2016 ist Elke Ludewig Chefin über das Reich auf mehr als 3.000 Metern Seehöhe. Im Sonntags-Talk erzählt die 32-Jährige, was die Messdaten vom Sonnblick besonders macht, warum sie abgeschiedene Orte so faszinieren und betont, dass sich den Klimawandel niemand ausgedacht hat.

Extreme Orte ist die Meteorologin gewohnt – vor ihrer Zeit im Pinzgau hat sie ein Jahr lang das meteorologische Observatorium der deutschen Neumayer-Polarforschungsstation in der Antarktis geleitet. Ludewig ist in München geboren und aufgewachsen, hat aber schon als Kind viel Zeit in Salzburg verbracht. Ihre Mutter kommt aus dem Pongau. Wie oft sie den Sonnblick bereits zu Fuß erklommen hat, kann sie nicht genau sagen. Beim ersten Mal war sie aber gerade einmal fünfeinhalb Jahre alt.

SALZBURG24: Frau Ludewig, war das ein Heimkommen, als Sie die Leitung des Sonnblick-Observatoriums übernommen haben?

ELKE LUDEWIG: Als ich die Stellenausschreibung für den Sonnblick gelesen habe, dachte ich mir, es wäre echt toll, diesen Beruf in meiner Heimat auszuüben. Das gibt es hier im Gebirge oft nicht mehr, gerade in den Erdsystemwissenschaften muss man in andere Städte gehen.

Haben Sie eigentlich ein Faible für abgeschiedene Orte? Zuerst die Antarktis, dann der Sonnblick…

In gewisser Weise schon (lacht). Es ist interessant, dass diese Extrem-Orte unglaublich wichtig sind für das Verständnis von Meteorologie und Klima. Denn sie liefern Daten, die Gold wert sind für die Wissenschaft. Deswegen ist es mir auch ein Herzensanliegen, dass diese Stationen erhalten bleiben. Es ist schwierig, es kostet Geld – ich bin jedem Steuerzahler furchtbar dankbar, dass wir das so betreiben können.

Was macht die Meteorologie für Sie so besonders?

Einerseits, dass die Menschen davon total betroffen sind und davon abhängen. Gerade auch, wenn es um den Klimawandel geht. Es ist für mich auch wichtig zu zeigen: Wir haben tatsächlich ein Problem, das hat sich niemand ausgedacht, das ist kein Scherz.

Der Sonnblick gilt als Klimabotschafter. Inwiefern ist der Klimawandel dort oben sichtbar?

Wir messen die Veränderung, wir haben das schwarz auf weiß. Sehen tun wir es verstärkt bei den Gletschern, die immer öfter im Sommer schneefrei sind. Und gerade beim Gletschertor sieht man, wie er zurückgeht. Permafrost ist auf mehr als 3.000 Metern auch ein ganz großes Thema. In den letzten Jahrzehnten hat der Permafrost aufgrund der Temperaturerhöhung gelitten, weshalb von 2007 bis 2011 Felssanierungsarbeiten am Sonnblick stattfinden mussten. Man hat Anker in den Fels gebohrt und zementiert, damit der Gipfel stabilisiert wird und Ausbrüche durch Permafrostsprengungen verhindert werden können.

Sonnblick-Observatorium ZAMG/SBO
Das Observatorium auf dem Sonnblick würde ohne technische Hilfe bereits kurz vor dem Absturz stehen.

Wie schlägt sich der Klimawandel in den Messdaten wieder?

An den Messdaten ist besonders, dass wir den Parameter Temperatur über 133 Jahre lang gemessen haben. Speziell ab den 80er-Jahren sehen wir einen extrem positiven Trend, seither haben wir eine Erwärmung von fast zwei Grad am Sonnblick. Auch mit der Sonnenscheindauer haben wir eine gute Zeitreihe und mit CO2, das auch immer mehr zunimmt.

Am Sonnblick kann man CO2 messen, wie es in der Atmosphäre vorkommt. Eine Messanlage in der Stadt wird ständig beeinflusst, da sind Peaks, die den Mittelwert verwischen. Deswegen ist das Sonnblick-Observatorium in Österreich die einzige Station, die klimarelevantes CO2 messen kann. Das ist ein Auftrag der UN (United Nations, Anm.) im Rahmen des Klimaabkommens von Paris.

Sind diese langen, durchgehenden Messungen auch etwas, die das Sonnblick-Observatorium so besonders machen?

Auf alle Fälle. Gerade in dieser Höhe gibt es derzeit nichts Vergleichbares. Wir haben nur vier Tage Unterbrechung nach dem ersten Weltkrieg, als das Militär abgezogen ist: Das ist wirklich einzigartig. Und ein Schatz für ein Klimamodell, das die Zukunft zeigen soll. Das lässt man erst einmal die Vergangenheit durchrechnen. Und diese Simulationsdaten muss man mit irgendetwas vergleichen. Dafür sind solche Zeitreihen ungemein wichtig. Je länger die sind, umso besser kann man es prüfen. Und erst, wenn dieses Klimamodell die Vergangenheit gut wiedergibt, kann man – vereinfacht gesagt – die Zukunft berechnen und sagen, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso passiert.

Sonnblick-Observatorium ZAMG/SBO
Elke Ludewig an ihrem Arbeitsplatz auf mehr als 3.000 Metern Seehöhe.

Sie haben zuvor gesagt, dass sich eine Erwärmung von zwei Grad bereits beobachten lässt. Das Ziel der Weltgemeinschaft ist es jedoch, die Erwärmung möglichst unter zwei Grad zu halten. Wie viel Zeit bleibt noch?

Das Aufhalten oder bei welcher Gradmarke wir letztendlich landen, hängt tatsächlich davon ab, wie wir uns in Zukunft verhalten. Es ist sehr schwer, das zu prognostizieren, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein globales Problem ist. Es ist super, wenn jeder einzelne versucht, sein Bestes zu tun. Aber das reicht nicht. Jedes Land muss Maßnahmen setzen, die Industrie muss Maßnahmen setzen, um dieses Ziel zu erreichen. Es ist ein unglaublich komplexes Thema, DIE eine Superlösung gibt es nicht. Deshalb ist es für Politiker, denke ich, auch so schwer Maßnahmen zu ergreifen und Gesetze zu erlassen. Wenn wir nichts machen, geht es weiter steil bergauf.

Wann haben wir die zwei Grad erreicht, wenn wir so weitermachen wie bisher?

Wir haben Klimamodelle, die das berechnen, und man geht davon aus, dass es zwischen 2050 und 2100 passieren wird.

Neben den Messungen und ihrer Leitungsarbeit bleibt wenig Zeit, für eigene Projekte. Wenn Sie aber könnten: Was würden Sie am Sonnblick erforschen wollen?

Ich bin sehr an Wolken interessiert und ein neues Programm, das wir derzeit aufbauen heißt ACTRIS – Aerosol Cloud and Trace Gas, also Aerosol, Wolken und Spurengas-Messungen. Da ist die EU auf uns zugegangen und ich habe mich sehr dafür eingesetzt. Es sieht derzeit sehr gut aus, dass wir eine besondere Rolle einnehmen und gewisse Wolkenmessinstrumente prüfen und kalibrieren, bevor sie auf einer anderen Station zum Einsatz kommen. Die bekommen sozusagen den Sonnblick-Stempel (lacht).

Der Sonnblick hat schon in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt. Mit fünfeinhalb Jahren sind Sie das erste Mal dort oben gestanden.

Das war schon eine anstrengende Tour (lacht). Aber das Ergebnis oben war faszinierend. Als Kind denkt man sich natürlich: Wow, Wahnsinns-Arbeitsplatz. Und denkt nicht an die ganze Arbeit, die da eigentlich dahintersteht oder, dass der Sonnblick gut 85 Prozent der Tage im Jahr in der Wolke drinsitzt.

Sie haben nun diesen „Wahnsinns-Arbeitsplatz“, noch dazu als erste Frau in der mehr als 100-jährigen Geschichte des Observatoriums. Ist die Meteorologie denn eine Männerdomäne?

Das ist für mich wirklich schwierig zu beantworten. Ich hatte erstmal überhaupt keine Probleme als Frau. Ich bin zwar derzeit umgeben von einem Männer-Team, aber ich wurde echt herzlich empfangen und die Zusammenarbeit klappt gut.

Allgemein in der Meteorologie und in den Erdsystemwissenschaften muss ich sagen, dass es vom Studium sehr ausgeglichen ist, was Frauen betrifft. Es gibt viele, die promovieren und eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Man merkt aber schon in den oberen Riegen, in den Gremien, da sind Frauen doch nach wie vor weniger vertreten. Mein Gefühl ist aber dennoch, dass man auch als Frau die Chance hat, dorthin zu kommen.

Sonnblick-Observatorium ZAMG/SBO
Elke Ludewig (ganz rechts) und ihr Team auf dem Sonnblick.

Medial war das dann doch eine kleine Sensation.

Die Frage danach hat mich am Anfang etwas verwundert, kam aber immer wieder auf. Wenn man das dann reflektiert, ist es doch nach wie vor nicht der Fall, dass viele Frauen auch in den ganz oberen Positionen tätig sind. Und da finde ich es gut, wenn man sich diese Frage stellt, auch um der jüngeren Generation klarzumachen: Wenn ihr das wollt, könnt ihr das tatsächlich machen. Ihr schafft das.

Frau Ludewig, vielen Dank für das Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 15.04.2021 um 02:12 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/sonnblick-observatorium-leiterin-im-sonntags-talk-78799111

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