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Sonntags-Talk

"Armut erkennt man oft erst auf den zweiten Blick"

Elisabeth Kocher SALZBURG24/Pfeifer
Elisabeth Kocher, Sprecherin der Salzburger Armutskonferenz, mit Redakteurin Michaela Berger.

Am 20. Februar wird der internationale Tag der sozialen Gerechtigkeit begangen. Österreich wurde in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ein überdurchschnittlich hoher Wert attestiert. Dennoch ist Armut auch in der Mitte der Gesellschaft nicht unbekannt. Elisabeth Kocher von der Salzburger Armutskonferenz entlarvt im Sonntags-Talk das Gesicht der Armut in Salzburg.

Die Soziologin ist seit Herbst des Vorjahres neue Sprecherin der Salzburger Armutskonferenz. Knapp 30 Organisationen, darunter die Caritas, das Diakoniewerk, die Arbeiterkammer, die Schuldenberatung oder der Verein Neustart gehören zu diesem Netzwerk.

SALZBURG24: Liebe Frau Kocher, worin liegt die Aufgabe der Salzburger Armutskonferenz?

ELISABETH KOCHER: Jede unserer Mitgliedsorganisationen macht sich auf ihre Art und Weise für armutsbetroffene und -gefährdete Menschen stark. Wir vernetzen und fungieren als Lobby für diejenigen, die keine Lobby haben.

Wie viele Menschen gelten in Salzburg als arm bzw. armutsgefährdet?

Armut ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In Salzburg sind ungefähr 82.000 Menschen betroffen. Das sind immerhin 15 Prozent der Bevölkerung.

Besonders fatal ist Armut für Kinder. In Salzburg sind etwa 12.000 Kinder armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Wenn bereits das Elternhaus betroffen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder auch im Erwachsenenalter armutsgefährdet bleiben, äußerst hoch. Man spricht dabei von vererbter Armut. Es kommt auch bei uns darauf an, in welche Verhältnisse man hineingeboren wurde.

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Rund 15 Prozent der Bevölkerung in Salzburg sind von Armut betroffen. (Symbolbild)

Ab wann gilt man in Österreich als armutsgefährdet?

Von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung spricht man, wenn die befragten Haushalte entweder ein Einkommen unter der Armutsgrenze aufweisen, bzw. gar nicht oder nur gering in den Arbeitsmarkt eingebunden sind. Oder wenn sie unter erheblichen finanziellen Einschränkungen leben müssen. Das kann heißen, es fällt schwer, die Wohnung warm zu halten. Oder unerwartete Ausgaben, wie eine neue Waschmaschine, sind nicht finanzierbar.

Die aktuelle Armutsgrenze lag 2018 bei 1.238 Euro pro Monat für einen Erwachsenen.

Bemerken Sie in jüngster Zeit einen Anstieg?

Zwischen 2016 und 2017 gab es einen leichten Anstieg in der Armutsgefährdung. Am höchsten war der Anstieg bei jenen, die ein so geringes Haushaltseinkommen haben, dass sie sich wesentliche Güter des täglichen Lebens nicht mehr leisten können. Waren im Jahr 2016 in Salzburg 2.000 Menschen davon betroffen, waren es 2017 bereits 16.000 Menschen.

Niemand ist davor gefeit, in die Armut zu rutschen. Es reichen sogenannte Brüche in der Lebensbiografie aus, wie zum Beispiel eine Trennung, eine Kündigung oder eine plötzliche Erkrankung. Davor kann man sich nicht schützen. Das passiert plötzlich.

Wie zeigt sich Armut in Salzburg?

Zu Armut haben wir Bilder im Kopf. Man verbindet damit jemanden, der in einer Pappschachtel lebt und obdachlos ist. Das ist die absolute Armut. Aber gerade in wohlhabenden Gesellschaften erkennt man Armut oft erst auf den zweiten Blick, wenn man genauer hinschaut. Betroffene versuchen sie so lange wie möglich zu verbergen. Sie nehmen Kredite auf, verschulden sich immer weiter oder leihen Geld bei Freunden.

In unserer Konsumgesellschaft definieren sich viele Menschen über Güter. Zwar hat jemand vielleicht ein neues Handy, aber die Wohnung ist seit Monaten kalt und er spart beim Essen. Freunde werden unter einem Vorwand nicht mehr nach Hause eingeladen, nur um die Wohnung nicht zeigen zu müssen oder weil der Kühlschrank völlig leer ist. Armut führt so über kurz oder lang zu Isolation.

Wie kann ich auf betroffene Menschen zugehen?

Das ist ein heikles Thema. Man möchte niemandem zu nahe treten. Vor allem niemandem, der versucht, nach außen ein normales Leben aufrecht zu erhalten. Hilfreich ist es sicherlich, Informationen über Beratungsstellen und Unterstützungsmöglichkeiten zu streuen.

Es gibt Angebote, denMenschen das Leben etwas erleichtern, wie zum Beispiel der Kulturpass "Hunger auf Kunst und Kultur". Da haben Menschen, die unter der Armutsgefährdungsschwelle sind, die Möglichkeit, gratis Kulturveranstaltungen zu besuchen. Das sind Dinge, die für armutsgefährdete Menschen schwer zugänglich sind, aber zum Sozialleben dazugehören. Armut bedeutet nicht zwingend Hunger und Obdachlosigkeit, sondern auch soziale Ausgrenzung.

Ich würde dazu raten, ein Gespräch auf Augenhöhe zu suchen, und der betroffenen Person mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Sie sind seit Ende letzten Jahres neue Sprecherin der Salzburger Armutskonferenz. Worin sehen Sie in dieser Funktion Ihre wichtigste Aufgabe?

Mein Ziel ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es Armut in einem reichen Land wie Österreich und einem reichen Bundesland wie Salzburg gibt. Und dazu gehören die Bewusstseinsbildung, die Öffentlichkeitsarbeit und Informationen für Betroffene. Wir haben online einen Mindestsicherungsrechner, da kann jeder mit ein paar Klicks herausfinden, ob ein Anspruch besteht.

Oft ist das Problem, dass viele Leute gar nicht wissen, dass sie Sozialleistungen bekommen würden. Gerade in ländlichen Regionen ist oft die Schwelle zu hoch, dass ich aufs Amt gehe und mich erkundige. Dort könnte jemand sitzen, der mich kennt. Armut und Beschämung hängen sehr oft zusammen. Menschen, die von Armut betroffen sind, sind oft in einem Hamsterrad aus prekären Jobs und Schuldendruck gefangen. Ihnen fehlt dann die Kraft von selbst daraus auszubrechen.

Wie ist es Ihrer Ansicht nach um soziale Gerechtigkeit in Österreich bestellt?

Ich glaube, wenn man sich umschaut, ist ein Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit vorhanden. Das soziale Netz in Österreich ist derzeit noch gut ausgebaut. Ich bemerke allerdings in den letzten Jahren Tendenzen der Entsolidarisierung. Auch der Gerechtigkeitsbegriff ändert sich. Man muss erst etwas leisten, um Gerechtigkeit zu erlangen. Das ist eine neue Definition von Fairness. Das ist für mich so nicht hinzunehmen, denn Armut sucht sich niemand aus. Die Menschen sind auf eine Solidargemeinschaft angewiesen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Am 20. Februar findet der Tag der sozialen Gerechtigkeit statt. Der Aktionstag wurde im Jahr 2009 von den Vereinten Nationen (UNO) eingeführt.

(Quelle: SALZBURG24)

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