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Sonntags-Talk

Salzburger Romero-Preisträger hilft den Ärmsten der Armen

So finden Tausende Menschen Arbeit durch Vernetzung

Vor wenigen Tagen hat die Salzburger Landesregierung die finanziellen Mittel für Entwicklungshilfe verdreifacht. Damit will man die Hilfe in den ärmsten Ländern der Welt vor Ort ankurbeln. Einer, der sich seit vielen Jahren für eine gerechtere Welt einsetzt, ist der Peruaner Francisco San Martin, der in Salzburg studiert hat und kürzlich für sein Engagement mit dem Romero-Preis 2018 ausgezeichnet wurde. Wir haben den Salzburg-Liebhaber zum Sonntags-Talk getroffen.

Francisco San Martín Baldwin ist ein Netzwerker mit Salzburger Vergangenheit. Als junger Mann kam er in die Mozartstadt, um Politik zu studieren. Er forschte an Wirtschafts-Netzwerken und baute nach dem Doktorat in seiner Heimaststadt Trujillo in Peru die Entwicklungsorganisation Minka auf. Seither hat er Tausenden Menschen aus der Armut geholfen und ihnen ein regelmäßiges Einkommen ermöglicht. Am 16. November erhielt er in der Stillenacht-Gemeinde Oberndorf (Flachgau) den mit 10.000 Euro dotiertenRomero-Preis, eine Auszeichnung der Katholischen Männerbewegung Österreich (KMBÖ) und ihrer entwicklungspolitischen Aktion SEI SO FREI. Der Preis wird seit 1980 an Menschen vergeben, die sich in besonderer Weise für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen.

SALZBURG24: Francisco, was beutetet Gerechtigkeit für Sie?

FRANCISCO SAN MARTIN: Gerechtigkeit bedeutet für mich die Chancengleichheit der Menschen. Jeder soll ähnliche Chancen haben. Das ist in den meisten Ländern dieser Welt leider nicht der Fall. Bei uns in Peru, wo ich aufgewachsen bin, gibt es zum Beispiel Bezirke, wo alle Kinder die Schule fertigmachen. In anderen Bezirken aber, vor allem in den Anden, machen 90 Prozent der Kinder die Schule nicht fertig. Das ist ungerecht. Das ist aber nicht so, weil die Schulen schlecht sind, sondern das ist das System.

Durch soziale Unterschiede entsteht Ungerechtigkeit. Mein Vater war Arzt und er konnte mir bei den Hausaufgaben helfen. Aber wenn mein Vater ein Arbeiter gewesen wäre und selbst die Schule nicht fertig gemacht hat, dann hätte mir nicht helfen können.

Wie kann man Ihrer Meinung nach mit Ungerechtigkeit umgehen?

Es ist wichtig zu erkennen, dass jeder – und wirklich jeder – etwas tun kann. In Venezuela zum Beispiel ist es eine Katastrophe. Die Menschen haben nichts —keine Arbeit und nichts zum Essen. Ihnen bleibt keine andere Chance als auszuwandern und daher kommen viele zu uns nach Peru. So kommen aktuell jeden Tag zwischen 5.000 und 10.000 Venezolaner an die Grenze. Wenn es so weitergeht, haben wir nächstes Jahr eine Million Auswanderer. Ich frage mich, was würde mit diesen Leuten tatsächlich passieren, wenn die Peruaner ihnen nicht helfen würden? Zwar haben wir diese Mittel wie Deutschland oder Österreich nicht, weil Peru selbst ein armes Land ist. Auch ist die Hilfe nicht staatlich, sondern privat organisiert. Daran sieht man, dass wirklich Jede und Jeder etwas tun kann – auch kleine Dinge.

Wie ist die derzeitige Situation in ihrem Heimatland?

Die Mehrheit der Menschen, das sind 70 Prozent, sind Schwarzarbeiter. Sie zahlen keine Steuern und deren Arbeitsleistungen werden nicht erfasst. Viele Menschen finden gar keine Arbeit, haben kein Einkommen und leben folglich in Armut. Das ist ein großes Problem.

In Peru hat sich der Staat aus allen wichtigen Lebensbereichen – wie auch Bildung und Gesundheitssystem – zurückgezogen. Das ist in Österreich nicht so, hier ist der Staat ein riesiger Apparat, der überall ist und dementsprechend auch Leistungen bringen muss. Bei uns macht der Staat so wenig wie möglich. Und deshalb muss bei uns alles privat organisiert werden. Egal ob es Arbeit, Bildung, Sport oder die Gesundheit betrifft. Man kann sagen, die Peruaner haben das Vertrauen in den Staat verloren.

43089060_1938684826207593_252751919062188032_o.jpg SEI SO FREI

Mit Ihrer Organisation Minka, die Sie 1987 gegründet haben, ist es Ihnen gelungen, tausenden Menschen eine Arbeit und regelmäßiges Einkommen zu ermöglichen. Mit welchem Ansatz war das möglich?

Ich habe in SalzburgPolitik studiert und das Thema Arbeit und Einkommen hat mich schon immer interessiert. Ich bin der Idee nachgegangen, dass Betriebe dann bessere Chancen haben, wenn sie sich vernetzen. Alsowenn sie nicht isoliert arbeiten. Und genau das haben wir gemacht, wir haben Kleinbetriebe in Peru vernetzt. Und über diese Vernetzung machen wir verschiedenste Projekte.

Im Laufe der Jahre haben auch zahlreiche Menschen die Minka-Idee kennen gelernt und sie haben gemerkt, dass Ökologie, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung zu vereinbaren sind.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Ja. Es geht beispielsweise um Kleinschuhbetriebe. Die haben eine Fabrik und machen Schuhe. Aber sie brauchen dafür Material, wie Sohlen, Leder, Klebstoffe, und so weiter. Das alles stellen sie nicht in ihrer Werkstatt her, sondern holen es von außen – von anderen Kleinbetrieben. Die verschiedenen Teile setzen sie dann zusammen und machen daraus Schuhe. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Vernetzung gut ist und darum kümmern wir uns mit der Organisation. Zusätzlich organisieren wir Weiterbildung, Know-How und den Zugang zu Wissen. Denn Bildung ist ein weiterer Schlüssel, um aus der Armut herauszukommen.

Sie wurden am 16. November mit dem Romero-Preis ausgezeichnet. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Bischof Romero ist in Lateinamerika ein Symbol für Frieden und Gerechtigkeit. Er wurde jetzt sogar heiliggesprochen. Das ist eine schöne Auszeichnung für mich und ich freue mich sehr darüber. Ich bin auch sehr dankbar, dass wir seit der Gründung unserer Organisation von der Katholischen Männerbewegung „Sei so frei“ und der Salzburger Landesregierung unterstützt werden. Ich habe eine sehr spezielle Beziehung zu Salzburg.

Sie haben in Salzburg studiert. Wie sind Ihre Erinnerungen an die Stadt und wie sind Sie denn mit dem Salzburger Schnürlregen zurechtgekommen?

(Lacht) Die Zeit in Salzburg war fantastisch, ich habe sie sehr genossen. Als ich das erste Mal nach Österreich gekommen bin, war es Winter und ich hatte nur eine dünne Jacke. Ich dachte tatsächlich, dass ich mit dieser Jacke durch den Winter komme. Denn bei uns in Peru gibt es durch den Humboldtstrom so gut wie keine Luftfeuchtigkeit und daher auch keinen Niederschlag. Dieser Klimakorridor ist in Südamerika einzigartig. Die Temperaturen sind angenehm, aber es gibt eben nur wenig Wasser. Also auch der Schnürlregen hat seine Vorteile.

Unser Gespräch wird einen Tag vor Weihnachten veröffentlicht. Wie feiern Sie in Peru Weihnachten?

Die Südamerikaner sind überwiegend katholisch, sogar der Papst ist jetzt Südamerikaner. Wir feiern Weihnachten in der Familie. Bei uns ist natürlich nicht Winter, sondern Sommer. Am Abend trinken wir Schokolade und essen Panettone, dann gehen wir in die Kirche. Aber Weihnachten ist vor allem ein Fest für die Kleinsten und die Menschen versuchen gerade auch den ärmeren Kindern eine Freude zu machen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes Fest und weiterhin alles Gute für Ihre Projekte.

Vielen Dank, auch Ihnen frohe Weihnachten.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

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