Jetzt Live
Startseite Stadt
Sonntags-Talk

"Die Menschen bei uns sind in der Krise"

Apropos-Chefredakteurin Michaela Gründler im Gespräch

Seit 22 Jahren wird in Salzburg die Straßenzeitung Apropos verkauft. Fast so lange ist auch Chefredakteurin Michaela Gründler (46) mit dabei. Im Sonntags-Talk erklärt sie, was sich in dieser Zeit verändert hat und schildert aus ihrer Sicht, wie in Salzburg mit Armut und Obdachlosigkeit umgegangen wird.

Die Straßenzeitung Apropos ist Teil der Soziale Arbeit GmbH und wurde 1997 gegründet. 90 Verkäufer bringen die Zeitung im ganzen Bundesland unter die Menschen. In der Straßenzeitung finden sich Artikel von Redakteuren, aber auch von den Verkäufern selbst.

SALZBURG24: Michaela, du bist jetzt seit mehr als 20 Jahren bei Apropos. Was waren in dieser Zeit die größten Veränderungen, die du miterlebt hast?

MICHAELA GRÜNDLER: Ganz am Anfang haben sich alle gewundert, wer die Verkäufer sind. Und sie sind wirklich beschimpft worden. Nicht von allen, aber viele Menschen waren einfach irritiert. Es war ein Störfaktor, dass Armut sichtbar da ist und nicht weggeht. Mittlerweile haben wir uns wirklich einen guten Ruf erarbeitet.

Auf der Verkäufer-Ebene hat sich verändert, dass wir früher sehr viele österreichische Verkäufer hatten. Jetzt haben wir drei Gruppen: Die Notreisenden, die Asylwerber und die Österreicher.

Und was sich auch verändert hat: Wir haben viele lässige Projekte ins Leben gerufen. Ich finde es wichtig zu sehen, dass diese Menschen nicht nur arm sind.

Welche Meinung glaubst du haben die Salzburger über Zeitung?

Wir bekommen sehr viele Rückmeldungen, dass die Zeitung so wohltuend ist, weil wir nichts Negatives schreiben. Diese positive Grundhaltung, obwohl wir eine Straßenzeitung sind, schätzen die Leser.

Mein Wunsch war immer, dass wir Hoffnung vermitteln. Bei uns sind Menschen, die sind in der Krise. Die haben Obdachlosigkeit, Armut, Ausgrenzung oder Flucht durchgemacht. Trotzdem schaffen sie es, das zu drehen. Die haben richtige Stehaufmandl-Qualität.

Und ganz viele glauben, das ist eine Zeitung, die von Obdachlosen für Obdachlose gemacht wird. Das stimmt aber nicht.

Die Arbeit wirkt nicht nur auf die Leser, sondern auch auf die Verkäufer.

Die Österreicher haben Großteils in ihrem früheren Leben gearbeitet. Für sie ist es ein Weg der kleinen Schritte, damit sie sich im Alltag stabilisieren und eine Aufgabe haben. Die rumänischen Verkäufer sind mit dem Überleben beschäftigt. Sie leben unter schlechtesten Bedingungen auf der Straße oder in Notschlafstellen. Die Afrikaner wollen dableiben, für sie sind Struktur und Kommunikation wichtig, dass sie sich mit der Salzburger Bevölkerung verbinden und ein Netzwerk aufbauen, um später weiterzukommen.

Und das funktioniert?

Ein Verkäufer von uns aus dem Senegal hat nach acht Jahren einen Asylbescheid bekommen. Der hatte seinen Stammplatz, hat Deutsch gelernt. Er fängt jetzt eine Kochlehre an und macht den Führerschein. Ein anderer Verkäufer ist immer am Platzl (Anfang der Linzergasse, Anm.) gestanden und hat während den Umbauarbeiten vom Hotel Stein die Geschäftsführerin kennengelernt. Wie das Hotel Stein wieder aufgesperrt hat, hat er eine Anstellung als Portier bekommen.

Gibt es spezielle Kriterien, um Verkäufer zu werden?

Wir haben eine große Regel: Wer verkauft, darf nicht betteln. Das ist ein Ausschlussgrund. Wer bettelt, der bettelt, das ist vollkommen in Ordnung. Apropos aber ist ein Produkt auf Augenhöhe, das stellt Würde her.

Hurra, das Februar-Apropos ist da! Diesmal dreht sich alles um ein sehr wichtiges Thema: Stille. Manchmal kann einem...

Gepostet von Apropos. Salzburger Straßenzeitung am Donnerstag, 30. Januar 2020

In den 20 Jahren hast du sicher einiges erlebt. Gibt es Ereignisse, die besonders einschneidend für dich waren?

Die einschneidendsten Erlebnisse waren eigentlich immer die traurigen, wenn Verkäufer gestorben sind. Viele haben Armenbegräbnisse gehabt. Wir von der Zeitung waren fast die einzigen, die da waren. Und dieses Gefühl der Einsamkeit zu spüren, das die wahrscheinlich im Leben gehabt haben, lässt einen über sich selbst nachdenken: Wie würde es mir gehen, wenn bei meinem Begräbnis niemand da ist? Ich habe dann Nachrufe geschrieben, um die Menschen zu würdigen.

Was aber wieder total schön ist, ist, dass Menschen, die selbst wenig haben, total großzügig und hilfsbereit sind. Viel mehr, als Menschen die viel Geld haben. Die menschlichen Erlebnisse sind es eigentlich. Immer, wenn die Verkäufer dabei sind, sind es tiefgreifende Momente.

Man bekommt also von deren Leben auch viel mit.

Wir versuchen immer ein offenes Ohr zu haben, betonen aber: Wir sind eine Andockstelle, letztlich kann sich jeder Mensch nur selbst helfen. Es bringt überhaupt nichts, wenn wir Aufgaben für andere übernehmen.

Jeder Mensch möchte gesehen werden und wir bekommen automatisch in irgendeiner Form Anerkennung. Unsere Verkäufer nicht. Man lernt dankbar zu sein für als selbstverständlich erscheinende Sachen.

Obdachlosigkeit und Armut werden in Salzburg immer wieder sichtbar, teils groß diskutiert. Wie siehst du den Umgang damit?

Ganz früher hat es noch einen "Sandlerparagrafen" (damit konnten Obdachlose des Platzes verwiesen werden, Anm.) gegeben. Mittlerweile gibt es in Salzburg ein gutes Sozialnetz. Mir kommt schon vor, dass die Bereitschaft Menschen zu helfen in Salzburg eine große ist. Das hat man bei der Flüchtlingsbewegung 2015 gesehen. Salzburg ist aber schwieriger als andere Städte. Dadurch, dass es eine schöne, barocke Stadt ist, nicht so urban wie Linz oder Wien, fällt das als Kontrast mehr auf.

Da ist schon viel passiert in den vergangenen 20 Jahren, dass arme Menschen gesehen werden und man ihnen helfen mag. Dafür braucht man einen langen Atem, aber es gibt diese Leute, die haben den und das ist super.

Nach 21 Jahren hast du den auch selbst bewiesen. Was motiviert dich?

Der Grund, warum ich noch da bin und mir das immer noch Spaß macht, sind zwei Sachen. Ich habe einen Job, der Sinn macht und anderen Menschen hilft, sich selbst zu helfen. Das andere ist, dass ich die Zeitung machen kann, die ich machen möchte. Ich kann wirklich völlig frei gestalten, das ist ein Luxus.

Zum Schluss möchte ich nochmals auf die Zeitung selbst zurückkommen. Was wünscht du dir für Apropos?

Früher habe ich immer gesagt: Ich wünsche mir, dass es uns irgendwann nicht mehr braucht. Das sagen aber alle sozialen Einrichtungen und ich will nicht das sagen, was alle sagen (lacht). Was ich mir wünsche, ist Wertschätzung und Gesehen werden für unsere Verkäuferinnen und Verkäufer und für die Zeitung. Letztlich eine größere Haltung des Mitgefühls und Offenheit der Notlage anderer Menschen gegenüber.

Liebe Michaela, vielen Dank für das Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 13.05.2021 um 02:04 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/apropos-chefredakteurin-michaela-gruendler-im-sonntags-talk-82419916

Kommentare

Mehr zum Thema