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"Bürgerkrieg am Hauptbahnhof": Falschmeldungen verunsichern Salzburger

Wie gefährlich ist die Bahnhofsgegend? Neumayr
Wie gefährlich ist die Bahnhofsgegend?

300 bewaffnete Marokkaner belagern angeblich den Salzburger Hauptbahnhof. Diese Meldung auf Facebook macht derzeit die Runde. Zahlreiche User sind verunsichert und wissen nicht, was sie glauben können. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Die Meldung, die auf Facebook gepostet wurde, trägt den Titel „Bürgerkrieg am Salzburger Hauptbahnhof“. Der Poster, der sich auf eine „vertrauliche Quelle“ bezieht, will seine Facebook-Freunde „warnen“. Offenbar würde sich eine Gruppe von 300 Marokkanern in der Bahnhofsgegend aufhalten. Die Männer seien von der deutschen Polizei nach Österreich zurückgeschickt worden. Die Lage sei „außer Kontrolle“ und auch für Männer ab 22 Uhr zu gefährlich. Die Rede ist von „Messerstechereien, Raubzügen, Diebstählen, Einbrüchen, Plünderungen von Geschäften" und einer „No-Go-Area“ (rechtsfreier Raum). Algerische und marokkanische Banden würden sich dort gegenseitig bekriegen.

Facebook/Screenshot Salzburg24
Facebook/Screenshot

Viele Salzburger  verunsichert

Aufgrund dieser Schilderung und einer Reihe von sehr ähnlichen Postings (statt Marokkaner sind es zum Beispiel Afghanen) zeigen sich viele User verunsichert. „Stimmt das wirklich?“, „Ist das wahr?“ oder „Ich habe Angst“, sind Kommentare, die uns erreicht haben. Die Verunsicherung vieler Salzburger scheint groß zu sein.

Der Salzburger Hauptbahnhof war über viele Wochen hinweg Hotspot für weiterreisende Flüchtlinge. Seit wenigen Monaten schickt Deutschland Flüchtlinge, die keinen Asylantrag in Deutschland stellen wollen, nach Österreich zurück. In Salzburg wurden von November bis zum 10. Jänner insgesamt 1.428 Rückübernahmen verzeichnet (wir haben berichtet). Von den Flüchtlingen, die aus insgesamt 24 Nationen stammen, haben 322 einen Asylantrag in Salzburg gestellt. 675 der bis zum 10. Jänner zurückgewiesen Flüchtlinge stammen aus Marokko, 210 aus dem Iran, 117 aus Algerien, 103 aus Pakistan und 42 aus Syrien.

Vermehrt Flüchtlinge am Bahnhof, aber keine Gruppe von 300 Marokkanern

„Mit der Intensivierung der Grenzkontrollen durch die deutsche Polizei haben sich auch die Zurückweisungen vermehrt. Infolge dieser Zurückweisungen halten sich auch vermehrt Flüchtlinge am Bahnhof auf. Ein Teil dieser Flüchtlinge sind auch Marokkaner“, erklärt Polizeipressesprecher Michael Rausch im Gespräch mit SALZBURG24. Die Meldungen, wonach sich eine Gruppe von 300 Marokkanern rund um den Bahnhofsvorplatz aufhalten, weist er aber vehement als falsch zurück. „Wir sind diesen Meldungen im Internet nachgegangen, es gibt keine Hinweise darauf, dass das nur annähernd stimmen könnte“, so Rausch.

Polizeipräsenz am Bahnhofsviertel verstärkt

Die Polizei habe den gesamten Bereich ganz genau im Blick. Auch von einem rechtsfreien Raum, wie in dem Posting angesprochen, will Rausch nichts wissen. Ganz im Gegenteil: „Die Polizeipräsenz mit zivilen und uniformierten Kräften am Südtirolerplatz und im Umfeld des Bahnhofs sowie in der Innenstadt wurde verstärkt. Seit Mitte Jänner sind täglich zusätzliche Beamte im Bahnhofsbereich eingesetzt und werden von DHI (Diensthundeinspektion, Anmk.) und AGM (Fremdenpolizei, Anmk.) sowie EGS (Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität, Anmk.) unterstützt“, erklärt er.

Bestätigt wird vom Polizeisprecher die Zunahme von Diebstählen im Bahnhofsviertel. „Es ist ein Anstieg von Straftaten im Bereich des Salzburger Hauptbahnhofes zu verzeichnen, unter anderem gibt es vermehrt Ladendiebstähle“, so Rausch. Konkrete Zahlen können noch nicht genannt werden. Was angezeigt wird, werde von der Polizei behandelt. Nicht bestätigen kann Rausch die im Post angesprochenen Messerstechereien und Raubzüge.

Gerüchte sorgen für Verunsicherung

„Solche Postings können zur Verunsicherung beitragen. Und zwar dann, wenn jemand falsche oder verfälschte Informationen auf z.B. Facebook öffentlich macht und als Tatsache darstellt und diese Informationen dann ungeprüft mehrfach geteilt bzw. weitergeleitet werden. Dadurch entstehen Gerüchte und eine gewisse Verunsicherung aber auch ein zusätzlicher Ermittlungsaufwand für die Polizei“, warnt Rausch alle Internet-Nutzer. Die Polizei prüft alle Fälle, die gemeldet werden und stellt dabei fest, dass sich oft viele solcher Meldungen in den sozialen Netzwerken als unwahr herausstellen.

Mimikama stellt vermehrt Falschmeldungen im Internet fest

Auch der Verein Mimikama, dessen Hauptaufgabe es ist, Falschmeldungen im Internet aufzudecken, warnt vor einem Anstieg solcher Postings seit Beginn der Flüchtlingskrise sowie erneut verstärkt seit den Übergriffen von Köln.

„Von all den verschiedenen Facebook-Bildern, Überschriften, Nachrichten und anderen Unterhaltungen, die uns gemeldet werden, sind 90 Prozent entweder zu ungenau, als dass man sie weiter verbreiten sollte, oder sogar schlichtweg falsch. Wenn falsche Gerüchte nicht diesen Erfolg hätten, den sie momentan immer wieder haben, gäbe es erheblich weniger Nachahmer (“Trittbrettfahrer”). Diese Gerüchte zu verbreiten, sorgt lediglich dafür, dass es immer schneller neue Gerüchte gibt“, schreiben die Internetexperten.

In einem am Mittwoch veröffentlichten Interview auf Profil sagt einer der Mimikama-Faktenchecker Andre Wolf, dass Fälschungen oft sehr leicht und schnell erkennbar seien. „Es gibt wiederkehrende Muster, etwa, dass keine eindeutige Quellenangabe existiert. Dann steht dort beispielsweise‚ ‚die Tochter des Nachbarns meines Arbeitskollegen hat etwas beobachtet‘“, sagt Wolf im Profil-Interview. Zudem blieben die Poster in ihrer „EILMELDUNG“ oft bewusst unkonkret, da sie sonst leicht überführt würden.

Bayerische Polizei klärt Facebook-Gerücht auf

Ein solches Beispiel hat die Bayerische Polizei kürzlich aufgedeckt. „TEILEN – TEILEN – TEILEN“, so begann eine Facebook-Meldung eines wütenden Mannes aus dem Landkreis Traunstein, der über eine Vergewaltigung eines Mädchens am 11. Jänner berichtete – „und zwar von Asylanten/Flüchtlingen!!!“. Die Polizei erfuhr durch Medien von der angeblichen Vergewaltigung und ging dem nach. Fakt ist ist: Das angebliche Sexualdelikt, begangen durch mehrere Asylbewerber an einem jungen Mädchen, für dessen angebliche Geheimhaltung sich die Polizei schämen sollte, gibt es nicht.

Das konnte die Polizei auch beweisen. Es dauerte insgesamt zwei Tage, bis sich die Beamten von einer „sicheren Quelle“ bis zur nächsten durchermittelten. „Wie beim Kinderspiel 'Stille Post' waren bei jeder Weitergabe des tatsächlichen Sachverhalts Informationen verloren gegangen und neue Details hinzugekommen“, teilte die Polizei später in einer Presseaussendung mit.

Die Ermittler machten insgesamt acht Personen ausfindig, die die Infos weitergegeben hatten. Ursprünglich war zunächst von einem tatsächlich angezeigten Sexualdelikt in Traunreut die Rede. Bei dieser sexuellen Nötigung in der Silvesternacht hatte ein bereits am 13. Januar festgenommener Afghane eine 17-Jährige betatscht und versucht, sie zu entkleiden.

Kriminalprävention der Polizei klärt auf

Bei Fragen und Anliegen rund um das Thema "Sicherheit in Salzburg" könne man sich jederzeit an die Polizei, im speziellen an die Kriminalprävention wenden und sich dort "individuell und kompetent beraten lassen“, rät Rausch allen Salzburgern, die sich verunsichert fühlen.

(Quelle: S24)

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