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Darum haben wir Angst vor der Zukunft

Was die Zukunft bringt, liegt größtenteils im Schatten: Das macht uns Angst. (Symbolbild) APA/Federico Gambarini/dpa
Was die Zukunft bringt, liegt größtenteils im Schatten: Das macht uns Angst. (Symbolbild)

Die Zukunft kann niemand mit Sicherheit voraussagen. Die Menschen versuchen es trotzdem immer wieder, denn die Ungewissheit künftiger Ereignisse macht uns Angst. Der Salzburger Zukunftsforscher Reinhold Popp erklärt im S24-Interview, warum das so ist und warum manche Menschen optimistischer in die Zukunft blicken als andere.

40 Prozent der Salzburger haben laut einer aktuellen Umfrage Zukunftsängste (wir haben berichtet). Reinhold Popp geht seit über 20 Jahren Zukunftsfragen wissenschaftlich nach und erläutert, was dahinter steckt.

SALZBURG24: Wovor fürchten sich die Menschen in der Zukunft?

REINHOLD POPP: Auf das allgemeine Angstgefühl der Bevölkerung bezogen werden im Moment drei, vier Ängste immer wieder genannt. Das sind die Angst vor sozialem Abstieg – eine ganz massive Angst – und die Angst, durch Automatisierung und Digitalisierung, nicht mehr am Arbeitsplatz gebraucht zu werden. Dazu machen sich die Menschen Sorgen, dass ihren Kindern oder ihrem Partner etwas passiert oder sie selbst eine schwere Krankheit bekommen. Das sind keine Ängste, die sich mit gegenwärtigen Entwicklungen erklären lassen.

Diese Ängste sind also in den letzten Jahren gleich geblieben?

Ja. Fragt man hingegen: Was ist der Wert, den du in Zukunft am meisten in deinem Leben fördern möchtest? Dann antworten die Leute mit großem Abstand: Die Gesundheit. Und dann gibt es jene Ängste, die sich durch aktuelle gesellschaftliche bzw. technische Entwicklungen erklären lassen.

Die Salzburger haben angegeben, dass ihre größten Ängste finanzielle Sorgen, zu wenig Pension und soziale Unruhe sind.

Die ersten beiden gehen ganz stark in Richtung sozialer Abstieg, die letzte ist eine Angst vor Veränderung der Verhältnisse. Wie der Volksmund sagt, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Kaum verändern sich die Verhältnisse, beginnen die Menschen, sich Sorgen zu machen.


Was beeinflusst, ob Menschen eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Zukunft blicken?

Unterschiedliche Menschentypen machen sich unterschiedlich viel Angst. Manche sind imstande, diese Ängste zu bewältigen. Das lässt sich gut auf Basis der individuellen Hintergründe der Menschen erklären. Es gibt Menschen, die haben Schicksalsschläge hinter sich, andere haben nur einzelne negative Erfahrungen gemacht. Das beeinflusst, wie ich in die Zukunft blicke.

Kann man Menschen die Angst vor künftigen Ereignissen nehmen?

Ich glaube, dass Angst zu haben bis zu einem gewissen Grad verständlich ist, weil die Zukunft ungewiss ist. Auch die Zukunftsforschung weiß nicht, was in Zukunft sein wird. Und diese Sorgen, wenn sie sich nicht zu Ängsten auswachsen, die uns lähmen, sind auch durchaus produktiv. Wir verhalten uns zum Beispiel vorbeugend: Ernähren uns gesund, bewegen uns, sorgen für die Zeit nach dem Beruf vor. Angst und angstreduzierendes Verhalten hängen zusammen.

Heißt das, dass ich meine Ängste nur in den Griff bekomme, wenn ich anerkenne, wovor ich Angst habe und mir eingestehe, dass ich selbst etwas dagegen tun kann?

Ja. Das können manche Leute besser und manche weniger gut. Das hat aber nichts mit den Genen zu tun, sondern hängt sehr stark mit unserer Sozialisation zusammen. Hier kommt die Resilienz mit ins Spiel, also wie gut können wir mit Unsicherheit umgehen. Das übt man in den ersten Lebensjahren: Konnte ich mit meinen Ängsten als Kleinkind in liebevoller Beziehung zu meinen Eltern experimentieren? Also Angst zu haben, aber gleichzeitig jemanden zu haben, der mich lehrt, damit umzugehen. Wenn diese Grundhaltung durch das Urvertrauen erlernt wurde, dann tut man sich später leichter, mit Problemen aller Art zurecht zu kommen. Und Leute, die das nicht erfahren haben, haben grundsätzlich den Eindruck: Alles geht gegen mich. Also vieles, was im Moment an Abwehrängsten da ist – etwa gegen Flüchtlinge oder die dauernde Sorge, sozial abzusteigen – das hängt bis zu einem gewissen Grad mit diesen subjektiven Aspekten zusammen.

Angst ist so gesehen auch immer etwas Individuelles. Kann man bei den drei Spitzenreitern der Befragung sagen, dass sie „gerechtfertigt“ sind?

Jede Angst ist aus der Sicht des Individuums gerechtfertigt. Man muss das zur Kenntnis nehmen. Ob es dann objektiv gute Gründe für ganz andere Ängste gäbe, lässt sich diskutieren. Wenn man bedenkt, dass wir ein Zerstörungspotential im Bereich der Atomwaffen haben, das die Welt x-fach zerstören könnte und nicht immer die allerverlässlichsten Menschen an den sogenannten roten Knöpfen sitzen, wäre das eine sehr berechtigte Angst.

Auch die Zukunftsforschung kann die Zukunft nicht vorhersagen. Wie untersucht man Dinge, die noch nicht passiert sind?

Es hat alles Zukunft. Ich muss mich also entscheiden, welche Zukunft ich untersuchen will. Aber im Großen und Ganzen geht es immer um die Herkunft eines Problems und dann zu überlegen, welche Faktoren könnten in der Zukunft ausschlaggebend sein für die Weiterentwicklung. Deshalb kann man selten sagen so wird es, sondern es kommt eher zu Wenn-Dann-Aussagen. Und dann gibt es meistens noch das, was man als „schwarzen Schwan“ bezeichnet, etwas ganz Überraschendes. Wir denken deshalb auch immer sehr unwahrscheinliche Entwicklungen in unserer Forschung mit.

Weil man vor Überraschungen nie gefeit ist.

Genau, weil es kann immer etwas passieren, das man überhaupt nicht vorhergesehen hat.

Aufgerufen am 19.02.2019 um 09:02 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/darum-haben-wir-angst-vor-der-zukunft-60333256

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