Jetzt Live
Startseite Stadt
Stadt

Fasten-Expertin Dorothea Neumayr im Sonntags-Talk: "Fasten ist keine Null-Diät und kein Last-Minute-Urlaub"

Die Salzburgerin bietet auch immer wieder begleitete Fastenwochen am Meer an. Dorothea Neumayr/privat
Die Salzburgerin bietet auch immer wieder begleitete Fastenwochen am Meer an.

Fleisch, Zucker oder Kohlenhydrate – immer mehr Salzburger wollen in der kirchlichen Fastenzeit vom 14. Februar bis zum 31. März bewusst verzichten und stellen ihre Ernährung um. Mit "echtem" Fasten hat das jedoch wenig zu tun. "Hier fehlt der Seelenprozess", sagt Fastenexpertin Dorothea Neumayr im Sonntags-Talk mit SALZBURG24. Und der sei entscheidend für einen Neuanfang. Die Salzburgerin erklärt, wie das traditionelle Heilfasten funktioniert, welche Entzugserscheinungen auftreten können und warum es nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele reinigt.

Dorothea Neumayr ist Ernährungsberaterin und fastet seit 20 Jahren zwei Mal im Jahr, manchmal auch 15 Tage. Sie ist aber auch Köchin aus Leidenschaft und die einzige Privatperson in Österreich, die drei Gault-Millau-Hauben hat. Sie hat eine Reihe an Fasten- und Kochbüchern sowie Ernährungsratgebern – viele auch gemeinsam mit Humanmediziner und Psychotherapeut Ruediger Dahlke – auf den Markt gebracht. Besonders eindrucksvoll: Ihre Rezepte schreibt Neumayr während ihrer Fastenzeiten – also dann, wenn sie nichts isst.

SALZBURG24: Fasten und Kochen, wie passt das zusammen?

DOROTHEA NEUMAYR: Genuss und Verzicht gehören zusammen. Ich liebe es, zu kochen und ich liebe es, zu essen. Aber nicht 365 Tage im Jahr. Wenn du dazwischen nicht bewusst den Reset-Knopf drückst, dann kannst du nicht mehr genießen. Wenn du jeden Tag Schokolade isst, dann ist die Schokolade irgendwann auch nichts mehr Besonderes für dich. Das größte Geschenk des Fastens ist, dass es deine Sinne derart schärft, dass du plötzlich viel sensibler im Geschmack bist.

Was genau ist Fasten?

Das traditionelle Fasten ist ein bewusster Verzicht auf feste Nahrung. Manche Menschen glauben, Fasten ist gleich nichts essen. Das stimmt aber nicht. Denn, wenn ich mich bewusst und freiwillig dazu entscheide, ist das etwas ganz anderes, tieferes.

Fasten an sich ist uralt. So lange es Menschen gibt, gibt es das Fasten. Früher musste man fasten, weil die Vorräte ausgingen. Heute ist es für den Menschen gut und wichtig, regelmäßig zu fasten, weil er im Überfluss nicht gesund ist. Das erkennt man an den vielen Zivilisationskrankheiten, die mit regelmäßigem Fasten gar nicht existieren würden.

Wie funktioniert Fasten genau?

Wenn man sich für das traditionelle Heilfasten entscheidet, dann sollte man sich zunächst einen Tag zur Entlastung nehmen. An diesem Tag isst man nur Obst oder nur Gemüse oder macht einen Reis- oder Kartoffeltag. Am Abend gibt es dann eine gute Frucht und man verabschiedet sich damit ganz bewusst vom Essen – für die nächsten fünf Tage.

Man verabschiedet sich aber nicht nur von der festen Nahrung, sondern auch von allen Genussmitteln wie Zigaretten, Alkohol, Schokolade oder schwarzem Tee. Stattdessen gibt es Wasser und Kräutertees. Und im Vorfeld gehört natürlich der Kühlschrank geleert, dann ist das Risiko geringer, sich selbst zu betrügen und doch einmal zu einem Stück Brot oder Obst zu greifen. Warme Kleidung und warme Socken empfehlen sich auch im Sommer, weil man leicht friert beim Fasten - aber auch gute Literatur, Filme und ein Tagebuch sind wichtige Begleiter.

Wie laufen die Fastentage ab?

Die Fastentage an sich sind im Grunde alle gleich. Es gibt in der Früh ein achtel Liter frisch gepressten Saft, der ganz langsam schluckweise eingespeichelt und getrunken wird. Der Saft ist sozusagen das Geschenk des Tages, viel mehr gibt es zusätzlich nicht. Danach wird über den Tag verteilt Wasser und Tee getrunken. Grundsätzlich gilt: Wenn man Hunger hat, trinkt man. Dadurch wird die Niere durchgespült, die Schlacken werden abtransportiert. Am Abend gibt es dann eine warme Fastensuppe.

Wie viele Liter Flüssigkeit kommen dabei an einem Tag zusammen?

Das Minimum sind zwei Liter, im Optimalfall kommt man auf zweieinhalb Liter. Man sollte auch nicht übertreiben und vier oder fünf Liter trinken. Ein Indiz für die richtige Menge Flüssigkeit ist die Farbe des Urins. Wenn er ausschaut wie Wasser, passt alles. Wenn er dunkel ist, habe ich zu wenig getrunken – und das wäre fatal. Denn dadurch würde man sich in Wahrheit selbst vergiften. Denn durch das Fasten werden im Körper Schlacken gelöst, und diese müssen weg. Wenn ich nicht genug Flüssigkeit zu mir nehme, kann der Körper nicht durchgespült werden und die Giftstoffe bleiben im Körper.

Sie haben bereits angesprochen, dass man schneller friert, wie reagiert der Körper sonst noch auf den Nahrungsentzug?

Mit Kopfschmerzen. Ein Kaffeetrinker hat anfangs einfach Kopfschmerzen. Aber darauf kann man sich einstellen. Manche haben auch Magenschmerzen, Übelkeit und müssen erbrechen. Und vor allem bei Frauen geht der Blutdruck gerne in den Keller. Mit Wechselduschen, Kneipen oder Ohrenmassieren kann man den Kreislauf aber gut aktivieren. Es ist völlig normal, dass der Körper anfangs in den Widerstand geht – nicht umsonst hat Franz von Assisi den Körper so liebevoll "Bruder Esel" genannt.

Durch das Fasten wird aber auch auf der Emotionsebene aufgeräumt, weshalb es auch zu Stimmungsschwankungen kommen kann. So kann es sein, dass man beispielsweise plötzlich traurig ist oder grundlos eine tiefe Wut auftaucht.

Was kann man gegen die Rebellion des Körpers tun und wann wird es besser?

Man muss den Körper und seinen Widerstand liebevoll anerkennen, achtsam sein und dabei bleiben. Wenn man schwer aufsteht, macht man es halt ganz langsam oder wenn einem schwindlig ist, krabbelt man eben auf allen Vieren auf die Toilette. Und wenn die Verdauung streikt, ist ein Einlauf sehr wichtig, das hilft gegen Kopfschmerzen und Hunger. Auf einmal, spätestens aber nach drei Tagen, schaut es ganz anders aus. Es geht einem plötzlich richtig gut, die Haut wird feiner, der Bauch kleiner und man fühlt sich fit.

Ich muss dazu aber auch sagen, dass das Fasten bei jedem völlig anders verläuft. Ich habe Fastenzeiten hinter mir, da habe ich die ersten drei Tage nur geschlafen, so müde war ich. Dann hatte ich Zeiten voller Energie und Power. Man weiß eben nie, was im Körper gerade herausgeräumt wird.

Der Einlauf gehört zum Fasten dazu wie Wasser und Tee. Für viele ist diese Art der Reinigung aber sehr abschreckend.

Das verstehe ich, denn die untere Region ist immer noch ein großes Schattenthema, auch wenn es langsam besser wird. Der Einlauf ist etwas ganz Natürliches. Der Darm ist wie ein zweites Gehirn in unserem Körper und hat eine unglaubliche Funktion. Früher hat man das auch bei Kindern gemacht, die Fieber hatten. Jeder, der bei mir im Fastenkurs ist und den ersten Einlauf hinter sich hat, weiß, dass eigentlich nichts dabei ist. Für einen Einlauf wird warmes Wasser, in ein Gerät, den Irrigator, gefüllt. Das kommt dann in den Enddarm. Danach geht man zwei bis drei Mal auf die Toilette und die Sache ist erledigt. Der Kot wird verflüssigt und abtransportiert. Und es gibt doch nichts besseres, als dass man Altes und Verbrauchtes loslassen kann.

Warum tut man sich das alles an?

Fasten stärkt das Immunsystem und beugt vielen Krankheiten vor. Seit ich faste – und das sind mittlerweile schon zirka 20 Jahre – habe ich keine Grippe mehr. Diabetes-2-Patienten brauchen bald schon ihre Tabletten nicht mehr, der Blutdruck geht herunter, alle Organe regenerieren, auch das Gehirn. Dazu kommt, dass sich Magen und Leber gesund schrumpfen und die Haut sich verjüngt. Es tut dem Körper einfach gut.

Heilfasten führt aber auch zu einem Seelenprozess, es verändert sich die Lebensweise, es ist eine wundervolle Chance für einen Neuanfang.

Wie wirkt sich das Fasten denn auf der seelischen Ebene aus?

Der Volksmund sagt: "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen." Wenn der Körper zur Ruhe kommt, merkt man, dass die Seele ein Stück mehr vom Körper abrückt, sie eben im Körperhaus wohnt. Sobald man den inneren Arzt arbeiten lässt, beginnt die Zeit, in der man viel und bewusst träumt und man ganz besonders kreativ wird. Man wird sensibel und viel durchlässiger. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass man die Natur auf einmal ganz anders wahrnimmt als sonst. Fasten ist nicht nur eine Auszeit für den Körper, sondern auch für die Seele.

Empfehlen Sie Fasten auch Menschen, die in einer Lebenskrise stecken? Schaffen die das?

Absolut. Aber dann ist es gut, wenn sie in einer Begleitung sind. Ich habe die Erfahrung, dass Menschen gerade dann, wenn sie merken, dass es so nicht mehr weitergehen kann, sich für das Heilfasten entscheiden. Das kann im Beruf, in der Partnerschaft oder in einer Sinnkrise sein. Wenn der Punkt da ist, dann ist der Zeitpunkt zum Fasten richtig. Fasten hilft dabei, sich auf das Wesentliche und sich selbst zu reduzieren. Dabei kann wiederum viel Raum für Neues entstehen. Es ist wie ein Zauber.

Wie kann ich diesen Zauber nach der Fastenzeit aufrechterhalten?

Das ist oft der Punkt – und genau deshalb ist es auch so wichtig, sich ganz bewusst für das Fasten zu entscheiden. Fasten ist keine Null-Diät und kein Last-Minute-Urlaub.

Nach dem Fasten lassen wir uns gerne wieder viel zu schnell in den Alltag hineinziehen. Wenn ich aber einmal gespürt habe, wie gut es mir tut, kann ich dem auch leichter widerstehen. Man muss versuchen, sich aus dieser Zeit etwas mitzunehmen, das man ins tägliche Leben integriert. Entweder das heiße Wasser in der Früh oder eine kleine, einfache Übung, die man zwischendurch einfach mal macht. Immer wieder innehalten, tief durchatmen und ein Glas Wasser trinken wäre zum Beispiel ganz einfach und sehr effizient.

Natürlich fange ich nach den fünf Fastentagen nicht gleich wieder mit meiner gewohnten Ernährung an. Es gibt eine Aufbauzeit, die ganz besonders wichtig ist. Dabei wird zwei Tage lang komplett auf Salz verzichtet. Das Essen wird langsam gegessen, gut gekaut und wieder regelrecht zelebriert.

Und wie das Stück Schokolade dann schmeckt, können wir alle wohl nur erahnen. Liebe Frau Neumayr, vielen Dank für das spannende Gespräch! 

Auch Ihnen vielen Dank.

 

 

 

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: S24)

Aufgerufen am 13.05.2021 um 02:05 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/fasten-expertin-dorothea-neumayr-im-sonntags-talk-fasten-ist-keine-null-diaet-und-kein-last-minute-urlaub-57887194

Kommentare

Mehr zum Thema