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Feingold: "Auch Gefangene wollen sich nicht erinnern"

Marko Feingold kämpft gegen das Vergessen an. Stadt Salzburg / Wildbild / Freund
Marko Feingold kämpft gegen das Vergessen an.

Zum Thema "Erinnerungskultur" hat der Holocaustüberlebende Marko Feingold in der Sitzung des Salzburger Gemeinderates gesprochen.  Der aktuell älteste Salzburger und Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde erzählte, dass er nach Kriegsende eigentlich nach Wien wollte und, warum die meisten Menschen angesprochen auf die Nazi-Zeit nicht ehrlich antworten.

Feingold hat vier Konzentrationslager überlebt. Nach seiner Befreiung ist er eigentlich zufällig in Salzburg gelandet. Er war eigentlich auf dem Weg nach Wien, „um Nachzuschauen, ob noch Überlebende da sind“, aber an der Zonengrenze wurde er aufgehalten. „Der Dr. Karl Renner wollte keine KZler und keine Juden in Wien haben“, schildert der 105-Jährige. Fünf im Zug mitreisende Befreite und er seien daher in Salzburg ausgestiegen und in der Haydnstraße in einem ehemaligen Nazi-Büro untergebracht worden.

Feingold: „Nur wenige antworten ehrlich“

„Ich hab dort ein Zimmer mit Balkon gekriegt und raus geschaut: Der Hof war voller Flüchtlinge!“ Später habe er dann in St. Peter, wo Ausspeisungen stattfanden, gearbeitet. Die Salzburger hätten damals zu den KZlern gesagt: „Euch is‘ eh gut g’angen im KZ. Wir haben die Bombardierungen g’habt!“ Doch darunter hätten auch die KZ-Insassen gelitten. Er wisse mittlerweile aus seiner Erfahrung im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, „dass es nur wenige Leute gibt, die ehrlich antworten. Auch Gefangene wollten sich nicht an die Zeit erinnern.“

Preuner: Politik muss an Nazi-Gräuel erinnern

Vertreter aller Fraktionen bedankten sich bei Feingold für sein Erscheinen in der Sitzung und gratulierten dem Jubilar zum erst kürzlichen Geburtstag am 28. Mai. Bürgermeister Harald Preuner (ÖVP) betonte, Feingold habe „zeitlebens gegen das Vergessen gekämpft“ und dabei dennoch nie die Lebensfreude verloren. Die Politik sei dazu aufgerufen, auch die nächsten Generationen immer wieder an die Nazi-Gräuel zu erinnern.

Stadt arbeitet NS-Geschichte auf

SPÖ-Kultursprecher Sebastian Lankes verwies auf das 2009 vom Stadtarchiv gestartete Großprojekt „Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus“ mit mittlerweile sieben umfangreichen Berichts-Bänden. FPÖ-Klubchef Andreas Reindl sprach vom „dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“, dessen Aufarbeitung „spät aber doch“ in Angriff genommen worden sei. Und er meinte: „Für NS-Verbrechen kann und darf es kein Verständnis und keine Rechtfertigung geben.“

NEOS-Klubobmann Sebastian Huber knüpfte an die aktuelle Diskussion über „braune“ Straßennamen an. Er forderte, die Untersuchungen auch auf die Zeit der Monarchie auszuweiten und Skulpturen aus der NS-Zeit mit Erläuterungstafeln zu versehen. BL-Gemeinderätin Inge Haller verwies auf die „kulturelle Hegemonie“ der Nazis nach 1945, etwa anhand von Postenbesetzungen und Straßennamen. Sie erneuerte die Forderung der Bürgerliste, die Josef-Thorak-Straße umgehend umzubenennen. Ein dazu vorliegender Antrag wird im nächsten Kulturausschuss behandelt werden.

Feingold: „Salzburg ist anders geworden“

Beim Verlassen der Sitzung wurde Marko Feingold mit Standing Ovations verabschiedet. Sichtlich gerührt rief er in den Saal: „Salzburg ist anders geworden!“

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