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Salzburger Grenzfall

Die bewegte Geschichte des Gaisbergs

Hexenflugplatz und Vierschanzentournee-Kandidat

Gaisberg, SB Wildbild
Der Gaisberg gilt als Hausberg der Salzburger.

Warum über dem angeblichen Schauplatz satanischer Orgien jetzt Drachen ihre Kreise ziehen, wer huckepack und wer am häufigsten zu Fuß auf den Gaisberg gelangte, warum es in der Stadt Salzburg doch kein Kohlebergwerk gibt, warum Autofahrer auf einer Landesstraße früher kräftig zur Kassa gebeten wurden und warum und wie zehntausende Skibegeisterte auf den Salzburger Hausberg kamen, bringt dieser "Salzburger Grenzfall" ans Licht.

Salzburg

Auf 424 Metern Seehöhe liegt Salzburgs gleichnamige Landeshauptstadt bekanntlich. Oder auf 1.287. Und Spitzfindige können noch einmal 100 Meter für die 1981 erweiterte Fernsehantenne draufschlagen. Denn der Gipfel des Salzburger Hausbergs befindet sich eindeutig im Stadtgebiet. Nicht nur der Gipfel, sondern ein ganzes Drittel der 20 Quadratkilometer großen Gaisberg-Fläche gehören zur Mozartstadt.

Ziegen, Drachen, Hexenglaube

Den Namen verdankt der schon um 700 als "Keizperch" bekannte Kegel den dort für die Klöster St. Peter und Nonnberg weidenden Geißen, genau genommen dem indogermanischen Wort "ghaido" für Ziege. Der früher weitaus weniger baumbewachsene Berg war mit seinen Almen wichtiges Weideland mit Stadtblick. Esoterisch Veranlagte wollen den Namen vom keltischen "gais", was so viel wie heilig oder tabu heißt, abgeleitet wissen. Apropos Aberglaube: In Hexenprozessen musste sein Gipfelplateau als Flughafen der Hexen in der Walpurgisnacht und Schauplatz wilder Orgien mit dem Teufel herhalten. Jedenfalls kam man unter Folter zu solch erwünschten Geständnissen. Zumindest Startplatz für luftige Drachengleitflüge ist es heute noch. Und das Original-Bühnenbild von Mozarts Zauberflöte soll vom Hexenloch im Aigner Park am Fuß des Gaisbergs inspiriert worden sein.

Gaisberglandschaft Ulrich Ghezzi/Residenzgalerie Salzburg
So idyllisch verewigte Maler Albrecht Christoph Dies 1796 die Gaisberglandschaft. So idyllisch verewigte Maler Albrecht Christoph Dies 1796 die Gaisberglandschaft

Per Sessel auf den Gaisberg-Gipfel

Die "unstrittig lohnendste Aussichtswarte" gehörte in früheren Jahrhunderten vielmehr zum touristischen Pflichtprogramm der betuchten Salzburg-Reisenden, die sich von Sesselträgern vom Glockenspiel am Residenzplatz aus hinaufbringen ließen. Auf Schusters Rappen besteig Pater Peter Carl Thurwieser zwischen 1820 und 1860 einmal im Monat den Berg, er dürfte mit 480 "eigenfüßigen" Besteigungen Rekordhalter sein.

Zu wenig Kohle für die Bahn

Von 1887 bis 1928 dampfte eine Zahnradbahn von Parsch aus in einer guten Dreiviertelstunde auf den Salzburger Hausberg. Kongenial wäre es gewesen, wenn sich die knapp zuvor entdeckten Kohlevorkommen am Bergfuß in Aigen als ergiebig erwiesen hätten. Der von der Gänsbrunnstraße 300 Meter in den Berg getriebene und heute verschlossene Stollen ergab nur zwei mickrige, etwas über zehn Zentimeter dicke Kohlebänder. Immerhin konnten aus dem rötlichen Nierentaler Mergel im danebenliegenden Graben hübsche Terrakotta-Souvenirs für die Bahngäste hergestellt werden, die so ein Stück Berg mit nach Hause nehmen konnten.

Ende der Beschaulichkeit

Ein Jahr nach Einstellung der Bahn eroberten die Straßenbauer den Gipfel, der bis heute der einzige im Bundesland ist, auf den eine Landesstraße führt. Mit der 8,6 Kilometer langen Gaisbergstraße wurde erstmals ein rein touristisches Verkehrsprojekt umgesetzt, das anfänglich jeden Autofahrer damals stolze vier Schilling kostete. Jetzt war es mit der Beschaulichkeit endgültig vorbei. Beim Gaisbergrennen brausten die Boliden und Maschinen in halsbrecherischem Tempo bergan, bis eine Serie von tödlichen Unfällen vier Jahrzehnte später das Ende des Rennbetriebs einläutete. 1939, zu Beginn des Obus-Zeitalters, gab es Überlegungen, Allrad-Fahrzeuge auf den Berg zu schicken.

Geheime Radarforschung am Gipfel

Das war auch das Jahr, in dem die Deutsche Wehrmacht den Gaisberg zum militärischen Sperrgebiet erklärte. Sonderbarerweise war gerade das seit Zahnradbahn-Tagen bestehende Hotel auf der Spitze abgebrannt. Der Betreiber war schon in den Jahren davor vom Bundesheer angewiesen worden, als Vorposten in den Luftraum einfliegende Flugzeuge telefonisch zu melden. Jetzt wurde das Plateau zur geheimen Kommandosache unter dem Decknamen Giraffe. Experimentiert wurde mit Materialien, die es Kampfflugzeugen ermöglichen sollten, durch die Radarstrahlen der Alliierten hindurchzuschlüpfen.

Wintersport-Dorado auf Stadtgrund

Erobert hatten den Berg auch die Wintersportler. Schon bei Fertigstellung der Straße gab es eine mehr als 16 Kilometer lange Langlauf-Loipe von Koppl 340 Meter aufwärts und 650 abwärts über den vorgelagerten Gersberg nach Parsch. Der Gaisberg war Austragungsort alpiner Skirennen, auch hier mit einem Todesopfer, und in den 1930ern der Rennrodel-Europameisterschaften. Ab 1954 brachte ein Einer-Sessellift Skisportler von Parsch bis zum Hotel Kobenzl, neun Jahre später wurde mit 60.000 Fahrgästen die beste Auslastung erreicht, bevor er 1972 stillgelegt wurde.

Beinahe Vierschanzentournee-Station

Auch zwei Skispungschanzen gehörten zum Angebot, wo 1949 vor 10.000 Zuschauern Paul Ausserleitner das Zistelspringen mit dem damaligen Schanzenrekord von 55 Metern gewann. Die Mitteregg-Schanze hatte gute Aussichten, Teil der gerade entstehenden Vierschanzen-Tournee zu werden, doch war dem Wirt des nahegelegenen gleichnamigen Gasthauses damals der Trubel zu viel, weshalb der dafür nötige Ausbau nicht in Angriff genommen und die Holzschanze abgerissen wurde. Der Schanzentisch oberhalb der Gersbergalm allerdings hat die Zeiten von Vegetation überwuchert überdauert.

(Quelle: SALZBURG24)

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