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"Herr der Schirme" Andreas Kirchtag im Sonntags-Talk: "Salzburger Schnürlregen ist ein Mythos"

Andreas Kirchtag führt den Betrieb in vierter Generation. SALZBURG4/Berger
Andreas Kirchtag führt den Betrieb in vierter Generation.

Hinter der Türe eines kleinen, unscheinbaren Geschäfts inmitten der Getreidegasse in der Salzburger Altstadt verbirgt sich eine über 115 Jahre alte, in Österreich inzwischen einzigartige Familientradition. In der Manufaktur Kirchtag werden handgefertigte Regenschirme hergestellt. Im Sonntags-Talk gewährt uns Inhaber Andreas Kirchtag einen Blick hinter die Kulissen und zeigt die Schwierigkeiten des traditionellen Handwerks auf, im Geschäftsalltag zu bestehen.

SALZBURG24: Sie führen die Schirmmanufaktur Kirchtag in vierter Generation. War es für Sie immer klar, das Familienunternehmen eines Tages fortzuführen?

ANDREAS KIRCHTAG: Eigentlich habe ich im Elektrogroßhandel gelernt. Erst im Jahr 1990 bin ich in die Firma eingestiegen. Zu dem Zeitpunkt haben wir gar keine Schirme mehr hergestellt, obwohl mein Vater und mein Onkel (die damaligen Eigentümer, Anm.) Schirmmachermeister waren. Wir haben Schirme repariert, aber auch das wurde immer weniger. Kirchtag machte sogar Badetaschen aus Markisenstoff, aber eben keine Schirme.

Erst seit Mitte der 1990er gibt es wieder handgefertigte Schirme. Ich wollte das alte Handwerk wieder beleben. Inzwischen arbeiten vier Leute in der Werkstatt, die sich im vierten Stockwerk über dem Geschäft befindet.

Das kleine Geschäft der Familie Kirchtag in der Getreidegasse./SALZBURG24/Berger Salzburg24
Das kleine Geschäft der Familie Kirchtag in der Getreidegasse./SALZBURG24/Berger

Wie viele Schirme stellen Sie heute pro Jahr her?

Das werden in etwa 500  sein. Die Herstellung eines einzigen Schirms nimmt zirka fünf Stunden in Anspruch. Alles wird per Hand gefertigt, ein Stück nach dem anderen und das braucht seine Zeit.

Worauf muss ich bei einem guten Schirm achten?

Der Stoff, die Schienen, die Federn, überall gibt es kleine Details, die den Unterschied machen. Der Stock wird bei uns beispielsweise aus einem durchgehenden Stück Holz gefertigt.

Die Schirme werden handgefertigt./SALZBURG4/Berger Salzburg24
Die Schirme werden handgefertigt./SALZBURG4/Berger

Wie behandle ich meinen Schirm richtig, damit er mich über Jahre trocken hält?

Das wichtigste ist, wie man den Schirm öffnet. Das machen die meisten Leute falsch. Die Spitze muss beim Öffnen anfangs nach unten zeigen, erst dann sollte man sie nach oben aufrichten und den Schirm vollständig öffnen. Wenn ich ihn gleich nach oben öffne, besteht die Gefahr, dass die Schienen sich verbiegen oder brechen. Das ist die häufigste Reparatur, die wir durchführen. Man sollte seinen Schirm auch immer aufgespannt trocknen lassen, sonst rostet das Gestänge mit der Zeit.

Mit dem weltweit bekannten Schnürlregen scheint die Stadt Salzburg das perfekte Pflaster für eine Manufaktur wie Ihre. Wie witterungsabhängig ist der Handel mit Regenschirmen wirklich?

Bei Regen greift man kurzerhand zum günstigen Modell. Ein schöner Schirm wird nicht unbedingt bei Schlechtwetter gekauft. Aber Regentage kurbeln unser Geschäft dennoch an. Denn dann werden die Leute wieder daran erinnert, dass sie sich einen neuen Schirm kaufen wollten.

Und der Schnürlregen ist in Salzburg eher Mythos als Tatsache. Schon mein Vater hat Wetteraufzeichnungen geführt und ich setze diese inzwischen fort. Von Montag bis Samstag wird jeden Tag notiert, ob Wetter 1, 2 oder 3 – also kein Niederschlag, leichter Regen oder Dauerregen. Und Wetter 3 kommt im Vergleich immer seltener vor.

Die Preise liegen bei 250 Euro aufwärts. Wer leistet sich einen handgefertigten Schirm?

Unsere Kunden schätzen die Qualität und sehen den Schirm nicht nur als Gebrauchsgegenstand, sondern auch als schmückendes Beiwerk. Eine Handtasche oder Schuhe kosten gern genauso viel oder gar mehr, also warum darf es nicht auch ein hochwertiger Schirm sein?

Wir bieten zudem einen Erlebniseinkauf an. Unsere Kunden können in die Werkstatt gehen, Stoffe und Holz aussuchen oder eine Gravur in Auftrag geben. Online verkaufen wir generell nicht. Ich lege Wert darauf, dass man sich für jeden Kunden Zeit nimmt und ihm seine Errungenschaft erklärt und ausführlich zeigt. Eine halbe bis dreiviertel Stunde dauert so ein Einkauf gleich einmal.

Inzwischen haben wir zumindest in Salzburg einen kleinen Namen und ein Kirchtag-Schirm ist vielen ein Begriff. Das hat aber Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gedauert. Wenn jemand neu aufsperrt und glaubt, in einem Jahr ist man am Markt etabliert, der irrt.

Wie viele Schirmmanufakturen gibt es heute noch?

In Paris und Mailand gibt es noch kleinere Manufakturen. So wie wir die Schirme herstellen, macht es heute aber niemand mehr. Das führt auch für uns zu Problemen, da unsere Lieferanten immer weniger werden. Unser Holzstock wird beispielsweise in Deutschland in einem kleinen Unternehmen über Dampf gebogen. Der Mann arbeitet mit uralten Maschinen. Sein Sohn will den Betrieb aber glücklicherweise fortführen.

Für den Schirmstock stehen 20 verschiedene Holzsorten zur Auswahl./SALZBURG24/Berger Salzburg24
Für den Schirmstock stehen 20 verschiedene Holzsorten zur Auswahl./SALZBURG24/Berger

Sehen Sie für Ihre Manufaktur dennoch positiv in die Zukunft?

Den Beruf des Schirmmachers gibt es ja schon lange nicht mehr. Das Know-How ist bei uns im Haus und hier wird es auch weitergegeben. Bis der nächste das Handwerk nicht beherrscht, darf dem anderen nichts passieren. (schmunzelt)

Um die Frage zu beantworten: Ich würde wahrscheinlich niemandem raten, eine Schirmmanufaktur neu zu eröffnen. Der Konkurs-Antrag liegt bei mir immer auf dem Schreibtisch, mal weiter oben, mal ganz unten. (lacht)

Wie geht es dem traditionellen Handwerk generell?

Ich sehe da derzeit schon einen kleinen Trend. Die Frage ist, wird dir dein Handwerk auch entsprechend entlohnt? Nur mit unseren Schirmen alleine könnten wir uns zum Beispiel nicht finanzieren. Da geht die Rechnung nicht auf, wir müssten den Preis deutlich anheben. Das will ich aber partout nicht. Wer kauft schon einen Schirm für 1.000 Euro? Der Handel mit Taschen, Koffern und zugekauften Schirmen stützt uns und ermöglicht den Spielraum.

In der Salzburger Getreidegasse reihten sich früher zahlreiche kleinere Betriebe wie Ihrer. Heute sind es eher große Ketten. Wie sehen Sie das?

Das Angebot wird mehr oder minder austauschbar, egal in welcher Stadt ich bin. In Salzburg stimmt das zum Glück noch nicht ganz. Vor allem in den Seitengassen finden sich viele kleinere Betriebe und Boutiquen. Diese sind wichtig, um die Einheimischen in die Stadt zu bekommen.

Einen Kirchtag-Schirm gibt’s beispielsweise nur in der Getreidegasse oder in der Halleiner Altstadt. Den finde ich in keinem Shoppingcenter. Wir haben auch schon Marken aus dem Sortiment genommen, weil sie einen eigenen Store eröffnet haben.

Nehmen Europark und Designer Outlet der Altstadt das Geschäft weg?

Früher hieß es immer, in der Altstadt sind nur die teuren Geschäfte. Aber das stimmt so nicht. Vor allem größere Ketten haben ihre Filialen da und dort. Die Einkaufszentren punkten natürlich direkt an der Autobahn mit ihrer Erreichbarkeit. Für mich fehlt dort aber das Shoppingerlebnis. Aber es ist halt praktisch.

Die Stadt Salzburg trifft die Konkurrenz schon auch, aber ich glaube, die Umlandgemeinden haben eher damit zu kämpfen. Dort finden sich in den Ortskernen immer mehr leere Geschäfte, weil sich niemand mehr ansiedelt. Dramatischer für den lokalen Handel sind aber Online-Shopping-Portale. Die Drittanbieter zerschlagen die Preise der Hersteller. Alleine in der Lederwaren-Branche haben im Vorjahr in Österreich 30 bis 40 Geschäfte geschlossen, weil die Rechnung nicht mehr stimmt und sich in Folge kein Nachfolger findet.

Gibt es bereits einen potenziellen Nachfolger im Hause Kirchtag?

Meine beiden Kinder studieren derzeit. Mein Sohn hilft zwar hin und wieder im Geschäft, ob es jemand übernehmen will, ist aber vollkommen offen. Wenn es einmal keiner weiterführen will, dann ist es halt so. Auch das muss man akzeptieren.

Lieber Herr Kirchtag, vielen Dank für das Gespräch!

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 08:41 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/herr-der-schirme-andreas-kirchtag-im-sonntags-talk-salzburger-schnuerlregen-ist-ein-mythos-60524467

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