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"Pilot deines Lebens"

Matthias Strolz schließt Polit-Comeback nicht aus

Ehemaliger NEOS-Chef im S24-Interview

Matthias Strolz bei Lesung in Salzburg SALZBURG24/Wurzer
Ex-NEOS-Chef Strolz im Gespräch mit SALZBURG24-Chefredakteurin Nicole Schuchter.

Er berät zur Selbstfindung, motiviert zu Veränderung und Neuanfang – der ehemalige NEOS-Chef Matthias Strolz stellte am Dienstag in Salzburg sein aktuelles Buch „Sei Pilot deines Lebens“ vor. Wir haben den ehemaligen Spitzenpolitiker vor seiner Lesung zum Interview getroffen und mit ihm über den Weg des Herzens, seine Zukunftspläne und Achtsamkeit in der Politik gesprochen.

Salzburg

Energiegeladen und fröhlich – so wie man einen Matthias Strolz eben kennt – marschiert er eine Stunde vor seiner Lesung in der Panoramabar der Stadtbibliothek Salzburg auf uns zu. Die Begrüßung ist offen und herzlich. Strolz hat sich nach seinem eleganten Abgang von der Politik-Bühne im Mai 2018 neu erfunden. Wie, das beschreibt der 46-Jährige unter anderem in seinem aktuellen Buch „Sei Pilot deines Lebens“ (Brandstätter Verlag). Der Buchtitel ist übrigens ein Zitat aus der Rede seiner Rücktritts-Pressekonferenz.

Der gebürtige Vorarlberger weiß, was bei den Leuten ankommt, was wirkt und vor allem wie es wirkt. „Er hot a G‘spür“ würden seine Weggefährten sagen. Kritiker könnten ihm Inszenierung und Manipulation vorwerfen. Was stimmt, wissen wir nicht. Klar nach diesem Interview wird jedoch eines: Matthias Strolz ist authentisch – Schein und Sein passen zusammen.

SALZBURG24: „Sei Pilot deines Lebens“, heißt Ihr aktuelles Buch. Wohin steuern Sie derzeit und mit welcher Maschine sind Sie wie schnell unterwegs?

MATTHIAS STROLZ: (lacht) Ich bin wieder sehr unternehmerisch engagiert, einerseits als Autor und TV-Schaffender, dann als Berater und Coach für Unternehmen, Einzelpersonen und Non-Profit-Organisationen und zum Dritten widme ich mich dem Ehrenamt. Aber eigentlich mache ich seit jeher dasselbe. Ich bin Gärtner des Lebens und kultiviere soziale Felder. Die Entfaltung des Menschen ist ein Thema, das mich einfach fasziniert.

Seit wann ist das so?

Eigentlich schon immer, wenn ich ehrlich bin. Es war in der Muttermilch. Ich habe schon mit 13 Jahren Ministranten-Ausflüge in Vorarlberg organisiert. Später war ich Klassensprecher, Schulsprecher und dann Landesschulsprecher. Das heißt, das Arbeiten im Kollektiv hat mich schon immer fasziniert.

In Ihrem Buch haben Sie ein High-Five-Modell entwickelt – die fünf Schritte zur persönlichen Entfaltung: Bewusst werden – loslassen – mit Berufung verbinden – Form geben – verkörpern. Welcher Schritt ist der schwierigste?

Ich glaube, für die meisten ist es das Loslassen und die Verbindung in die dritte Schichtung, der Berufung. Das ist ja nichts anderes, als die Stimme des Herzens. Diese zu hören, das kann man kultivieren – und in dieser extrem lauten, schnellen und reizdurchfluteten Zeit, in der wir leben, müssen wir wieder ganz bewusst bei uns selbst einkehren. Wenn du das nicht tust, bist du Passagier und nicht Pilot deines Lebens.

Wenn wir aus einer darwinistischen Logik auf uns schauen, also der Logik der Evolution, dann ist der Mensch jetzt an einem ganz spannenden Punkt: Wenn wir uns weiterhin wie in den letzten drei Jahrhunderten über unsere Hirnleistung definieren, dann prognostiziere ich, dass die Menschheit von der Maschine ersetzt werden wird. Dann wird uns die Evolution in den nächsten 200 Jahren aussortieren. Also müssen wir uns darauf zurückbesinnen, dass der Mensch auch eine spirituelle Dimension hat. Wir haben eine Seele, das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Das sollten wir erkennen.

Sie möchten also die Menschen ermutigen, das Leben selbst zu gestalten und der Stimme des Herzens zu folgen – richtig?

Ja, genau. Das Buch soll eine Art Inspiration sein. Das braucht jeder von uns einmal.

Welche Unterstützung brauchen Sie eigentlich?

Viele! Ich habe immer wieder meine Frau, die mich ermahnt. Ich habe als großen Unterstützer meinen Bandscheibenvorfall, der mir sagt, jetzt nimmst dich wieder mal zu wichtig. Und so habe ich meinen Körper als Freund gewonnen. Der erzählt mir sehr viel über mich und meine Grenzen. Und da bin ich ein großer Lernender.

Die Achtsamkeit dringt immer tiefer in die verschiedenen Bereiche unseres Lebens ein. Wie etwa Gesundheit, Bildung, Wirtschaft. Wie passen Achtsamkeit und Politik für Sie zusammen?

Noch gar nicht. Ich habe bei meiner Abschiedsrede versprochen, dass ich eine Achtsamkeits-Initiative starten werde für das Österreichische Parlament. Das ist eines meiner ehrenamtlichen Projekte, gemeinsam mit der Initiative Achtsames Österreich. Da sind wir noch in Vorbereitung.

Im neu umgebauten Parlament wird es einen Raum der Stille geben. Das halte ich für sehr wichtig. Denn das Parlament ist eine der größten, wenn nicht die größte Sinnfabrik der Republik. Das sind kleine, symbolische Akte. Also wir arbeiten daran.

Das heißt?

Wir planen ein Achtsamkeitstraining für Politiker, die sich freiwillig melden können. Wir sind in Kontakt mit anderen Parlamenten, die das eingeführt haben, aber wir sind da schon noch ganz am Anfang. Ich will die neuen Fraktionsvorsitzenden, die neuen Klubchefs dafür gewinnen.

Im Silicon Valley hat jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, bereits Achtsamkeitsprogramme für die Mitarbeiter. Man kann das natürlich auch sehr kritisch sehen. Wollen wir den Menschen noch weiter optimieren, damit wir die Arbeitsverdichtung weitertreiben können? Es gibt also nichts Gutes ohne Abrisskante. Auch das sollte man sich bewusst machen.

 

Die Politik lebt von der Inszenierung, sie erzeugt auch Illusionen. Die Achtsamkeit hingegen schaut auf das, was tatsächlich ist. Wie könnte eine achtsame Politik in Österreich aussehen?

Naja. Ich glaube, dass die Häme, die Frustration und der Zynismus im Parlament nicht so groß wären. Wir müssen einen Weg finden, wie wir mit dieser überreizten Welt umgehen. Es gibt viele Wege. Einer davon ist, in die Aggression zu kippten – und das ist das, was wir im Parlament ab und zu sehen. Ein anderer Weg ist Zynismus, was ich selbst erlebt habe. Nach einigen Jahren beginnt der Zynismus in dich hineinzukrabbeln. Und eine weitere Möglichkeit sind Achtsamkeitstechniken. Jede große Kultur, jede Religion der Menschheit hatte das eingebaut. Das haben wir halt aussortiert und wird jetzt wieder mehr und mehr eingeliefert. Fasten zum Beispiel.

Die Leute in der Politik sind aber durchaus achtsamer veranlagt, als sie zeigen wollen. Sie empfinden es als Ausdruck der Verletzlichkeit, wenn sie ihre achtsame Seite zeigen. Und wenn sie ihre spirituelle Seite zeigen, haben sie Angst, dass sie als obskure Esoteriker verschrien werden. Ich kenne zum Beispiel etliche, die Yoga machen. Die reden halt nicht drüber. Aber vielleicht muss auch nicht jeder die Dinge so hinausposaunen, wie ich das tue.

Machen Sie Yoga?

Ja. Seit acht Jahren bin ich ein Anfänger.

Wird man einen Matthias Strolz in der Politik irgendwann mal wiedersehen?

Ja, das schließe ich nicht aus, weil ich den Virus habe. Und das ist auch meine Berufung ein Stück weit. Aber genauso ist meine Berufung Vater zu sein. Für die nächsten Jahre schließe ich es aus, weil ich gemerkt habe, dass meine Familie mich braucht. Und meine Nerven sind nicht mehr so gut wie vor fünf Jahren. Ich fühle mich so unendlich dankbar, dass ich eine so kraftvolle Nachfolgerin hatte. Ich weiß nicht, für was ich mich entschieden hätte, wenn ich hier keine Aussicht auf eine konstruktive Nachfolge gesehen hätte. Ich bin gut ersetzbar.

 

Ein bisschen Wehmut ist zu spüren.

Klar. Die Politik ist eine Droge und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es hat mir nicht geschmeckt. Aber ich bin nicht abhängig davon. Und ein bisschen Wehmut gehört dazu, wenn du eine große Liebe hast ziehen lassen. Wir haben schon alle Beziehungen zum Abschluss gebracht, die wir hoffentlich in unserem Herzen weitertragen. Aber die im Alltag keine Rolle mehr für uns spielen. Und so ist es bei mir mit der Politik, im Moment.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 16.10.2019 um 02:01 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/matthias-strolz-schliesst-comeback-als-politiker-nicht-aus-77086048

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