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"Uns schmeißt so schnell nichts aus den Socken"

Salzburgs Krisenmanager Michael Haybäck im Interview

IMG_6900.jpg SALZBURG24/Naderer
Michael Haybäck ist Abteilungsvorstand der MA 1 in der Stadt Salzburg und somit Herr über sieben Ämter.

Hochwasser, Flüchtlingskrise, Großveranstaltungen oder nun das Coronavirus: In der Stadt Salzburg gab es wohl kaum eine Krise, in die Michael Haybäck nicht involviert war. Seit wenigen Tagen ist der Jurist Abteilungsvorstand der Allgemeinen- und Bezirksverwaltung (MA 1). Im Sonntags-Talk erzählt uns der erfahrene Krisenmanager, was die aktuelle Corona-Thematik ausmacht und welche Krise für ihn die bislang größte Herausforderung war.

Salzburg

Während seiner Zeit im Amt für Öffentliche Ordnung hat der 58-Jährige das Krisenmanagement in der Stadt Salzburg maßgeblich mitgeprägt und vor allem technisch auf neue Beine gestellt. Seit Montag ist Haybäck nun Bezirkshauptmann für die Stadt Salzburg und damit Herr über sieben Ämter.

SALZBURG24: Herr Haybäck, im Umgang mit Krisen aller Art blicken Sie auf langjährige Erfahrung zurück. Derzeit wird alles vom Coronavirus überschattet. Wie schätzen Sie dieses Ereignis ein?

MICHAEL HAYBÄCK: Wir kennen dieses Virus erst seit Ende des letzten Jahres. Das heißt, wir befinden uns in einem relativ kurzen Beobachtungszeitraum. Die Aufgabe unserer Bezirksverwaltungsbehörde ist nun, eine aktuelle Gefährdungseinschätzung vorzunehmen. Die große Herausforderung liegt darin, jeden einzelnen Fall zu beurteilen, inwiefern es sich um einen Verdachtsfall handelt und ob Absonderungsmaßnahmen oder andere Vorkehrungen getroffen werden müssen. Jeder Fall muss dabei auf seine Verhältnismäßigkeit hin geprüft werden. Deshalb können wir auch noch nicht für die Zukunft vorausschauend agieren.

Der wirtschaftliche Schaden, den das Coronavirus schon jetzt verursacht, ist aber nicht zu unterschätzen. Die Menschen sind verunsichert, gerade in Bezug auf Reisen und wollen wissen, wie sie sich schützen können. Das Coronavirus beeinflusst also die Menschen, ob sie es wollen oder nicht. Deshalb glaube ich, ist es von solch großem Interesse.

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Bei einer Pressekonferenz informierte Michael Haybäck (links) gemeinsam mit dem Leiter des Gesundheitsamtes, Claus Peter Reedl, über den ersten Coronavirus-Fall in der Stadt Salzburg.

Mit Blick auf vergangene Ereignisse, bei denen Sie als Krisenmanager tätig waren, wie ordnen Sie hier nun die aktuelle Corona-Krise ein?

Die Frage ist, wie es sich entwickelt. Das invasivste Ereignis meiner Karriere war sicherlich die Flüchtlingskrise. Beim Coronavirus ist das anders, nun sitzen wir alle im selben Boot. Wir haben eine Bundesregierung mit einem Bundeseinsatzstab und die Situation wird immer wieder neu beurteilt. Zudem ist das Verständnis eines Großteils der Menschen gegeben. Das war in der Flüchtlingskrise anders, da sind die Menschen von den Ereignissen komplett überrascht worden.

Man merkt, dass derzeit Informationen seitens der Politik – egal ob Bund, Land oder Stadt – proaktiv an die Menschen weitergegeben werden. Halten Sie das für den richtigen Weg, oder schürt man damit nicht sogar Panik und Hysterie?

Ich halte das für den einzig richtigen Weg, aus zwei Gründen. Das erste ist: Uninformiertheit schafft Angst. Die Leute fürchten sich, wenn sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Dem kann man mit Information begegnen und das führt mich zum zweiten Punkt: Transparenz. Es macht keinen Sinn, wenn die Behörden die Dinge, die sie bereits wissen, unter der Decke halten, verzögert oder dossiert herausgeben. Das erhöht massiv die Unsicherheit und die Nachfrage der Menschen. Ganz wichtig dabei ist, dass man Vertrauen hat. Was bei uns in der Stadt, denke ich, der Fall ist.

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Gepostet von Stadt Salzburg.at am Dienstag, 3. März 2020

Wie gut sehen Sie die Stadt Salzburg auf die Corona-Krise vorbereitet?

Die Corona-Krise hat sich schon vor einigen Monaten angekündigt. Wir haben das genau beobachtet und bereits von der SARS-Krise her gekannt, wie man mit solchen Dingen umgeht. Solchen Ereignissen liegt immer die Stabsarbeit zugrunde. Es ist ja nicht so wie im Fernsehen, dass ein Hauptdarsteller die Krise eines Landes abwendet. Es gibt überall Einsatzstäbe, in denen Profis sitzen und Informationen einholen, sortieren und aus dieser Gefährdungseinschätzung dann Entscheidungen ableiten.

In Salzburg haben wir hier das Ordnungsamt als große Rechtsbehörde, das Gesundheitsamt mit Fachmedizinern und Abteilungsleitern. Das Zusammenwirken dieser Institutionen, gegebenenfalls mit anderen Einrichtungen noch, schafft in vielen Bereichen dann den Überblick, wie wir solche Dinge handhaben. Wir sind mittlerweile aufgrund vieler Ereignisse krisenerprobt, uns schmeißt so schnell nichts aus den Socken.

Wie sehen Sie die Reaktion der Bevölkerung auf das Coronavirus?

Ich glaube, der Großteil der Bevölkerung hat ein gesundes Maß an Realismus und Einschätzungsvermögen. Ich glaube auch, dass sich die meisten nicht fürchten. Die Menschen wissen, dass diese Situation auf sie zukommt. Es gibt aber einen kleinen Teil, der ist aufgeregt und grundsätzlich ängstlich. Beunruhigend war wohl festzustellen, wie schnell es geht, dass eine Krankheit, die ausschließlich auf China beschränkt war, über die Wege der Globalisierung die ganze Welt erreicht hat. Wie aber zuvor erwähnt, macht es keinen Sinn, Dinge schönzureden. Wir geben das wieder, was tatsächlich ist und informieren über die Maßnahmen, die es dagegen gibt.

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Michael Haybäck (rechts) mit dem damaligen Bürgermeister Heinz Schaden (links) und Ex-Verteidigungsminister Gerald Klug während der Flüchtlingskrise 2015.

Sie haben bereits erwähnt, dass die Flüchtlingskrise die bislang größte Herausforderung in ihrer Laufbahn war. Warum?

Es war die Intensität. Beim ersten Anruf Ende August 2015 habe ich nicht glauben können, dass 2.000 unversorgte Menschen am Hauptbahnhof angekommen sind. Das ist eine Vorstellung, die ich in einem hochentwickelten Staat wie unserem nicht für möglich gehalten habe. Wir haben dann jeden Tag von den frühen Morgenstunden an bis spät in die Nacht versucht, das Problem bestmöglich zu lösen. Es gab ja keine Alternative dazu. Also haben wir eine tolle Stabsarbeit geleistet, aus der sich sogar Freundschaften entwickelt haben.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage an der griechisch-türkischen Grenze ein, wiederholt sich eine Situation wie 2015?

Das ist schon fast eine politische Frage. In den seltensten Fällen aber wiederholen sich Krisen eins zu eins, wie sie vorher waren. Denn ein Prägungseffekt ist schon vorhanden, wenn auch nicht unbedingt ein Lerneffekt. Dass man also wieder die gleiche Entwicklung hat, ist eher unwahrscheinlich.

Sollte es wieder zu einer Flüchtlingskrise kommen, wie gut sehen Sie Salzburg dieses Mal vorbereitet?

Der echte Krisenmanager sieht sich generell in seinen Grundlagen vorbereitet. Der größte Fehler, den man machen kann, ist, sich Dinge vorzustellen, die so vielleicht gar nicht eintreffen werden. Denn dann würde man sich falsch vorbereiten. Man muss also Vertrauen in die Instrumente, die Zusammenarbeit und die Lagebildeinschätzung haben. Ich glaube auch, dass wir heute ein ganz anderes Lagebild aus Wien bekommen würden als das 2015 der Fall war. Es kann natürlich Herausforderungen ganz anderer Natur geben. Aber so lange wir gut zusammenarbeiten, werden wir solche Herausforderungen sicherstellen und meistern können.

Die vielen vergangenen Ereignisse schweißen uns in der Stadt Salzburg ja auch zusammen. Wir kennen die handelnden Personen, sowohl beim Roten Kreuz, als auch bei der Polizei oder beim Bundesheer. Somit bestehen kurze Wege und wir können schnell reagieren.

Bei all dem Krisenmanagement, wie finden Sie hier persönlich Ihren Ausgleich?

Ich habe ein Pferd, mit dem beschäftige ich mich sehr gerne. Das ist eine tolle Herausforderung und auch Entspannung. Da bin ich weit weg von Berufsproblemen. Außer das Handy klingelt.

Außerdem geben mir meine Frau und meine Familie einen außergewöhnlichen Rückhalt. Das ist als Führungskraft meine Tankstelle. Denn manche Dinge sind nicht immer einfach, mitunter bringt man Probleme auch mit nach Hause und die Umgebung bekommt die Belastung mit. Da ist es schön, wenn man einen entsprechenden Rückhalt hat.

Außerdem betreibe ich mit meiner Frau drei Bienenstöcke. Das ist auch toll und senkt den Blutdruck. Die Imkerei ist eine ziemliche Wissenschaft, ich habe das gerade erst begonnen. Ich will keinen Honig produzieren, aber es macht mir einfach Spaß.

Zu Beginn dieser Woche haben Sie die MA 1 in der Stadt Salzburg übernommen. Gibt es große Pläne, was Sie hier in den kommenden Jahren umsetzen wollen?

Das lässt sich sehr schnell beantworten: Aktuell sind wir mit dem Coronavirus beschäftigt, dazu gibt es vormittags und nachmittags Einsatzbesprechungen. Hier besteht also unglaublicher Koordinierungsbedarf und dieses Thema überschattet derzeit alles.

Herr Haybäck, vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gerne.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

(Quelle: SALZBURG24)

Aufgerufen am 12.08.2020 um 10:08 auf https://www.salzburg24.at/news/salzburg/stadt/michael-haybaeck-im-sonntags-talk-uns-schmeisst-so-schnell-nichts-aus-den-socken-84463759

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